Thema

Ein auf Sand gebauter Traum

Am berühmtesten Strand der Welt wird bei Olympia Beachvolleyball gespielt. Ein Besuch an der Copacabana

A

ls „Miss Sunshine“ war sie vom Stadionsprecher angekündigt worden, insofern war es keine Überraschung, dass Laura Ludwig ihr sonniges Gemüt auch am Sonntagabend zur Schau stellte, obwohl es längst dunkel geworden war über Rio. 36 Minuten hatten sie und ihre Partnerin Kira Walkenhorst gebraucht, um mit einem ungefährdeten 2:0 (21:12, 21:15)-Sieg über die Afrikameisterinnen Doaa Elghobashy und Nada Moawad in die Gruppenphase des olympischen Beachvolleyballturniers zu starten.

Mit der Angriffsqualität der Hamburgerinnen waren die Damen aus Ägypten, die noch nie auf der Profitour des Weltverbands FIVB gespielt hatten und auch außerhalb Afrikas noch nie in Erscheinung getreten waren, erwartungsgemäß überfordert. So war die Bekleidung der Gegnerinnen, die in langen Hosen und langärmligen Shirts und im Fall Elghobashys sogar mit der traditionellen muslimischen Kopfbedeckung Hidschab antraten, die größte Überraschung.

Zwar hat die FIVB ihre strenge Kleiderordnung schon vor zwei Jahren geändert. Bis 2014 durften die Bikinihosen maximal sieben Zentimeter breit sein. Beachvolleyball wird weltweit auch über den Faktor Sex verkauft, die Bilder von knapp bekleideten, durchtrainierten Frauen werden oft gezeigt und gern ­gedruckt.

Doch auch wenn die Vorschrift vor zwei Jahren gelockert wurde, gibt es nicht viele Paare, die den Bikini gegen Funktionskleidung eintauschen. „Das macht man mal, wenn das Wetter nicht gut ist, dann spielen wir auch mit Leggins“, sagte Laura Ludwig. Gegen eine verschleierte Gegnerin hatte sie aber noch nicht gespielt. „Als wir im Tunnel standen und darauf warteten, raus ins Stadion zu gehen, da ist es uns schon aufgefallen, vor allem, weil der Stoff, den die anhatten, sehr dick wirkte. Ich habe mich gefragt, wie man das aushalten kann“, sagte Ludwig angesichts von Temperaturen um 20 Grad, die in Rios Winter auch nach Sonnenuntergang noch herrschen. „Aber im Spiel blendet man das komplett aus, da habe ich es überhaupt nicht mehr wahrgenommen.“

Für die streng gläubige Doaa Elghobashy war die Lockerung der Kleiderordnung Voraussetzung dafür, ihren Sport überhaupt ausüben zu können. „Ich trage den Hidschab seit zehn Jahren, er ist mir sehr wichtig“, sagte die 19-Jährige, „deshalb bin ich sehr dankbar dafür, dass der Weltverband mir erlaubt, ihn auch im Spiel zu tragen.“ Ob er sie in ihrer Sicht nicht behindere, wurde sie noch gefragt. „Nein, überhaupt nicht, ich nehme ihn gar nicht wahr, während ich spiele.“ Ihre Partnerin Nada Moawad (18) dagegen trainiert auch im Bikini. Da während der Matches jedoch identische Outfits vorgeschrieben sind, wählte auch sie für die Olympiapremiere lange Hosen und ein langärmliges Shirt. Nur auf den Hidschab verzichtete sie.

Es war indes nicht nur das Outfit, mit dem die Nordafrikanerinnen überraschten. Auch ihr beherzter Stil, mit dem sie den Europameisterinnen vom HSV besonders in der Anfangsphase der Partie zusetzten, war auffällig. „Wir hätten gedacht, dass die Spielerinnen bei Olympia sehr viel besser wären als wir. Aber wir haben gut mitgehalten“, sagte Elghobashy, „mit etwas mehr gezieltem Training und mehr Erfahrung können wir irgendwann vielleicht mit den Topteams mithalten.“

Auch Ludwig und Walkenhorst, die in Brasilien als Weltranglistenerste zu den Favoriten auf die Goldmedaille gehören, zollten der Konkurrenz Respekt. „Die haben gut gespielt“, sagte Ludwig. Auch wenn beide zugaben, trotz einiger feiner Ballwechsel „etwas Anlaufschwierigkeiten gehabt und noch viel Luft nach oben zu haben“, wirkte das Strahlen in Ludwigs Gesicht noch intensiver als sonst. Die 30-Jährige fühlt sich wohl in Brasilien. Sie kennt das Land von diversen Trainings- und Turniererfahrungen, sie schätzt die Lockerheit der Einheimischen und hatte sogar einmal einen brasilianischen Partner.

