Nachkriegszeit: Das schwedische Rote Kreuz hilft Hamburger Kindern

Hjälp på svenska⊃1;

"Dank dem schwedischen Volk für Brot in der Not 1946-1950" steht auf einer Gedenktafel am Blankeneser Elbufer. Sie erinnert an eine schwere Zeit. Und an eine der größten Hilfsaktionen für Hamburg: die "Schwedenspeisung". Eine Spurensuche.

Mit einem tarngrünen Blechgefäß aus Militärbeständen steht das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen vor der Essenausgabe an der Schule am Grasweg in Winterhude. Geduldig wartet es mit den anderen Kindern, bis es an der Reihe ist. Ihr Magen knurrt. Aus den großen Kübeln dampft es. Einige Kinder sitzen bereits vor ihren Näpfen und Schüsseln und löffeln Suppe. Endlich ist sie dran. Das Mädchen reicht sein Feldgeschirr der Küchenfrau, die mit einer großen Kelle das Essen einfüllt. Schon der Geruch lässt der Kleinen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es gibt Rindfleischsuppe. Im Winter 1947 ist das etwas ganz Besonderes. An den Geschmack erinnert sich Maren Merten noch heute ganz genau. Die Zunge ertastete vorsichtig Fleischfasern und Gemüsestückchen. Heiß war die Suppe, die würzig und ein wenig salzig schmeckte. Dabei war die gebürtige Hamburgerin gerade mal sechs Jahre alt, als sie eine warme Mahlzeit bei der Schwedenspeisung bekam. Auch den Löffel Lebertran hat sie nicht vergessen. "Der roch so eklig", sagt die heute 66-Jährige.

Sie sitzt am Tisch im Esszimmer ihrer Wohnung in Stellingen. Durch das große Fenster scheint die Sonne herein. Die Rentnerin blickt auf eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie in ihrer Hand. Darauf lachen drei Kinder in die Kamera. Hinter ihnen steht der Weihnachtsmann. "Das bin ich mit meinen beiden Brüdern", sagt sie. "Unsere Großeltern hatten uns gerade neu eingekleidet." Unter ihren langen Mänteln trugen sie Jogginghosen. Sie betrachtet das Bild intensiv und sagt dann: "Wir hatten sogar richtige Schuhe." Keine Selbstverständlichkeit. Gekauft wurden sie von der Entschädigung, die den Großeltern ausgezahlt wurde. Zwei ihrer Söhne waren als politische Gefangene ins Konzentrationslager verschleppt worden. Sie kehrten nicht mehr heim.

Mertens Familie lebte bei den Großeltern, wo sie sich ein Zimmer teilten. Das Essen war karg. "Einmal hatte mein Vater billig Steckrüben gekauft. Unsere Wanne war bis zum Rand mit ihnen gefüllt", erinnert sich Merten. Die gab es jeden Tag zu essen. In allen Variationen: als Mus, Suppe, geschnitten oder mit ein wenig Zucker auf Brot. Kartoffeln gab es nicht. Da war die Schwedenspeisung eine willkommene Abwechslung.

Nicht nur das. "Sie war in Zeiten größter Not überlebenswichtig", sagt Carsten Stern. Der Autor hat viele interessante Fakten über die Hilfsaktionen des Schwedischen Roten Kreuzes in Hamburg in einem Buch zusammengetragen. "Die Hilfsmaßnahmen des Schwedischen Roten Kreuzes haben viele Kleinkinder vor dem Verhungern gerettet", sagt Stern. Er selbst war eines von ihnen - Jahrgang 1942, ausgebombt und Flüchtlingskind. "Ich erinnere mich noch an das reetgedeckte Häuschen im Hessepark. Vor rustikalen Holztischen wartete eine lange Schlange. Frauen in blauen Kittel füllten aus großen Kübeln Essen in Henkelmänner und Blechnäpfe. In meiner Erinnerung ist es warm", sagt Stern. "Das ist seltsam, denn die Schwedenspeisungen beschränkten sich auf die Winterzeit." Um die schlechte Ernährungslage auszugleichen. Im Sommer sprangen zeitweise die deutschen Behörden und das Deutsche Rote Kreuz ein.

