Fünf finde ich gut

Max ist fünf Jahre alt. Den Kindergarten mag er nicht besonders. Vor allem, weil es da diese blöde Singerei und Salamibrote gibt. Aber es gibt ja noch die Schule. Da will Max hin - und schult sich kurzerhand selbst ein. Eine Kurzgeschichte von Wolfgang Kirschner.

Mit fünf hatte ich genug vom Kindergarten, und ich beschloss, mich selbst einzuschulen. Besonders die tägliche Singerei mit Schwester Hildegard hatte mich dazu gebracht. Ich hasste Singen, und ich hatte die Nase voll von so peinlichem Zeug, wie "Zeigt her eure Füße ..." oder "Grün, grün, grün ist alles, was ich habe ..." und wie dieser kindgerechte Käse noch so hieß. Außerdem sollten wir Topflappen für Weihnachten häkeln. Spätestens da sagte ich mir, was soll's, es kommt sowieso auf mich zu, also warum nicht gleich?

Der erste Tag in der Schule war schon gelaufen, also ging ich am zweiten Tag hin. Das hatte den Vorteil, dass man die Eltern zu Hause lassen konnte. Blöd war eigentlich bloß, dass es keine Schultüte mit Süßigkeiten gab. Aber Topflappen häkeln war noch viel blöder.

Ich nahm den alten Lederranzen, den ich Wochen vorher auf dem Speicher zusammen mit anderem Krempel gefunden hatte. Das Zeug gehörte wahrscheinlich früher mal Frau Kümmerles Sohn. Frau Kümmerle war vor einem halben Jahr ins Altersheim umgezogen und hatte die Kiste im hintersten Eck wohl vergessen.

Aber vielleicht wollte sie die Sachen auch bloß nicht mitnehmen. Was hatte sie schon von einem Fahrradschlauch, der fünfmal geflickt war? Oder einem blinden Rasierspiegel? Oder von Fußballstiefeln? Ganz zu schweigen von so Heftchen, in denen Frauen abgebildet waren, die nicht mal was anhatten?

Das ganze Zeug sah aus, als stammte es aus einer Zeit, da die Leute noch ziemlich arm waren. Vor zehn Jahren oder so. Ich erzählte niemandem von der Kiste. Den Schulranzen versteckte ich im Kiesbehälter hinter dem Rathaus. Da schaute im Spätsommer kein Mensch nach. Erst im Winter, wenn gestreut wurde, aber das war ja noch lange hin.

Als ich morgens statt in den Kindergarten in die Gesamtschule ging, war ich wirklich beeindruckt. Das Gebäude war zehnmal so groß wie der Kindergarten und sah viel strenger aus. Ich hatte Mühe, die schwere Eingangstür aufzustemmen, und nachdem ich die steinernen Treppenstufen hinaufgegangen war, stand ich vor einem langen Gang mit lauter Türen. Es war kühl im Haus und dunkel. Aus den Zimmern hörte man Stimmen, Frauenstimmen, aber gesungen wurde nicht. Das beruhigte mich. Ich war nämlich schon aufgeregt genug an meinem ersten Schultag.

Als ich die erste Tür öffnete, blickten mich jede Menge Gesichter an. Einige ziemlich blöd, ehrlich gesagt. "Na, wohin willst denn du ...?", fragte mich die Lehrerin an der Tafel. "In die Schule", antwortete ich wahrheitsgemäß. Einige von den Blödguckern kicherten. "Ja, schon, aber in welche Klasse?", fragte wieder die Lehrerin. "In die erste?", antwortete ich etwas verunsichert. Die Blödgucker schnitten Grimassen und sahen dadurch noch blöder aus. "Das dachte ich mir. Aber wir haben hier die 1a, die 1b und die 1c. Welcher bist du denn zugeteilt worden?" "1a", sagte ich. Das klang am besten. "Na dann, herzlich willkommen!", summte die Lehrerin, was mir nicht so gefiel. Vielleicht wurde hier doch gesungen.