Vor allem aber liebt sie deren Einstellung zur Strandvariante des Volleyballs, die an der Copacabana erfunden wurde. „Die Stimmung in der Arena war super, auch wenn bei unserem Spiel nur knapp 1000 Leute da waren. Man versucht, den Blick nicht über die Tribünen schweifen zu lassen, aber das gelingt nicht immer. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre, die mit keinem Stadion der Welt vergleichbar ist“, sagte die gebürtige Berlinerin.

Weil Walkenhorst und sie die brasilianischen Weltmeisterinnen Agatha/Barbara zuletzt mehrfach besiegen konnten, ist der Respekt der Brasilianer vor den Europameisterinnen und Weltranglistenersten immens. Was ihnen blühen dürfte, sollte es am Ende tatsächlich auf einen Medaillen-Showdown mit Agatha/Barbara zulaufen, davon konnte sich das HSV-Duo überzeugen, als im Match vor ihrem die Brasilianer Pedro/Evandro gegen Kubas Sergio González/Nivaldo Díaz mit 1:2 Sätzen verloren. Bei jedem Aufschlag wurden die Kubaner ausgepfiffen, Punktgewinne der Lokalhelden wurden von den Fans in der fast ausverkauften 12.000-Zuschauer-Arena so frenetisch gefeiert wie in Deutschland Meistertitel. „Wir kennen das ja schon. Es ist sicher nicht fair und auch nicht schön, aber so sind die Brasilianer. Diese Atmosphäre würde es sehr spannend machen, gegen eins ihrer Teams zu spielen“, sagte Kira Walkenhorst. Die in Essen geborene 25-Jährige erlebt in Rio ihre Olympiapremiere, während Ludwig bereits zum dritten Mal unter den Ringen aufschlägt.

Weil Beachvolleyball in Brasilien hinter dem Fußball beliebtester Volkssport ist, wurde der wohl berühmteste Strand der Welt als malerische Kulisse für den olympischen Wettstreit gewählt. Das Stadion, eine temporäre Stahlrohrkonstruktion, wurde direkt in den Sand gebaut, von der Pressetribüne aus kann man auf den Atlantischen Ozean ­schauen. „Man hört während des Matchs sogar die Wellen“, sagte Laura Ludwig, „das ist bei der Lautstärke eigentlich ­unglaublich.“

Die letzte Partie beginnt täglich um Mitternacht Ortszeit – wenn das Partyvolk gerade richtig in Stimmung kommt. Und die Entscheidung für die Copacabana war goldrichtig, symbolisiert der rund vier Kilometer lange Strandabschnitt doch wie kein anderer Ort die Liebe der Einheimischen zu Sport und Spaß. Tags und nachts ist die Promenade, an der sich Caipirinhastände, Strandbars und Straßenverkäufer aneinanderreihen, von Touristen dicht bevölkert. Unzählige Beachvolleyballfelder laden zum Sporttreiben ein, zum Gesamtbild gehören aber auch Dutzende öffentliche Fitnessgeräte, die stets gut frequentiert sind. Auffällig sind auch die von privaten Fitnesstrainern angebotenen Zirkeltrainings, bei denen gut gebaute Menschen an der Optimierung ihres Körpers arbeiten. Sport im öffentlichen Raum, das Konzept, das Hamburgs Sportsenator Andy Grote in Zukunft stärken will, ist an der Copacabana allgegenwärtig.

Die vor den Spielen viel diskutierte Sicherheitsproblematik scheinen die Gastgeber gut in den Griff bekommen zu haben. Natürlich wird weiterhin vor Taschendieben gewarnt, doch die vielen Polizisten und Soldaten, die an allen neuralgischen Punkten postiert sind, haben zur Abschreckung beigetragen. Die Stimmung am Strand, wo Livemusiker und Kleinkünstler ein wenig Geld zu verdienen versuchen, ist ausgelassen und friedlich.

Das temporäre Stahlrohrmonster, in dessen Bauch Ludwig und Walkenhorst an diesem Dienstag (23.30 Uhr MESZ) gegen Jamie Broder/Kristina Valjas aus Kanada ihr zweites von drei Vorrundenmatches bestreiten, wirkt zwar überdimensioniert, es hätte angesichts der Nachfrage aber noch größer sein können – wenigstens für Partien mit einheimischer Beteiligung. Als eine der ganz wenigen Sportarten bei diesen Sommerspielen ist Beachvolleyball schon fast komplett ausverkauft.

Auch wenn Laura Ludwig und Kira Walkenhorst daran am Sonntagabend noch nicht denken wollten: Ein Traum wäre es schon, die pfeifenden Brasilianer mit einem Finalsieg über deren Heldinnen zum Schweigen zu bringen.