Reporter-Legende

Im Porträt: Georg Stefan Troller - Wer fragt, lebt

Die Kunst des Interviews besteht darin, genau zu wissen, wie weit man zu weit gehen kann. Georg Stefan Troller hat diese Kunst jahrzehntelang perfektioniert und ist so zu einer Reporter-Legende geworden. Unser Autor hat den in Wien geborenen Amerikaner aus Paris in Berlin getroffen.

Ich stelle Fragen, damit man mir keine Fragen stellt." Was für eine Antwort, was für eine Aufforderung zum Nachfragen. Was für eine Neugierde eines passionierten Außenseiters auf den Blick in Abgründe, fremde wie eigene. In ihr ist ein epochaler Lebenslauf enthalten, die Geschichte einer mörderischen Entwurzelung, die von immer weniger Zeitzeugen leibhaftig erzählt werden kann. Eine Geschichte voller Todesangst und Lebenslust. Holocaust und Hollywood begegnen sich darin. Wo soll man da bloß anfangen. Am besten beim Elementaren im Schnelldurchlauf, den Daten, dem Gerüst für die unzähligen, unfassbaren Geschichten. Die amüsanten, und die, die einen stumm werden lassen. Wir sitzen an einem kleinen Café-Tisch in einem Berliner Hotel. Georg Stefan Troller erzählt, ich höre zu.

Am 10. Dezember 1921 wurde Troller als Sohn eines gutbürgerlichen Wiener Pelzhändlers geboren. Flucht vor den Nazis, zuerst nach Brünn, dann nach Paris und von dort in die USA. Als GI wieder zurück nach Europa. Mit eigenen Augen das Grauen im KZ Dachau gesehen und sich fragen müssen, warum? Vielleicht sogar gefragt, warum die und warum nicht auch ich? "Gefangenenvernehmer" für die US-Army, um die Sprache der Henker und Mitläufer gegen sie einsetzen zu können. Eine kleine Ironie der großen Weltgeschichte, eine Portion Heimatgefühl für jemanden, der in Wien mit Nestroy und Karl Kraus groß geworden ist und versteht, dass sich hinter dem Witz immer auch der tödliche Ernst verbirgt. Zurück in die USA, Studium im sonnigen Kalifornien, um 1949 mit einem Fulbright-Stipendium nach Paris zu gehen. Dort zum Radio-Reporter geworden, später zum Fernsehen gewechselt. Ab 1962 lieferte Troller dem WDR das "Pariser Journal" ins Funkhaus, ab 1971 dem ZDF als Sonderkorrespondent die "Personenbeschreibungen". Dokumentarfilmer, Drehbuchautor. Etliche Preise. Legendärer Interviewer. Tausende sollen es gewesen sein, Weltstars wie Unbekannte, die er vor Block, Tonband oder Kamera bekommen hat. "Ich filme, daher bin ich. Ich filme Menschen, daher bin ich Mensch. Wer ans Publikum denkt, wenn er dreht, ist verloren. Man muss an sich selber denken."

Troller nahm im Idealfall Beichten ab und erteilte vor laufender Kamera Absolution fürs Anderssein. "Hypnose bei hellstem Bewusstsein" wurde seine Arbeitsweise genannt. Picasso und Chaplin, diese Namen hat er nicht auf seiner Wunschliste abhaken können. Dafür traf er aber, um nur einige zu nennen, Coco Chanel, Edith Piaf, Arthur Rubinstein, Charles Bukowski, Georges Simenon oder Alain Delon. Bei Sartre machte Simone de Beauvoir im letzten Moment einen Strich durch den Dreh. Das Wort Jahrhundertzeuge ist ein enorm großes. Bei Troller passt es.

Jetzt ist Georg Stefan Troller 87, die grauen Haare mit kosmopolitischer Selbstverständlichkeit zum Zöpfchen gebunden. Der Bart ist noch da, ebenso unverwechselbar wie die aus grauen TV-Vorzeiten noch bekannte Stimme, mit diesem unverlierbaren Hauch von Wiener Schmäh, eine Melange aus Melancholie und Ironie. Seinen Trenchcoat trägt er mit einer Würde, wie man sie aus alten Reporter-Filmen kennt. Eine E-Mail-Adresse? Seine Tochter hat so was. Er hat ein Faxgerät in seiner Pariser Wohnung im siebten Arrondissement, in der Nähe des Eiffelturms. Und er hat eine Hermes-Schreibmaschine. Hemingway soll auch auf einer geschrieben haben. "Die Schreibmaschine der Genies" nennt Troller sie, "in Paris gibt es noch einen, der sie reparieren kann". Die Farbbänder spult er eigenhändig auf die antiken Spulen.