Die meisten Erinnerungen sind bruchstückhaft, wie Scheinwerfer, die zufällig Licht ins Dunkel bringen, immer auf einen Ausschnitt beschränkt. Schließlich liegen die Ereignisse gut 60 Jahre zurück. Hier und da fällt einem plötzlich wieder eine Begebenheit ein. Mehr eine Ahnung, ein Gefühl, als greifbares Wissen. So erinnern sich viele Zeitzeugen, mit denen Stern gesprochen hat, an Schokoladensuppe. Auch Stern ist sie im Gedächtnis geblieben. Doch weder bei seiner Recherche im Hamburger Staatsarchiv, dem Archiv des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin oder dem Archiv des Schwedischen Roten Kreuzes in Stockholm fand er Hinweise, dass die Schweden auch Schokoladensuppe ausgegeben haben. "Sie wird Teil der britischen Schulspeisung gewesen sein", sagt Stern. Die wurde am 1. Februar 1946 als erstes Programm der Massenspeisung nach dem Krieg ins Leben gerufen. Laut der "Food and Agriculture Instruction No. 37" sollten alle Schulkinder einmal am Tag eine warme Mahlzeit von der britischen Militärregierung bekommen. Diese bestand aus einer Suppe mit Hülsenfrüchten und einer süßen Suppe zweimal pro Woche. "Und süß war die Schokoladensuppe auf jeden Fall", sagt der 66-Jährige.

Nicht nur die Briten und die Schweden halfen den Deutschen, als diese vor dem Nichts standen. Lebensmittelspenden kamen ab 1947 auch aus der Hoover-Spende und vom Dänischen Roten Kreuz.

Als Amerikaner und Briten zur Bizone zusammengelegt wurden, griffen die Amerikaner mit erheblichen Mengen an Hilfsmitteln ein. Für Schüler gab es die Hoover-Speisung, benannt nach Herbert C. Hoover, dem ehemaligen US-Präsident. Schon während des Ersten Weltkriegs sorgte er als Leiter der Nahrungsmittelverwaltung für die Versorgung im Heimatland und der Alliierten im Krieg.

Die Mennoniten versorgten die Alten mit einer täglichen Suppe und einem Brötchen. Die Stadt übernahm die Kleinstkinderspeisung für Kinder im Alter von bis zu einem Jahr. "Neben diesen Lebensmittelspenden gab es vielfältigste Spenden, ohne die das Leben in Deutschland in den ersten beiden Nachkriegsjahren kaum möglich gewesen wäre", erklärt Stern.

Eine der größten Hilfsaktionen war aber die Schwedenspeisung für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Sie wurde 1946 von Graf Folke Bernadotte, dem Präsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, ins Leben gerufen. Er sah die Organisation in der Pflicht, ein Hilfsunternehmen in den Teilen Deutschlands in Gang zu bringen, in denen es am schlimmsten bestellt war. Neben Hamburg waren dies Berlin und Städte im Ruhgebiet. Schweden half insgesamt in 15 europäischen Ländern. Bis 1951 hatte das neutrale Land 60 Millionen Euro an Spenden investiert - und das allein in der Britischen Besatzungszone.

Etwa 40 000 Essen pro Tag wurden ausgegeben. Und jedes Kind bekam täglich einen Löffel Lebertran. Sicher hängt nicht für jeden die schönste Erinnerung an diesem Löffel. Aber es ist ein gutes Stärkungsmittel besonders bei Kinderkrankheiten und Unterernährung und sollte den Ausbruch von Rachitis verhindern.

Zwar bestanden die Schweden bei den Hamburger Behörden darauf, dass ihre Essenausgabe auch als Schwedenspeisung deklariert und von den Ausgabestellen der Schulspeisung getrennt wurden. Trotzdem wurde Schweden schnell mit der gesamten Schulspeisung in Verbindung gebracht. In den Köpfen der Hamburger setzte sich fest, dass die Schweden allen Kindern geholfen haben.

Um zu verstehen, wie wertvoll die internationalen Hilfsmaßnahmen waren, muss man die Versorgungslage in der Nachkriegszeit betrachten. Im Katastrophenwinter 1946/47 war die Lage besonders schlimm. Es war der kälteste Winter in hundert Jahren. Die Temperatur stieg nie höher als auf minus fünf Grad. Es gab nichts zu heizen und nichts zu essen. 1946 und 47 gab es auf dem Weltmarkt kaum Getreide. Wohnungen waren zerstört. Den gesamten Winter über gab es zeitweise Stromsperren. U- und S-Bahnen fuhren nur eingeschränkt. Gleise waren verschneit. Viehtransporte von Süddeutschland konnten nicht nach Norddeutschland kommen, weil ein großer Teil des Eisenbahnbestandes zerstört war. Flüsse und Kanäle zugefroren. All das sorgte für extrem schlechte Versorgungsverhältnisse. Versorgung in der Notzeit. "Einmal bin ich mit einer vollen Milchkanne auf vereister Straße ausgerutscht. Das war schlimm, denn die Milch für die ganze Woche war weg", so erinnert sich Stern.

