Internationaler Engelkongress in Hamburg

Engel: Wer glaubt, wird selig

| Lesedauer: 14 Minuten
Anne Dewitz (Text) und Thies Rätzke (Fotos)

Viele Weltreligionen gehen von ihrer Existenz aus. Engel sind Teil unserer Alltagskultur. Zu Weihnachten schmücken sie den Baum, viele Menschen vertrauen ihrem persönlichen Schutzengel, und schnell sagt man jemandem, er sei ein Engel. Hunderte Gleichgesinnte trafen sich in Hamburg zu einer Tagung - dem Internationalen Engelkongress.

Die Einhörner haben garantiert, bei Ihnen zu bleiben und mit Ihnen zu arbeiten, bis Sie die volle Erleuchtung gefunden haben", sagt die kleine Frau auf Englisch ins Mikrofon. Das zumeist weibliche Publikum jubelt. Jeder Sitz im Saal des Kongresszentrums (CCH) in Hamburg ist besetzt. "Yes, yes, yes", heizt Diana Cooper die Massen an. Ihre Stimme wird dabei kaum lauter, bleibt monoton sanft. Sie trägt eine beigefarbene Bundfaltenhose, einen blauen Blazer und bequeme, flache Schuhe, wie es viele Damen in ihrem Alter tun. Und doch ist sie anders als andere. Sie nennt sich selbst eine Heilerin und mediale Schriftstellerin. Cooper ist Englands bekannteste Autorin zu den Themen Engel, aufgestiegene Meister und Atlantis. Ihre Auftritte auf dem vierten Internationalen Engelkongress gehören für viele Teilnehmer zu den Höhepunkten des Wochenendes. Ihre Bücher wie "Das Wunder des Einhorns" und "Die Engel antworten" sind unter Gläubigen wichtige Werke. "Gemeinsam wollen wir Deutschland wieder nach vorne bringen", sagt Cooper mit friedfertiger Stimme. Und hält inne für die Übersetzerin. "Die Engel haben viel Arbeit mit uns vor." Und die Einhörner sollen dabei helfen.

Selbst für esoterisch sehr offene Menschen gehören diese Tiere eher ins Reich der Fabel. Doch das scheint bei den von Cooper geführten Meditationen niemanden zu stören. Sie vermittelt das Wirken überirdischer Wesen mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Cooper sei während einer Lebenskrise einem Engel begegnet, heißt es. Das habe ihr Leben tief greifend verändert. Seither glaubt sie sich in Verbindung mit einem Führer aus der geistigen Welt. Er heißt Kumeka. Die 2000 Kongressteilnehmer stellen das nicht infrage. Sie lieben Cooper. Sie sind hierher gekommen, um zu glauben, nicht um zu zweifeln. Sie haben viel Geld für die zwei Tage bezahlt und zum Teil weite Wege auf sich genommen. Viele sind aus Süddeutschland angereist, manche sogar aus dem Ausland.

Die dürften allerdings nur die Hälfte der Vorträge verstanden haben, da es keine Übersetzungen ins Englische gibt. Nur umgekehrt. Für einen internationalen Kongress ein Armutszeugnis. Aber vielleicht bedarf die Sprache der Engel auch keiner Dolmetscher.

Dafür gibt es Ordner, die sich vor dem Einlass die Bändchen am Handgelenk zeigen lassen, die Zugangsberechtigung der Teilnehmer, die zwischen 160 und 200 Euro für beide Tage bezahlen und dafür acht spirituelle Referenten und zahlreiche Engelmeditationen bekommen, und Musik von Muriel.

Sie steht auf der Bühne in einem langen, fließenden Kleid. Ihr rotes langes Haar hängt glatt herunter. "Sing The World A Glorious Song" ist ihr erstes Lied. Mit geschlossenen Augen wiegt sie sich sanft im Takt. Ihre Stimme so klar und rein, dass der Zuhörer gerne glauben möchte, durch sie sängen die Engel. Die meisten Lieder hat sie in 20 Minuten geschrieben. Die Texte seien Eingebungen der Engel, sagt sie und macht Platz für die Nächste.

Sabrina Fox gilt als die Bodenständige unter Spirituellen. Der Moderator, kündigt sie als "gute Engelfreundin" an. "Bei Sabrina sind selbst die Engel bodenständig und tragen High Heels, Cowboyboots, Turnschuhe oder Gummistiefel", sagt er. Eine Frau in Jeans und Pumps tritt auf. "Wer ist zum ersten Mal hier?", fragt Sabrina Fox in den Saal. Die Mehrheit meldet sich. "Und wer von euch freiwillig?" Alle lachen, einige rufen, sie wurden mitgeschleift. Spiritualität soll Spaß machen.

