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Mit dem Bio-Buddy zum Einkaufen

In Hamburg gibt es ein Netzwerk von 20 Experten, die Interessierte beraten, wenn sie sich nachhaltig ernähren und leben möchten. Man muss dabei auf vieles achten

Wie kann ich beim Kochen das Klima schützen? Wann hat welches Obst und Gemüse eigentlich Saison? Wo bekomme ich in meinem Stadtteil regionale Lebensmittel? Ich möchte weniger Fleisch essen – aber was kann ich sonst kochen? Welches Biosiegel steht für was? Sind Biolebensmittel aus dem Discounter genauso gut wie solche aus dem Reformhaus? Fragen wie diese sind es, die Franziska Schuch gestellt bekommt. Sie ist ein sogenannter „Bio-Buddy“, locker übersetzt ein Kumpel, der allen Interessierten mit Fachwissen unkompliziert zur Seite steht. „Im Grunde dreht sich alles um die große Frage: Worauf muss ich beim Einkauf und in meinem Alltag achten, um nachhaltig zu konsumieren?“, sagt die ­23-Jährige.

Mittlerweile gibt es20 Biobuddys in Hamburg

Die trägt übrigens nur ehrenamtlich den kecken Alliterationen-Titel und beginnt sonst bald, bei einer kleinen Hamburger Modemarke zu arbeiten, die ökologische Kleidung verkauft. Ein echter Biobuddy wurde sie nach einem Praktikum bei dem etablierten Hamburger Verein Ökomarkt, der – bereits 1986 gegründet – vor allem Aufklärung über die Vorteile der ökologisch produzierten Lebensmittel und Informationen über Bezugsquellen anbietet.

Hier entstand in Zusammenarbeit mit Studenten des Fachbereichs Ökotrophologie, also Ernährungswissenschaften, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg das Konzept der Biobuddys. „Es wurde nach einem Weg gesucht, junge Erwachsene anzusprechen und für das Thema des nachhaltigen Konsums zu gewinnen“, sagt Martina Glauche, Projektkoordinatorin von Ökomarkt. Ende 2014 wurde das Projekt dann in die Praxis umgesetzt, „wir haben Mitarbeiter, ehemalige Praktikanten, Studenten und auch ausgebildete Umweltwissenschaftler und Ökotrophologen dafür gewinnen können“, sagt Glauche. Mittlerweile gibt es 20 Biobuddys in Hamburg, die ein aktives Netzwerk bilden und regelmäßig geschult werden. Da kann es um Ernährung gehen, aber auch um Bambuszahnbürsten, Vorteile von Müllvermeidung durch Wickeln mit Stoffwindeln, Alternativen zu Tampons, ökologische Möbel, Weichmacher in Cremetuben oder wie man Zahnpasta mit Kokosöl und Kurkuma selber machen kann.

Franziska Schuch ist ein der Biobuddys. Ihr Wissen geben die Kumpels übrigens kostenlos an alle weiter, die sich bei Ökomarkt e. V. melden. Glauche kontaktiert dann die Buddys und schlägt passende Paarungen vor. „Meist macht es Sinn zu schauen, dass Buddy und Fragender aus dem gleichen Stadtteil kommen“, so Glauche. Denn da kennen sich die Experten logischerweise am besten aus und können gleich Praxistipps geben.

Schuch kommt aus Altona, stromert aber auch gerne durch andere Ecken der Stadt und findet unerwartete Schätze: bei Karstadt ein Kichererbsenmehl aus dem Umland zum Beispiel. Mit großem Engagement und starker Realitätsbezogenheit – ohne den grünen, ewig mahnenden erhobenen Zeigefinger – erzählt sie davon und hilft mit dieser Einstellung ganz praktisch: „Meine Beratungen waren schon ganz unterschiedlich“, erzählt sie bei einem Treffen vor einem Eppendorfer Gemüsehändler. „Manche stellen nur eine Frage per Mail, mit anderen habe ich mich im Café getroffen, ich habe auch schon mit jemandem zusammen gekocht oder war beim Einkauf dabei“, sagt sie und streicht sich durch ihre langen rötlichen Haare, an die nur festes Shampoo oder Haarwaschseife gelangt. Die seifenartigen Stücke sind ohne Sulfate und weichmachende Silikone gefertigt und bestehen aus natürlichen Inhaltsstoffen und werden mit Wasser aufgeschäumt.

