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Als Helmut Schmidt den Weltwirtschaftsgipfel erfand

Gemeinsam mit Valéry Giscard d’Estaing initiierte der Kanzler 1975 das erste Treffen für Staatsmänner aus den größten Industriestaaten in einem Schloss bei Paris. Damals waren sie nur zu sechst

Die Staatsmänner genossen den diskreten Charme und die Abgeschiedenheit im Salon des Schlosses Rambouillet im Südwesten von Paris. Und nach einem formidablen Frühstück an diesem Novembermontag 1975 bat Deutschlands Bundeskanzler Helmut Schmidt die Mitstreiter dieses G6-Gipfels, ihre Unterschriften auf der Speisekarte zu hinterlassen – als persönliche kleine Erinnerung an ein großes Treffen.

Frankreichs Präsident Valéry Giscard d’Estaing, Großbritanniens Premierminister Harold Wilson und andere Gäste folgten der Aufforderung gerne. Auch Schmidt unterschrieb. Zurück in Hamburg-Langenhorn legte er das mit einer Kordel in den Farben des Gastgeberlandes zusammengebundene Dokument in sein Archiv. Zusammen mit einem mehrseitigen, mit grünem Stift verfassten Manuskript einer Rede, die der Kanzler zum Abschluss des Ereignisses hielt. Vielleicht, so Schmidts Gedanke, würden diese Erinnerungsstücke irgendwann noch einmal von Interesse sein. Das ist spätestens jetzt der Fall.

Schmidt bevorzugte Treffen in kleinem Kreis und Rahmen

Denn unmittelbar vor der Versammlung von 20 Regierungschefs aus aller Welt in Hamburg besteht Anlass, an die Gründungsjahre internationaler Gipfeldiplomatie zu denken. Ob Helmut Schmidt geahnt hätte, welche Turbulenzen es rund um die bemerkenswerteste und umstrittenste Veranstaltung gibt, die Hamburg je erlebt hat? Die Wahl seiner Heimatstadt war erst im Februar 2016 bekannt gegeben worden, knapp drei Monate nach seinem Tod am 10. November 2015.

„Das riesige Ausmaß dieser Gipfel-treffen entspricht gewiss nicht der damaligen Intention Helmut Schmidts“, sagte Peer Steinbrück bei einem Gespräch mit dem Abendblatt in den neuen Räumen der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung im nach ihm benannten Haus am Kattrepel in der Innenstadt. Der frühere SPD-Kanzlerkandidat leitet das Kuratorium dieser vom Bund zukünftig mit jährlich 2,6 Millionen Euro unterstützten Politikergedenkstiftung.

„Schmidt favorisierte den kleinen Kreis“, weiß Steinbrück, der als Finanzminister selbst an drei G20-Gipfeln teilnahm, „er schätzte vertrauensbildende Maßnahmen, entspannt und möglichst ohne Schlips, höchstens noch mit je einem Berater im Hintergrund.“ Zusammen mit Angela Merkel reiste Steinbrück im November 2008 zu diesem Zweck nach Washington, im Jahr darauf nach London sowie nach Pittsburgh.

Anschließend habe Helmut Schmidt daheim – wie immer – enorme Wissbegierde an den Gesprächen gezeigt. „Manchmal hatte er sich zuvor Notizen gemacht, um präziser nachfragen zu können“, erinnert sich Peer Steinbrück. Ein Staatsmann wie Schmidt sei eben niemals im Ruhestand gewesen, auch im Alter von damals 90 Jahren nicht.

Heute ist das Geschichte – das Wirken des Weltbürgers aus Langenhorn, aber auch der G6-Gipfel vom 15. bis 17. November 1975 in der Sommerresidenz Giscard d’Estaings. Umso größere Bedeutung kommt den Dokumenten im Schmidt-Archiv am Neubergerweg zu. Archivleiterin Heike Lemke, seit 1994 im Dienst, erst bei Loki, später auch bei Helmut Schmidt, förderte interessante Unterlagen zutage. Sie wurden bisher noch nie veröffentlicht. Bei insgesamt 2800 Ordnern und Fotoalben von 1947 bis 2015 ist es ein Kunststück, mit gezielten Griffen die passenden Dokumente zu finden.

Zum Abendblatt-Gespräch in den 400 Quadratmeter umfassenden Büroräumen der Stiftung ist neben Peer Steinbrück auch das ehrenamtliche Vorstandsmitglied Stefan Herms erschienen. Der ehemalige Staatsrat fungiert zudem als Geschäftsführer der privaten Helmut und Loki Schmidt Stiftung.