Trollers Markenzeichen? Leute dazu zu bringen, etwas von sich preiszugeben, was sie entweder so noch nicht wussten oder geschickt verdrängt oder verborgen hatten. Darin war er, auf seine leise bohrende Weise, unerreicht. Mit mehr als vier Jahrzehnten Altersunterschied zu glauben, man könnte noch etwas aus ihm herauskitzeln, was er nicht freiwillig rausrückt, scheint verwegen. "Doch doch, das müssen Sie jetzt machen ...", kommt als neugierig amüsierte Eröffnung der Schachpartie, die ganz ohne Figuren und ohne Schachbrett über unsere kleine Zweipersonenbühne geht. Der Vergleich gefällt ihm, "genau, und jeder will gewinnen. Aber auf das Spiel kommt es an, nicht auf den Ausgang."

Bei den ersten Zügen geht es noch eher harmlos um die richtige Vorbereitung, die richtige Einstellung: Nie schmeicheln, meint er. Und minutiös vorbereitet sein. Bei intellektuell Überlegenen ist Bluffen erlaubt. "Man kann Fragen nicht aus der Unterwürfigkeit heraus stellen." Augenhöhe ist Pflicht, je größer der Star, desto dicker der Fragenkatalog. Bis zu 100 Fragen konnten es schon mal sein, "getippt, nummeriert, mit Schere und Klebeband in eine Ordnung gebracht". Schon damit man etwas hatte zum Festhalten, falls einen Charme oder Respekt aus dem Konzept bringen würden. Diese Fragen wurden dann abgearbeitet, sie standen ja schließlich schwarz auf weiß da. Zunächst die weichen, dann die harten. Aber wer von Anfang an schwierig war, bekam zur Strafe Frage 60 an Position 5 vorgesetzt. "In verbindlichem Ton, man darf ja nicht aufgeregt wirken. Aber man muss dem Gegenüber begreifbar machen, dass man sich ausschließlich jetzt für ihn interessiert und keine andere Sorge auf der Welt hat, als jetzt diese Person für die Nachwelt zu fixieren. Dass man Wege sucht, sie zu verstehen."

Cut. Zeit für eine erste Anekdote.

Vielleicht die mit dem Filmemacher Woody Allen, der ja als professionell komisch gilt, in eigener Sache aber so gar keinen Spaß versteht. Er ließ damals einen Mister Tennenbaum eine lange Liste, in vierfacher Ausfertigung, zur Unterschrift schicken, auf der detailliert stand, was Troller für sein 45-Minuten-Porträt dürfen solle und was nicht. Nur an drei Orten wollte sich Allen filmen lasen: Klarinette spielend in einem New Yorker Jazz-Club, in seinem Schneideraum an der Park Avenue und im Nebenraum seines Schneideraums an der Park Avenue. Nicht auf der Straße, nicht mit anderen, und erst recht nicht mit Frauen. Troller unterschrieb und revanchierte sich. Mister Allen, okay, an der Ost- und der Westküste der USA weiß man vielleicht, wer Sie sind, aber im weiten Land ...? Allen, der Berufs-New Yorker, pampte zurück, in Brooklyn würde ihn jedes Kind kennen. Das hätte er lieber nicht vor laufender Kamera behaupten sollen. Troller fuhr aus Manhattan nach Brooklyn und fragte nach. Das erste Kind: "Woody wer?" Das zweite Kind: "Woody wer?" "Das war dann wirklich schön", kann sich Troller heute noch amüsieren. "Karrieren sind oft nur Kompensation. Erfolg entsteht meistens aus dem Versuch, die eigenen Schwächen zu überwinden."

Die Eröffnung hätten wir nun also. Er habe sich einmal als introvertiert, menschenscheu und ablehnend beschrieben. Ideale Voraussetzungen, um gute Interviews zu führen? "Ja, weil man sich selbst mit einem Ruck überwinden muss. Das Selbstmisstrauen, mit dem man herumläuft. Die Härte der Fragen kommt aus diesem inneren Ruck." Dann ist ein Interview praktischerweise auch eine Selbst-Therapie? "Ja." Dann haben Sie ja eine Menge Geld gespart. "So ist es."

Troller wollte in all den Jahren überall auf der Welt immer wieder wissen, was die Kunst des Lebens ist, des "So-Sein-Dürfens": "Wieso steht der so zu sich selber, während man selbst immer die eigene Lebensberechtigung anzweifelt? Das will ich doch lernen von den anderen."

Mag sein, dass ihn dieser Moment bei unserer Schach-Partie einen Läufer, vielleicht sogar einen Springer gekostet hat. Dafür aber zeigt Troller einen kleinen Moment lang ganz beiläufig das scharf geschliffene Virtuosen-Besteck. Auf die Frage, ob seine Art, Interviews zu führen, etwas mit "der" Biografie zu tun habe, kommt zurück: "Warum ,der'? Da war doch eine Hemmung drin." Wenn man "seine" meint, soll man ihm das auch so direkt sagen.

Zeit für die nächste Anekdote.

Dezember 1973, im Trainingslager von Muhammad Ali, kurz vor dem Kampf gegen Joe Frazier. Die Vorstellung, Ali wutschnaubend auf sich losrennen zu sehen, war für Troller kein Grund für Panik-Attacken und Visionen beidseitigen Kieferbruchs. Sie war nur Show. Als die Kamera wieder ausgeschaltet war, fragte der Schwergewichts-Schlawiner nämlich zuckersüß grinsend: "War das okay so?"