„Ich versuche das zu tun, was ich kann, um mein Leben möglichst nachhaltig auszurichten“, sagt Schuch. Bei ihr selbst begann das Umdenken mit 16 Jahren, da bekam sie starke Neurodermitis. Die Schülerin forschte, woher der juckende Hautausschlag kommen könnte, und stieß schnell auf die Themen Ernährung, Kleidung, Waschmittel. Und stellte ihr Leben um. „Zuerst habe ich meine Eltern damit genervt, weil ich immer gefragt habe, ,ist das auch bio?‘, aber heute ernähren sie sich auch fast ausschließlich so“, sagt sie, und ihre blauen Augen leuchten. Mittlerweile lebt sie komplett vegan, trägt ökologische Kleidung, benutzt natürliche Kosmetikprodukte. Und beeindruckt mit ihrem großen Wissen über dieses Themengebiet. „Mein Interesse daran und dass ich schnell gemerkt habe, wie viel besser es mir seitdem geht, hat auch dazu geführt, dass ich Ökotrophologie studiert habe“, sagt sie.

Als Biobuddy ist sie oft Zeuge von „Aha“- oder „Nee, echt“-Erlebnissen bei den zu Beratenden. Ein Beispiel: Da kauft man losen Reis in einer Pappschachtel. Und denkt: Bingo, habe Plastikbeutel gespart und dadurch die Umwelt geschont. Was jedoch nur Fachleute wie die Biobuddys wissen, ist, dass die Verpackung aus recyceltem Papier und Pappe besteht, in welcher sich dann oftmals schädliche Farbrückstände befinden, da alles zusammen geschreddert und wiederverwertet wird. Dann also doch besser der Plastikbeutel? „Als Ideallösung gibt es in diesem Fall nur das verpackungsfreie Einkaufen der Lebensmittel“, sagt Schuch. Noch gibt es in Hamburg wenige Möglichkeiten, die eigenen Glasgefäße zum Einkauf mitzunehmen – Schuch kennt das 12 Monkeys auf St. Pauli oder manchen Biosupermarkt wie Veganz, die Produkte wie Reis, Nudeln, texturiertes Soja, Waschmittel oder Nüsse und Süßigkeiten zum Selbstabfüllen anbieten.

Das Interesse an gesunder Lebensweise sei gestiegen

Doch auch gängigere Fragen werden gestellt. „Viele wissen beispielsweise gar nicht, dass man rund um die Stadt Ackerflächen mieten kann, die man selbst bestellt und aberntet, oder wann man überhaupt welches Gemüse kaufen soll“, sagt sie. Viele seien es einfach gewohnt, das ganze Jahr über Tomaten zu essen. „Dabei haben wir bestimmt zwölf Kohlsorten im Winter, wenn Tomaten nur aus dem Gewächshaus kommen können – Biosiegel hin oder her.“

Grundsätzlich bemerkt Schuch das immens gestiegene Interesse an einer gesünderen Lebensweise durch die Biobuddynachfragen – aber auch im Freundeskreis. Das Zeitalter der Spaßgesellschaft und des Massenkonsums ebbt langsam ab, es schafft Platz für ein neues Zeitalter, das vom Nachhaltigkeitsgedanken und einem gesteigerten Konsumentenbewusstsein geprägt wird.

Gerade bei jungen Menschen. Themen wie Lebensmittelverschwendung, Foodsharing, artgerechte Tierhaltung, ökologischer Landbau, fairer Handel, Klimaschutz oder Slow Food (Rückbesinnung auf das Handwerk und Herstellung von gesundheitlich einwandfreier Nahrung) rücken in den Fokus. Das Image der einst belächelten müslifutternden „Ökos“ wandelt sich zu dem des lifestyligen Trendsetters mit Hintergrundwissen.

„Wir sollten viel mehr mit unseren Großeltern sprechen“, sagt Schuch, „die sind mit viel weniger ausgekommen. Meine Oma wäscht sich seit Jahrzehnten mit Kernseife, ernährt sich aus ihrem Garten, wirft nichts weg und weiß, wie man etwas richtig einkocht.“ Wissen, das heute gefragter denn je ist.

Oftmals sind es einfach Gewohnheiten, über die man nicht nachdenkt – die aber einfach zu verändern sind: „Wir schmeißen ein altes Handtuch weg und gehen dann neue Putzlappen kaufen“, sagt Schuch. Anstatt das Handtuch einfach zu zerschneiden. Nicht Oldschool. Sondern en vogue.

Wer den Austausch mit einem Biobuddy wünscht, kann sich unter 040/656 50 42 oder per E-Mail info@oekomarkt-hamburg.de an den Verein Ökomarkt wenden. Dieser stellt den Kontakt zum passenden Biobuddy her. Soweit möglich werden hier Wohnort, Alter und Interessenschwerpunkt berücksichtigt. Die Beratung ist kostenlos.