Während Letztere vornehmlich dem Andenken des verstorbenen Ehepaars dient, beschäftigt sich die Bundesstiftung mit dem politischen Erbe des Staatsmanns. Vielleicht schon Ende 2018, zum 100. Geburtstag Helmut Schmidts, soll am Kattrepel 10 auf 450 Quadratmetern eine Ausstellung eröffnet werden.

„Helmut Schmidt war mehr als nur Mitinitiator dieses G6-Gipfels vor fast 42 Jahren auf Schloss Rambouillet“, sagt Stefan Herms. Bewusst habe er als Ideengeber Frankreich die Gastgeberrolle dieser Gipfelpremiere überlassen. Weil es aus seiner Sicht für Deutschland ratsamer war, drei Jahrzehnte nach Kriegsende in der Weltpolitik dezent aufzutreten.

Dieses Kalkül ging auf. Neben Gastgeber Giscard und seinem deutschen Freund Schmidt flogen US-Präsident Gerald Ford, der Brite Harold Wilson und die Premiers Aldo Moro aus Italien sowie Takeo Miki aus Japan nach Frankreich. Zeitweise waren auch die Finanz- und Außenminister anwesend. Es war der erste dieser als Weltwirtschaftsgipfel bezeichneten Gesprächskreise der bedeutendsten Industrieländer. 1976 wurden mit der Aufnahme Kanadas G7 daraus, 1998 mit Russland G8. Nach der Krim-Annexion wurde Russland 2014 ausgeschlossen.

Es war eine spannende Ära. Stefan Herms zeigt umfangreiches Material aus dem Archiv. Neben den Autogrammen auf der Speisekarte und dem handgeschriebenen Redemanuskript gehören Fotos und Aktenstücke dazu. Einige wurden seinerzeit von der Abteilung Nachrichten, Referat II/4, des Kanzleramtes zusammengestellt.

Wie gewohnt mit grünem Filzstift zeichnete Helmut Schmidt, der neunmal an solchen Gipfeln teilnahm, die Unterlagen ab und übergab sie seinem Archiv. Auf dem Schloss ging es 1975 demnach um die Folgen der Öl- und Finanzkrise und um Chancen wirtschaftlicher Erholung. Nach drei Tagen verabschiedeten die sechs Staats- und Regierungschefs eine 15-Punkte-Erklärung. Vereinbart wurden jährliche Treffen unter jeweils rotierender Präsidentschaft.

Seine Erinnerungen gab Deutschlands Kanzler später zu Protokoll: „Das Schloss war angenehmerweise nicht allzu geräumig, die Konferenz fand in einem kleinen Saal statt. Die Zimmer der Chefs lagen eng beieinander, aber Presse und Fernsehen waren außerhalb des Parks, das heißt weit weg. Valéry hat es verstanden, eine nachbarschaftliche, freundschaftliche Atmosphäre herzustellen.“

Davon kann in den bevorstehenden Tagen in Hamburg keine Rede sein. Schmidts Haltung zum G20-Gipfel kann man nur erahnen, doch was meinen Peer Steinbrück und Stefan Herms quasi als „politische Nachlassverwalter“? Beide wehren sich gegen diese Einstufung. „Im Nachhinein wird deutlich, was 1975 auf Schloss Rambouillet in Gang gesetzt wurde“, sagt Steinbrück. „Schmidt war so etwas wie ein Spiritus Rector der Gipfeldiplomatie auf Weltebene“, ergänzt Herms.

Peer Steinbrück hält Treffen wie G20 für unverzichtbar

„Der Gipfel kleidet Hamburg als Großstadt“, meint Steinbrück abschließend. „Allerdings befürchte ich, dass seine zentralen Themen hinter den Bildern eventuell militanter Auseinandersetzungen verblassen könnten.“ Grundsätzlich sei ein solches Treffen ob der aktuellen Probleme „zwingend erforderlich“.

Friedliche Proteste entsprächen unserer Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, alles was darüber hinausginge keinesfalls. Seine Auffassung: „Es handelt sich nicht um ein Treffen von Raubtierkapitalisten. Da sitzen 20 Länder von allen Kontinenten am Tisch. Es geht in diesen unsicheren Zeiten um zentrale Zukunftsfragen, die dringend vertrauensbildende Treffen und Verabredungen benötigen.“ Keiner der beiden zweifelt daran, dass Helmut Schmidt die Lage ähnlich gesehen hätte.