Das Publikum mag die humorvolle Art, mit der Fox über esoterische Themen spricht: "Wir wissen genau, wie wir zur Erleuchtung kommen. Wir verzichten auf Fleisch, beten vor dem Sex. Warum lachen Sie? Das macht man doch so ... Wir wissen, was die Menschen in unserer Umgebung zu tun haben und wir beten, dass sie auf uns hören. Wissen Sie, was die anderen beten?" Antwort überflüssig. Jeder weiß, was gemeint ist. Mit bayrischem Witz kommentiert Fox ihren eigenen Weg zur Spiritualität. Lacher sind ihr sicher. Die frühere Journalistin und Fernsehmoderatorin weiß, wie man die Masse unterhält.

Sie ist Mutter einer Tochter und erzählt, wie ihr spirituelles Erwachen 1993 mit der Suche nach Engeln begann, wie sie in den USA auch indianische Traditionen studierte und diverse Meditationsformen praktizierte. Und wie sich ihre Spiritualität im Laufe der Zeit veränderte. Momentan sei sie in der sechsten Phase angelangt, die, in der ihr Glaube wieder privater wird und sie nicht mehr alle von ihren Wahrheiten überzeugen will.

"Die Phase, in der wir festgestellt haben, was für uns funktioniert, und von der Rechthaberei loslassen", sagt Fox. Es gäbe sicherlich noch mehr Phasen, "aber da bin ich noch nicht", fügt sie lachend hinzu. Und dann leitet sie eine Engelmeditation an. Alle im Publikum haben ausnahmslos die Augen geschlossen und folgen ihrer Stimme. Die Meditierenden sitzen aufrecht, ohne die Lehne zu berühren. Die Handflächen sind nach oben hin geöffnet, damit sie die Botschaft der Engel empfangen können. Die Füße sind fest aufgestellt. Bodenständigkeit im wortwörtlichen Sinn.

Als Nächste kommt Isabelle von Fallois. Es geht um Glauben. Da reicht das Einzelschicksal zum Beweis. Wie ihr eigenes. Sie spricht davon, wie sie vor acht Jahren lebensbedrohlich an Leukämie erkrankte und intensiv den Beistand der Engel erbat. Ihre Geschichte soll zeigen, wie Engel helfen, das Schicksal zu meistern. Auf der Bühne erzählt sie, wie sie innerhalb kurzer Zeit Weisungen von den Erzengeln erhielt, die ihr schließlich halfen, wieder gesund zu werden. "Erzengel Raphael nannte mir sogar eine Webseite, auf der ich medizinische Hilfe finden würde", sagt die Frau mit den langen, blonden Haaren. Danach ließ sich Isabelle von Fallois zur Engelheilerin und zum Medium ausbilden. Erzengel Michael habe ihr das aufgetragen.

In den Pausen stürmen die Teilnehmer die Stände der Aussteller. Sie tragen Namen wie Quantumengel, Lichtwesen, Aurafoto oder Spirit of Om. Ein Mobilfunkanbieter will spirituell interessierten Menschen den Zugang zu einem Portal und damit "eine Fülle an Informationen aus den Bereichen Spiritualität, Wellness und Ökologie zur Harmonisierung von Körper, Geist und Seele", wie es im Infoblatt heißt, verkaufen. Andere verkaufen Einhornessenzen, energetisierte Kristalle, Bücher, Skulpturen, Kalender, Postkarten mit und über Engel. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Das Engel-Merchandising funktioniert dann doch sehr weltlich.

An einem Stand liegt ein seltsam anmutendes Gerät aus Metall. Es soll am Hauptwasseranschluss angebracht werden, die Molekularstruktur des Wassers neu ordnen und so angeblich mit Liebe und Licht aufladen. "Der Emo ist die erste Entwicklung einer lebendigen Technologie, die uns übermittelt worden ist", heißt es in einem Infoblatt. Und weiter: "Der Emo ist ein Raum, in dem das Wasser sich von Erinnerungen reinigt, sich wieder mit seiner ursprünglichen Frequenz und Vibration verbindet und sich mit neuen Frequenzen auflädt." Gesegnetes kann schon mal was kosten: 2520 Euro.

Eine Etage tiefer hat Heilpraktikerin Darsho Marlies Willing ihren Stand. Im Regal hinter ihr leuchten farbige Essenzen in kleinen Fläschchen. Vor ihr sitzt eine Kundin, die eine Engelberatung wünscht. Wie ein Fächer ist das Kartendeck "Farben der Engel" vor ihr ausgebreitet. Sie zieht eine Karte und legt sie offen hin. Das Blatt zeigt rosafarbene Blasen. Nummer 105 - Erzengel Azrael, Todesengel und Grenzgänger zwischen den Welten. Welche Botschaft er für die Dame bereithält? Sie behält sie lieber für sich.

Später steht Willing auf der Bühne. Die Kölnerin spricht über die Urkraft des Lebens: Licht. Und natürlich von Engel, den Boten des Lichts. Jeder Mensch habe eine persönliche Erinnerung an dieses Engelslicht in sich, jeder Mensch kenne seine Farben und bunten Ölen, die sie an ihrem Stand vertreibt.

