Nahsicht: John Le Carres neuer Thriller spielt in Hamburg

Der Mann, der nicht nur Kälte kann

Das Milieu, über das John Le Carré schreibt, ist ihm vertraut wie kein zweites: Spionage. Im Roman "Marionetten" versuchen seine Ermittler in Hamburg Licht ins Dunkel zu bringen, einer Stadt, in der der Autor oft und gern zu Gast ist. Michael Jürgs auf der Spur des einstigen Agenten David Cornwell.

Das Hamburger Restaurant, in dem die britischen Geheimdienstbeamten Forman und Lantern bei Jakobsmuscheln, Wolfsbarsch in der Salzkruste und einem eiskalten toskanischen Weißwein den Bankier Tommy Brue erpressen, kennt John Le Carre aus eigenem Erleben. Allerdings hat Besitzer Mario Zini montags geschlossen und mittags sowieso. Diesen Abstecher von der Wirklichkeit erlaubt sich David Cornwell auf Seite 166 seines in der kommenden Woche erscheinenden Romans "Marionetten". Außerdem sitzt er, wenn er dort zu speisen genießt, hinten links, freien Blick auf Tür und Gäste, Rücken frei gehalten durch ein Regal, in dem neben Koch- und Ferrari-Bildbänden von ihm bei früheren Besuchen signierte eigene Werke stehen.

Der Herr, der nie zum Sir geschlagen werden wollte, ist weltberühmt, weshalb man ihn und seine Bücher nicht vorstellen muss. David Cornwell, geboren in der englischen Grafschaft Dorset vor siebenundsiebzig Jahren, im echten Leben als Spion einst in Diensten Ihrer Majestät, ist mit der Geburt seines Alter Ego, mit dem er 1963 aus der Kälte kam, zwar begraben, aber Kontakte und Erfahrungen überlebten.

Auch in seinem 21. Roman baut John Le Carre auf diesen auf. In üblicher verdächtiger Meisterschaft verbindet er erfundene Ereignisse mit präzise recherchierter Realität. So könnte es nicht nur gewesen sein, vielleicht ist es tatsächlich so gewesen. Dass die "Marionetten" in Hamburg an Fäden von unsichtbaren Regisseuren zappeln, die der Autor aber nicht etwa gnädig im Dunkeln lässt, sondern identifizierbar macht, ist kein Zufall. Für den wachsamen Träumer, der unauffällig bleibt unter den vielen auffälligen Schwätzern seiner Zunft, ist Hamburg der passende Ort für den spannenden Plot. Seit ausgerechnet in Harburg, der grauen Schläferstadt, wie viele den Hamburger Stadtteil mittlerweile nennen, die Nine-Eleven-Attentäter ihre mörderischen Pläne ausheckten, scheint hier alles möglich zu sein. Vor allem das Unmöglichscheinende.

Als da wären: ein Privatbankier, gefangen in einer liebesfreien Ehe und einer dunklen Vergangenheit. Ein geheimnisvoller Tschetschene, der nach Jahren der Folter Asyl sucht in Hamburg. Eine junge Anwältin aus besten Kreisen, die sich für den Gezeichneten einsetzt. Ein Konto, das für einen korrupten russischen Mörder-Oberst einst von Tommy Blues Vater in Wien eröffnet wurde und jetzt plötzlich genutzt werden soll. Und vor allem die tief verfreundeten Agenten des amerikanischen, des britischen, des deutschen Geheimdienstes, die sich auf offener Bühne kollegial in die Arme fallen, aber in den Kulissen einander bereits alle nur denkbaren Fallen aufgestellt haben.

Einer seiner schon oft gebrochenen Helden, Leiter der in Hamburg im ehemaligen Pferdestall der SS agierenden nebulösen Spezialeinheit zwischen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt, Mitte vierzig, aufbrausend, Terrier, Raucher, Workaholic, erklärt seinen Leuten in Le Carres lakonischer Sprache, in der Handwerk zur Kunst wird, was jetzt auf sie wartet, draußen in der ihnen feindlich gesinnten Welt. "Der eine Ground Zero war in New York. Der andere Ground Zero, von dem man nicht annähernd so viel hört, war hier in Hamburg ... Genies aus der ganzen westlichen Welt kamen angeflogen, um kluge Ratschläge zu erteilen und sich selbst reinzuwaschen. Illusterste Staatsschützer aus Köln, Top Spione vom Bundesnachrichtendienst, die allwissenden Damen und Herren vom parlamentarischen Kontrollgremium, Amerikaner von mehr Agenturen, als man je für möglich halten sollte - bei der letzten Zählung immerhin sechzehn! Alle traten sich auf die Zehen, um vor jeder Tür zu kehren, außer vor der eigenen. Ganz ehrlich: So viele Klugscheißer haben in diesen Wochen damals ihren Senf dazugegeben, dass die armen Schweine, die den Laden schmeißen und die Scheiße wegräumen mussten, nur noch wünschten, sie hätten ihnen schon ein bisschen früher unter die Arme gegriffen. Dann hätte es nämlich keinen Mohammed Atta gegeben ... Hamburg hatte es verbockt. Alle anderen hatten es genauso verbockt, aber Hamburg bezog die Prügel."