Es folgt: das Stellungsspiel.

Ohne Ihren Lebenslauf, ohne diese harte Schule durchs Leben wäre vielleicht nur ein unauffälliger 08/15-Journalist aus Ihnen geworden? Da wird der Exilant ernst und grundsätzlich: "Es ging doch immer darum, dass Emigration Identitätsverlust bedeutet. Dass man nach den Jahren des Identitätsverlusts und des Herumgetriebenwerdens gar nicht mehr weiß, wer man selber ist. Was einem zusteht auf dieser Welt. Das Gefühl, zu nichts berechtigt zu sein ... Lebensangst, Isolation, sich zurückziehen - das war die total negative Voraussetzung für das, was ich später geworden bin. Weil ich diese ungeheure Leere, dieses Manko an Selbstgefühl irgendwie füllen musste. Das ging für mich nicht über Psychoanalyse, sondern darüber, mich anderen Menschen zu überantworten. Sich für sie so zu interessieren, als hinge das eigene Leben davon ab."

Ein guter Interviewer will nicht nur ernst genommen, sondern auch ge-liebt werden? "Ist doch so", stimmt Troller zu, "niemand wird je genug geliebt. Beim Fragenstellen geht doch selbstverständlich etwas Erotisches vor. Nicht im sexuellen Sinne, sondern im Sinne von Werbung und menschlicher Anteilnahme. Das ist alles da drin."

Cut. Die dritte Anekdote.

Man kann nicht immer gewinnen. Als Troller die afroamerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis traf, hatte er sie kurz nach der Begrüßung höflich gefragt, ob sie das, was er jedenfalls nicht für ihre reale Frisur hielt, abnehmen könne. Es war ein Afro, und das war dann - deutlich schneller als gedacht - das Ende des Gesprächs.

Bleibt noch die Frage nach Erfahrung zu stellen, nach den Ängsten vor Versagen und Scheitern. "Mit zunehmendem Alter weiß man mehr und mehr, was man ist und was man nicht ist und ist weniger abhängig von der Wertschätzung anderer Leute." Eine bessere Vorlage kann man sich nicht wünschen. Was sind Sie, was nicht? "Das ist die beste Frage überhaupt ... Also, wenn wir schon diesen Schachzug machen - ich bin aber noch lange nicht matt: Alles, was ich je gemacht habe, hatte immer diesen spielerischen Zug. Es ist die Selbstbefragung, aus der das kreative Zeug entspringt. Fragt man sich das nicht mehr, stirbt auch langsam die Kreativität ab. So läuft das nämlich. Der, der geglaubt hat, etwas zu sein, war vielleicht mehr er selber, als der, der sich erkennt als das, was er ist."

Ich muss gleich weinen, Herr Troller.

"Ach, warum?"

Weil der letzte Satz so gut ist.

"Den hab' ich auch noch nie gesagt. Aber auf den kommt's wirklich an."

Kurz, bevor der nächste Termin ruft, meint Troller, auf womöglich ernüchternde Gesprächspartner angesprochen, abgeklärt und versöhnlich: "Es gibt keine langweiligen Menschen. Es gibt nur langweilige Fragen." Und unsere Schach-Partie, wie ging die aus? "Remis", urteilt er. "Das ist schon sehr gut."

Lektüre:

"Selbstbeschreibung" (Artemis & Winkler, 360 Seiten, 19,90 Euro).

"Ihr Unvergesslichen. 22 starke Begegnungen" (Artemis & Winkler, 296 Seiten, 19,90 Euro).

"Paris geheim" (Artemis & Winkler, 300 Seiten, 19,90 Euro).

"In Wirklichkeit gibt es nur zwei Arten von Interviews. Das forsche Kreuzverhör, wo man durch scharfes Zupacken und Provozieren die Leute aus ihrer eingespielten Maske herausholt, um ihre wahren Stärken und Schwachpunkte zu fixieren. Und dann gibt es das Interview, das ich vorziehe. Bei dem du deinem Partner unbewusst suggerierst, dass du ihn verstehst. Billigst. Magst, ja liebst. Von gleich zu gleich kann er auspacken. Auch Dinge, die er eigentlich nicht unbedingt preisgeben wollte, und die vor allem. Das geht nicht mit Bluff (oder nur ein bisschen), sondern du musst es tatsächlich fühlen. Dann bist du im Geschäft. Du bist nicht nur im Geschäft, sondern hast etwas für dich selbst gewonnen, denn bei diesen Gesprächen musst auch du ja allerlei aus dir herausholen. Du bist Gangster und Nutte, Banker und Boxer, Ketzer und Mystiker in einem. Du entdeckst, dass du alle diese Dinge, und noch unendlich mehr, im Ansatz in dir trägst. Über deine Fragen findest du einiges über dich selbst heraus, und nicht das Uninteressanteste."

Aus "Selbstbeschreibung"

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.