Ich ging hinein, schloss die Tür hinter mir und wartete, was weiter geschehen würde. Die Blödgucker guckten, als ob sie nicht bis fünf zählen könnten. "Wie heißt du denn? Ich hab dich gestern gar nicht gesehen, am Einschulungstag." Die Lehrerin blickte mich nicht direkt blöd an, aber viel fehlte nicht. "Meine Eltern waren verhindert", sagte ich. "Mein Vater heißt Senador, und ich bin sein Sohn." Eigentlich hieß er Max Ador senior, abgekürzt sen. Aber meine Mutter nannte ihn bloß "den Senador". "Dein Vater ist Senator!", korrigierte mich die Lehrerin. Meinetwegen, dachte ich. "Und Senator für was?", fragte sie neugierig. "Für ... Schule", fand ich naheliegend. Er sagte nämlich häufig, wenn das Schule macht, dann Gute Nacht! Er war Pleitier, sagte meine Großmutter. "Ups!", machte die Lehrerin, als hätte sie einer auf den Rücken gehauen. Sie begann, in irgendwelchen Papieren zu kramen. Dabei fuhr sie mit dem Zeigefinger zigmal das Blatt rauf und runter. "Senator Steinbeck also ... warum sagt mir das keiner? Schlamperei, so was. Nichts vermerkt, NICHTS ...!", murmelte sie. Aber sie sah mich beglückt an. "Und dein Vorname?", summte sie wieder so. "Max." "Also, Max, dann setz dich doch gleich hier vorne neben Elena. Es ist uns allen eine Ehre ...!" Sie führte mich höchstpersönlich neben das Mädchen mit den blonden Zöpfen.

Ich war überrascht, wie man in der Schule behandelt wurde. Wenn der Senador von der Schule erzählte, hörte sich das immer nach einer Irrenanstalt mit hochgefährlichen Bekloppten an. Na ja, die Blödgucker waren erst mal nur mit Gucken beschäftigt, aber wer wusste, was denen noch einfiel.

Als ich saß, schaute mich die Lehrerin wohlwollend an und sagte: "Du wirkst noch so ... klein. Wie alt bist du denn, Max?" "Fünf", sagte ich. Als der Lehrerin das Gesicht einstürzte, sagte ich schnell: "Fünf Monate, dann werde ich sieben!" Das beruhigte sie.

Mein erster Schultag verlief erstklassig. Mittags wurde ich gleich zu Elena nach Hause eingeladen, wo ihr älterer Bruder mit Fußballbildchen angab. Ich erzählte ihm von den Heftchen. Das saß. Es gab Sauerbraten mit Knödeln. Im Kindergarten hätte es Salami-Brot mit Banane gegeben. Das gab es fast immer. Die Kindertagesstätte war arm, wir mussten uns das Essen selbst mitbringen. Am nächsten Tag kam der Direktor und fragte, ob ich mit allem zufrieden sei. Als ich bejahte, hätte er mich fast umarmt. Am dritten Tag war Wandertag. Alle wanderten um mich herum. Am vierten Tag kam wieder der Direktor, um mich beinahe zu umarmen. Am fünften Tag kam die Polizei.

Der Direktor winkte mich heraus, und alle glaubten, ich würde nun zum Flughafen oder so etwas eskortiert werden. Aber es kam anders. "Du bist erst fünf!", zischte der Direktor. "Und der Senator hat gar keine Kinder." "Doch, mich!", rief ich empört. "Lass mal, Max ...!", hörte ich den Senador rufen, als er die Treppen hochgekeucht kam. Und zum Direktor und zur Polizei sagte er: "Ein Missverständnis, meine Herren. Ich kann alles erklären ..." Danach gab es keinen Sauerbraten mehr. Nur wieder Salamibrote und Bananen. Und gesungen wurde auch wieder. Und die Topflappen musste ich häkeln. Aber ich hatte neue Freunde gefunden. Fast täglich kamen welche aus der Schule vorbei, ältere meistens, und kauften mir die Fotos von den Frauen aus den Heftchen ab, wo sie nichts anhatten.

Die fünf Tage in der Schule hatten sich gelohnt. Ich konnte mir jetzt alle Süßigkeiten kaufen, die es so gab. Überhaupt: Fünf finde ich gut. Es ist seitdem meine Glückszahl.


Der Autor ist Schriftsteller. Er lebt und schreibt in Tübingen und verfasst gern Nonsens-Gedichte für Erwachsene ("Meistens schläft das Murmeltier so bis nachmittags um vier ..."). Sein neuestes Buch heißt: "Die Nacht, in der ich verschwand". Eine Thrillerparodie. Kirschner veröffentlichte unter anderem Kurzgeschichten in Anthologien und das Kinderbuch "Himmelblau und birnbaumgrün - mein Sommer mit Camilla".

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.