"Wo Licht ist, ist Heilung. Wo Licht ist, ist Liebe. Wo Licht ist, ist Leichtigkeit", sagt Willing. Die Menge im Saal kann sie nicht so für sich gewinnen, wie es Sabrina Fox und Isabelle von Fallois zuvor geschafft haben. Viele verlassen den Saal. Sie ist keine gute Rednerin, liest ihren Vortrag ab. Es ist ihr erster Auftritt in dieser Größenordnung.

Doch dann lässt Willing Kongressteilnehmer spontan eine Karte aus dem Deck ziehen und gibt die Botschaft des Engels an sie weiter. Das Publikum hört ihr wieder zu. Jedenfalls die, die noch da sind.

Sowieso wird viel von Liebe, Licht, Wärme und Gefühl gesprochen. Bei den Ständen verkauft sich diese Botschaft auch ganz gut. Wer beispielsweise einen Kristall oder einen anderen Edelstein kaufen möchte, soll ihn intuitiv aus einer Vielzahl auswählen. Den Stein umschließt er dann mit der Faust und legt sie auf die Brust. Am besten mit geschlossenen Augen. Und wer dabei nichts spürt, dem wird gesagt, man müsse schon sein Herz öffnen. Die Mehrheit kann die Kraft der Steine fühlen. Wer aber nicht nur spüren, sondern seinen Stein auch verstehen möchte, dem hilft Michael Mora. Der Apache deutet Talismane.

Nur ein paar Schritte weiter signiert seine Frau Eva-Maria Mora, gebürtige Deutsche, ihre Bücher. Sie gilt als Gründerin der Quantum-Engel-Heilung. Es heißt, eine schwere Krankheit und die Begegnung mit einem Engel führten Mora auf ihren spirituellen Weg. Frauen stehen Schlange bei ihr, warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Einige umarmen sie.

Gleich am Stand gegenüber kann man seine Aura messen lassen. Eine Kundin legt ihre Hand auf Sensoren. Zuvor hat sie einen Karte gezogen. Es ist die Nummer 21: Maria. Dann versprüht der Verkäufer die eigens von ihm energetisierte Essenz Nummer 21 über ihrem Kopf. Es soll ihre Aura unterstützen. "Ein Aura-Pflegemittel", erklärt eine Mitarbeiterin. Heilversprechen werden nicht gemacht. Wie zum Beweis, verändern sich die Farben auf dem Bildschirm. Die Kundin kauft das Spray. Sie ist zum zweiten Mal auf dem Kongress. Ihre Tante begleitet sie. Die Belgierin hat, wie viele der Teilnehmer, selbst schon ein Wunder erlebt. Als sie dachte, sie müsse aus ihrem geliebten Apartment mit Meerblick ausziehen, schenkte ihr eine Hundertjährige, die sie als Krankenschwester pflegte, eine sehr große Summe Geld. So konnte sie die Wohnung kaufen und bleiben. Die Engel hatten ihre Bitten erhört.

Auch am zweiten Tag des Kongresses stimmt Sängerin Muriel die Teilnehmer mit "Heaven" und "Be At Peace" klanglich auf dem Tag ein. Und auf Diana Cooper, die auch am Sonntag wieder auftritt und mit tobendem Applaus begrüßt wird. Sie ist der Star des Engelkongresses. Heute legt sie noch mal einen drauf.

Auf der riesigen Leinwand hinter Diana Cooper erscheinen Digitalfotografien, die aussehen, als wären sie missglückt. Lichtkreise sind auf ihnen zu sehen. Cooper nennt sie Orbs, antimaterielle Energiewesen, die nicht mit bloßem Auge wahrgenommen werden können. Simple Definition für Skeptiker: weiße, graue, grau-weiße, teils durchsichtige Kreise und Ovale innerhalb von Bildern. Für alle anderen ist es so viel mehr: Cooper ordnet sie unterschiedlichen Engel-Energien zu.

Sie erzählt die Geschichte einer Frau, deren Mann die Familie nicht mehr ernähren konnte. Ein Fall aus Coopers Praxis. Aus Ärger darüber schlief die Frau nicht mehr mit ihrem Mann. Cooper riet ihr, sich zu trennen. "Danach sah sie ihn mit anderen Augen. Und sie konnte seine eigene Verletztheit sehen", erzählt Cooper mit sanfter Stimme ihre Geschichte. Fast schon beschwörend. "Denn an diesem Abend schliefen sie wieder miteinander." Eine Geschichte mit Happy End. Denn als Cooper die beiden zwei Wochen später traf, hatte die Frau einen Halbtagsjob angenommen, und ihr Mann hatte eine Arbeit gefunden, bei der er mehr Geld verdiente.

Mit solchen kleinen Anekdoten will sie ihren Anhängern die Existenz von Engeln beweisen. Auch wenn es eigentlich keine Beweise braucht. Dann führt sie die Teilnehmer in ihrer Meditation auf einem schmalen Pfad einen Berg hinauf, wo ein Schloss aus funkelnden Kristallen steht. Dort am Schloss wartet schon der Erzengel Raphael. "Er wirkt mit den Einhörnern zusammen. Ein Einhorn kommt auf Sie zu. Steigen Sie auf."

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