Man kann davon ausgehen, dass John Le Carre während der Recherchen, bei denen er Wochen in Hamburg und in Berlin verbrachte, kompetente Gesprächspartner hatte - in der Politik, bei den Geheimen, bei den Opfern. Mehr aber wird hier jetzt nicht erzählt. Es handelt sich bei den Marionetten zwar um einen moralischen Roman, aber eben auch um einen Thriller, und der lebt nun mal von der Spannung, der Überraschung, dem Unvorhersehbaren. Es darf verraten werden, dass der Bankier sich bereits auf den ersten Blick in eine junge Frau verliebt hat, die fortan durch seinen Kopf radelt, "wann immer ihr danach ist". Dass die Figur des gejagten Isaa nicht von ungefähr jenem Bremer Taliban Kurnaz ähnelt, der rechtlos, unschuldig in Guantanamo gefangen gehalten wurde.

Die Bedrohung freier Gesellschaften durch islamistische Terroristen ist eine real existierende, aber die Methoden, mit denen seit Nine Eleven die Verdächtigen gejagt werden, sind zu oft eine Schande für demokratische Staaten. John Le Carre lässt daran keinen Zweifel. It's a disgusting world, es ist eine eklige, abscheuliche Welt, dieser Kosmos der Geheimen. Darin waren sich schon der ehemalige Chef des legendären MI 6 und er einig, als der mal den einstigen Jungagenten David Cornwell besuchte. Der eine grummelt seit zehn Jahren im Ruhestand, der andere, John Le Carre, gibt keine Ruhe. Man sieht ihm seinen unterkühlten Zorn nicht an. Er wirkt zurückhaltend britisch und weißhaarig gelassen wie einer der noch nicht geschmolzenen Gletscher der Schweiz, wo er einst beim Studium der Germanistik in Bern Deutsch lernte, das er heute noch fließend spricht und vor allem: auch Zwischentöne gut versteht.

John Le Carre, britisches Establishment, wofür er qua Geburt nichts kann, wehrt sich mittels Literatur gegen die skrupellosen Finsterlinge statt sich auf den verdienten Lorbeeren auszuruhen und mit seinen zwölf Enkeln zu spielen. Die übelsten Figuren in seinen Büchern, erst recht in seinem neuen Roman, sind die Amerikaner von der CIA.

Er selbst ist , konsequent wie es sich für einen anständigen Gentleman gehört, seit Jahren nicht mehr in den USA gewesen, weil er Bush nicht nur für disgusting hält, sondern für desaströs. Regelmäßig schrieb er gegen die von Georg Dabbelju begonnenen Kriege im Intellektuellen-Magazin "New Yorker". Sein in Hamburg spielender Roman "A Most Wanted Man" ist seit Wochen unter den ersten fünf der US-Bestsellerliste. Was ihn freut. Er verwechselt nicht wie so viele Kritiker die noch amtierende unmoralische Regierung mit dem Land der Freien und seinen Bürgern. Seine Beziehung zu den Vereinigten Staaten ist die eines Liebhabers, der zwar betrogen wurde, aber seine Liebe noch nicht vergessen hat.

Wie in allen seinen Romanen, egal ob die im Kalten Krieg spielten oder wie im "Ewigen Gärtner" die Machenschaften der Pharmakonzerne, gehören auch in diesem Buch die toten Väter der Akteure zu den bedrohlichen Schattenmännern der Vergangenheit. Die aus der Geschichte, in dem Fall der deutschen. Aber immer wieder klandestin, eingebaut die Erfahrung mit dem selbst erlebten Vater, der ihn mehr oder weniger erzog, nachdem die Mutter das Haus verlassen hatte, als David John Moore Cornwell fünf Jahre alt war. Die unerfüllte oder prinzipiell stets unerfüllbare Sehnsucht nach Liebe prägt viele seiner Hauptfiguren. Auch diesbezüglich ist es naheliegend, in John Le Carres Biografie zu forschen. Doch das wäre disgusting unter Gentlemen, nicht von ungefähr sind sich deshalb Hanseaten und Bri-ten, mal abgesehen von landeseigenen gedruckten Gossenhauern, sehr ähnlich.

Der Schriftsteller liebt die Farbe Grau, sie ist schließlich von jeher die Farbe des Zweifels. Die Guten sind bei ihm nie ganz gut und die Bösen nie ganz böse, und Sieger gibt es in Wahrheit nie. Längst hat er sich aus den Schwarz-Weiß-Mustern des Genres herausgeschrieben, stellt das oft gebrochene Individuum, egal nun ob in Ost oder West, gegen den jeweiligen Leviathan Staat. Dass er Hamburg kennt seit jenen Zeiten, da er noch als junger Agent David Cornwell voll kindlichen Glaubens an eine höhere Moral seinen Dienst am Vaterland versah, merkt man in Details seiner fiktional inszenierten "Marionetten". Die eigentlichen Helden, falls er sich durchringen würde, die so zu nennen, sind die von Fluchthafen Hamburg, einer nicht staatlichen und von den entsprechenden Behörden misstrauisch beobachteten Organisation, die auf selbstlose Art versucht, Asylbewerbern zu helfen, aber oft ohnmächtig erleben muss, wie trotz aller Anstrengungen die Mächtigen bei Tagesanbruch klingeln und ihre Klienten abschieben. In eine meist tödliche Zukunft.

Vorbild für die Organisation Fluchthafen ist die Hamburger Initiative namens Fluchtpunkt ( www.fluchtpunkt-hh.de ). John Le Carres Buchverlag, Ullstein, verbindet deshalb die Präsentation von "Marionetten" in Hamburg mit der auf den Einladungen gedruckten Bitte des Autors um Spenden.

Selbstverständlich hat Mario den Weißwein bereits kalt gestellt, wenn David Cornwell in den Tagen danach sein Restaurant betritt, zwar angemeldet, aber unauffällig. Wie es sich gehört, wie es ihm gefällt.

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