Thema

„Es gibt den Ort nicht mehr“

Zerstörte Häuser, Tote und Verletzte, Überlebende im Schockzustand – aber auch viele helfende Hände: Ausnahmezustand in Italien nach dem Erdbeben

Staub wirbelt hoch, dann kracht es laut und ist gleich wieder still. Ein weiteres Haus ist eingestürzt, weiter hinten an der Hauptstraße von Amatrice. „Es gibt den Ort nicht mehr“, sagt Bürgermeister Sergio Pirozzi. Nur wenige Stunden vorher haben ein Erdstoß der Stärke 6,2 auf der Richterskala und ein fast ebenso starkes Nachbeben den Ort hoch oben im Appeningebirge zerstört. Amatrice zählt bis zum Mittwochnachmittag Dutzende Todesopfer und zahlreiche Verletzte, darunter kleine Kinder.

Auch die um das Epizentrum des Bebens liegenden Orte Accumoli und Arquata del Tronto zählen in diesen Stunden ihre Opfer. Am Abend sind es insgesamt mindestens 120. Aber die Zahl der Toten und Verletzten wird vermutlich noch weiter steigen. Noch immer werden viele Opfer unter den Trümmern vermutet.

Ein Mann in einem karierten Hemd kauert auf dem Trümmerhaufen, der sein Haus war. Den Kopf hält er gesenkt. Vor ihm graben Helfer nach seinen Angehörigen. Der Mann ist still, alle sind still. Es ist diese furchtbare Stille nach einem Erdbeben: Der Stoß dauert nur wenige Sekunden, zerstört, reißt Menschen in den Tod. Dann ist alles vorbei. Die Überlebenden haben starre Gesichter, stehen unter Schock, können nicht einmal weinen.

Das Krankenhaus ist zerstört, Ärzte improvisieren

Hubschrauber kreisen laut über dem Ort. Aus der Vogelperspektive wird das ganze Ausmaß der Tragödie sofort sichtbar: Drei Viertel von Amatrice sind dem Erdboden gleichgemacht. Am Eingang zum Ortskern hat jemand eine Kordel gespannt. Das ist die Linie, die nur Helfertrupps überschreiten dürfen.

Staub liegt auf dem Asphalt, darin dunkle Blutstropfen. Jemand läuft mit einem Eimer Sand herum, um diese Spuren zu verdecken. Verletzte und Tote werden heruntergetragen, in Rettungswagen in die nahe gelegenen Provinzstädte Rieti und Ascoli Piceno gebracht. Das Krankenhaus von Amatrice, das am Ortseingang liegt, ist total zerstört. Ärzte und Krankenschwestern haben mit dem Nötigsten eine Art Feldlazarett unter freiem Himmel eingerichtet.

Staub liegt auch auf den Dächern der Autos, die am Morgen aus den Bergen herunterkommen. Es sind die Einwohner der zerstörten Orte, ihre Wagen sind vollbepackt mit den Sachen, die sie retten konnten. Sie flüchten hinunter nach Rom, wo sie bei Verwandten und Freunden unterkommen, bis das Schlimmste vorbei sein wird. Aber auch Urlauber sind darunter, viele Römer, die vor der Hitze in der Stadt regelmäßig hierher in ihre Ferienhäuser oder zu Verwandten flüchten. Es ist August, Ferienzeit.

Rettungswagen rasen mit Blaulicht zum Katastrophengebiet hinauf und wieder herunter. Kolonnen von Carabinieri, Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Forstschutz säumen die Straßen in Richtung Amatrice. Bagger und Kräne von Privatfirmen und Heer warten auf ihren Einsatz. Nachschub für die Helfer. Der Asphalt ist an vielen Stellen tief aufgerissen, Leitplanken sind talwärts gerutscht. Die Nachbeben erschüttern die Straße noch am Nachmittag, es ist, als ob einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Und es wird noch tage-, vielleicht wochenlang so bleiben. Sogar im 150 Kilometer entfernten Rom sind die meisten Menschen von dem Beben nachts aufgewacht.

Menschen kommen mit Kinderwagen und Koffern aus dem Dorf herunter, ein paar Habseligkeiten und das Nötigste, für mehr reichte es nicht. Am Straßenrand steht eine Familie, jemand umarmt einen weinenden Mann. Ein paar Menschen sitzen tatenlos auf der Terrasse ihrer Trattoria. Ein Trupp Polizisten kommt vorbei, mit Schutzanzügen und Helmen. Vor dem Absperrband steht ein Mann. Er trägt einen Pullover, obwohl die Sonne brennt, und hält krampfhaft zwei Decken vor dem Bauch fest. Sie sind alles, was ihm bleibt. „Es ist ein Wunder“, sagt er immer wieder. Als die Erde bebte, rannte er aus seinem Haus. Beim zweiten Erdstoß stürzte es zusammen. Er weiß nicht, wo seine Verwandten sind.

Italiens Regierungschef Matteo Renzi bricht eine Reise zum Treffen der Sozialistischen Internationale in Paris ab. Er sagt: „Mein erster Gedanke geht an die Familien der Opfer, an alle jene, die eine Mutter, ein Kind, einen Freund verloren haben und diese dramatischen Stunden durchleben.“ Er dankt jenen, die Leben retten. Es zeige sich, wie groß die Bedeutung von Zivilschutz und Freiwilligen sei. „Wir lassen niemanden alleine“, sagt er.

Solidaritätsbekundungen kommen auch aus dem Ausland: Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa übermittelt in einem Telegramm an Renzi das „tiefe Mitgefühl des deutschen Volkes“. Papst Franziskus unterbricht zu dieser Zeit auf dem Petersplatz die Generalaudienz. Er finde kaum Worte, seinen großen Schmerz auszudrücken, sagt er, in Gedanken bei den Opfern.

Ein Hundeführer kommt mit einem Labrador in den Ort, der auf einer ­Bergkuppe liegt, vorbei an der zerstörten Dorfkirche. Der kleine Turm ist samt Glocke in den Hof gestürzt. Unter den Trümmern wird nach einem Jungen ­gesucht. Der Hundeführer hat nicht ­gezählt, sein wievielter Einsatz dies ­heute ist. Und er antwortet nicht auf die Frage, ob er Menschen lebend bergen konnte. Er schaut auf den Boden und geht weiter.

Am Ortseingang steht ein Holzschild: Benvenuto steht darauf, herzlich willkommen. Man erfährt, dass Amatrice zum Club der schönsten Orte Italiens gehört.