Hamstertouren und Schwarzmarkt nahmen ein immer größeres Ausmaß an. Kohlen wurden geklaut. "Ich habe Berichte darüber gelesen, dass viele Kohlenzüge besenrein in Hamburg ankamen," sagt Stern. Eine Zahl hat ihn besonders beeindruckt: Allein im März 1947 wurden auf dem Verschiebebahnhof in Eidelstedt 17 000 Kohlendiebe registriert. "An einem einzigen Tag."

Wälder und Parks wurden abgeholzt und zu Brennholz verarbeitet. In öffentlichen Gebäuden wurden Wärmehallen eingerichtet, in denen sich die Hamburger tagsüber aufhalten konnten. Ende Mai 1947 wurde Hamburg zum Notstandsgebiet erklärt. "Meine Großmutter schrieb in ihr Tagebuch, dass in der Wohnung minus fünf Grad herrschten und sie nichts zu essen hatten. Ihr Mann war vor Erschöpfung zusammengebrochen", sagt Stern.

Ende 1946 standen einem Erwachsenen laut bizonaler Ernährungsverwaltung 1550 Kalorien zur Verfügung. Außerdem eine Fettration von 200 Gramm pro Woche. Weniger als ein Stück Butter. Zum Vergleich: Der Kalorienbedarf eines durchschnittlichen erwachsenen Mannes liegt heute bei 2800 Kalorien. Trotz der katastrophalen Lage geht aus ärztlichen Berichten aus dieser Zeit hervor, dass alle Hamburger Kinder, es waren mehr als 50 000, einigermaßen gesund über den Winter kamen und ihr Gewicht halten konnten. Den Schweden sei Dank.

Um so viele Kinder ständig versorgen und die verschiedenen anderen Massenspeisungen gewährleisten zu können, wurde eine zentrale Großküche eingerichtet. Der Schlachthof an der Lagerstraße in der Sternschanze hatte Dampfanschluss an das städtische Fernheizwerk. So konnte Kohle gespart und schneller gekocht werden. In 200 Kesseln, die je 300 Liter fassten, kochten die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes. Schnell wurde die Küche zur größten Küche Europas. 600 Menschen arbeiteten hier in Früh- und Tagschicht und stellten ungefähr 165 000 Portionen am Tag her. "Für die vier Jahre, in denen hier für die Massenspeisung gekocht wurde, bedeutet dies eine unvorstellbare Zahl von 130 Millionen Essen", sagt Stern. "Davon gingen 28 Millionen Portionen an die Schwedenspeisung für die Drei- bis Sechsjährigen."

Mit Lastwagen wurden die Thermen mit Essen an die verschiedenen Ausgabestellen der Stadt verteilt. Zeitweise waren es über 500 verschiedene Stellen. Die Organisation übernahmen das DRK, die Deutsche Hilfsgemeinschaft und vier Organisationen der Freien Wohlfahrt. Kein leichtes Unterfangen, denn die Straßen waren teilweise zerstört und mit Eis und Schnee bedeckt. Manchmal rutschten die Lastwagen in Gräben. Dann mussten die riesigen Thermen mühevoll umgeladen werden.

Die Kinder kamen zu den Ausgabestellen der Schwedenspeisung. Sie sollten ihr Essen persönlich abholen. Im ersten halben Jahr nach der Einführung war das anders. Da wurden die Mahlzeiten an die Mütter ausgegeben. Aus dem einfachen Grund, dass viele Hamburger Kinder keine Schuhe besaßen. Doch die Schweden wollten keine Familiensuppe ausgeben, sondern sichergehen, dass die Kinder das Essen wirklich bekamen.

Maren Merten hat die Schwarz-Weiß-Fotografie zur Seite gelegt. In ihren Händen hält sie eine Tasse mit Schwarzem Tee. "Wenn wir zur Schwedenspeisung liefen, mussten wir durch den Stadtpark", sagt sie. "Wir blieben immer in einer Gruppe mit mehreren Kindern zusammen. Das war sicherer."

Es gab Menschen, die einem Kind schon mal den Henkelmann entrissen, in der Hoffnung, darin noch paar Löffel Erbsensuppe zu ergattern. "Mir selbst wurde einmal der Löffel geklaut", sagt Merten.

Sie nimmt sich einen Schokoladenkeks vom Teller, den sie fast schon bedächtig isst. Sie weiß Essen zu schätzen, auch heute noch, wo es jederzeit und überall verfügbar ist. "Ich habe nicht vergessen, wie sich nagender Hunger anfühlt."


⊃1;) Hilfe auf Schwedisch