Das Wasser spielt in Büchern und Erzählungen von jeher eine große Rolle. Es steht für das Leben, für den Schmerz und für die Seele - und immer für einen großen Teil von uns selbst. Eine Analyse.

Wir haben die Wichtigkeit des Wassers heute fast vergessen. Kommt es doch aus dem Wasserhahn zu jeder Zeit und ohne die geringste Anstrengung. Abgesehen von der Tatsache, dass Wasser ein Rohstoff ist, von dem wir abhängig sind, macht ein Blick auf unsere Biologie die immense Bedeutung des Wassers für unser Leben deutlich. Und aus ihr erklärt sich, warum das Wasser als Element in der Literatur - in der es doch immer wieder um die grundlegenden Fragen des Lebens geht - eine so große Rolle spielt.

Das Leben kam aus dem Wasser, wir schwimmen im Mutterleib im Wasser, bevor wir lernen, auf der Welt zu atmen. 75 Prozent unseres Körpers sind Wasser. Wir sind mit dem Wasser verwoben von Anfang an.

In der Literatur übernimmt das Wasser verschiedene Funktionen, den Eigenschaften dieses flüssigen Elements entsprechend. Immer steht es für etwas, liest sich als ikonografisches Symbol, das entschlüsselt werden will, um eine Botschaft verkünden zu können. Einige dieser Symbole sollen im Weiteren aufgeschlüsselt werden.

Qual und Pein: Wir haben auch vergessen, was Wasser einst für die Menschen bedeutete. Das Verfügen über das Wasser war bis in die Neuzeit hinein verbunden mit Arbeit, mit schwerer körperlicher Mühe; Wasser holen, und das heißt Wasser schleppen. Eines unserer bekanntesten Volkslieder erzählt vom "Brunnen vor dem Tore". Brunnen lagen vor den Toren der Städte, weil sie dort nicht verschmutzt wurden von all dem Dreck, der sich auf den Wegen und unter den Häusern der Stadt sammelte. Dieses außerhalb sein hatte zur Folge, dass die Städter längere Zeit des Tages, und zwar jedes Tages, damit beschäftigt waren, Wasser zu holen. In Märchen begegnet uns das, wenn die Königstochter wie in "Allerleirauh" oder der Königssohn in "Der Eisenhans" eine nicht-königliche Arbeitsstelle antreten: "Dann ward es in die Küche geschickt, da trug es Holz und Wasser, schürte das Feuer ... kehrte die Asche und that alle schlechte Arbeit." Wir haben heute vergessen, wie schwer es ist, offenes Wasser zu schleppen.

Auch den quälenden Durst kennen wir kaum mehr, wie ihn Thomas Mann in "Joseph und seine Brüder" beschreibt: "... an diesem Spätnachmittag also, der sich nicht verkühlen wollte, sondern unter einem ehernen Himmelsgewölbe ohne Windhauch in Hitze stand, ... und dem Jaakob die Zunge im Schlund verschmachtete, denn er hatte seit gestern kein Wasser gehabt, - gewahrte er ... in der ebenen Weite fern einen belebten Punkt, den sein auch in Mattigkeit noch scharfes Auge sogleich als eine Schafherde mit Hunden und Hirten, um einen Brunnen versammelt, erkannte: Er schrak auf vor Glück und stieß einen Dankesseufzer ... empor, dachte aber nichts als 'Wasser!'"

Wasser als Heiligtum und Reichtum: Wasser war immer verbunden mit Fruchtbarkeit und Reichtum. Es war heilig, weil es so notwendig wie alltäglich ist, Quellen waren Heiligtümer. Das können wir schon nachlesen in Homers "Odyssee": "Als die Wandernden jetzo auf ihrem höckrichtem Wege / Nahe kamen der Stadt, am schöngebaueten Brunnen, / Welchem die Bürger der Stadt das klare Wasser entschöpften ... / Ringsum war ein Hain von wasserliebenden Pappeln / In die Runde gepflanzt, und hoch von Felsen herunter / Schäumte das kalte Wasser; ein Altar stand auf der Höhe, / Wo die Wanderer alle den Nymphen pflegten zu opfern."

Quellen als Heiligtümer gab es überall. In Germanien waren sie der Göttin Hel oder Hulda geweiht, die wir noch erkennen in unserer märchenhaften Frau Holle. Deshalb kann die Goldmarie im Märchen "Frau Holle" in einen Brunnen springen und auf einer blühenden, besonnten Wiese wieder aufwachen. Das ist eines der Mysterien der einstmals großen Muttergottheit Holle.

Natürlich hat das Heilige des Wassers nicht davon abgeschreckt, es zu verschmutzen. Die frühe Färber- und Gerberindustrie war daran genauso beteiligt wie der Schiffbau, bei dem der Gebrauch von Pech das Wasser vergiftet. Mit Pech wurden bei Belagerungen übrigens auch die Brunnen verseucht.

Wie dagegen zum Beispiel einem Arbeitenden im 18. Jahrhundert das Wasser begegnete, lesen wir heute in "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz aus dem Jahr 1794. Anton ist zwölf Jahre alt, als er bei einem Hutmacher seinen Lebensunterhalt verdienen soll: "Anton mußte fast alle Woche ein paarmal des Nachts mit dem anderen Lehrburschen aufbleiben, um die geschwärzten Hüte aus dem siedenden Färbekessel herauszuholen, und sie dann unmittelbar darauf in der vorbei fließenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis mußte gehauen werden. Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost, machte, daß Anton beide Hände aufsprangen, und das Blut ihm heraussprützte." Wer das Heilige, wer die Natur, wer das Wasser also nicht ehrt, sondern sich mehr nimmt, als er gibt, bekommt die Quittung - das wusste die Literatur und damit die Gesellschaft schon lange bevor es Greenpeace gab.

Wasser im Paradies: Lassen Sie mich an dieser Stelle nochmals einen Schlenker zurück zur "Odyssee" machen. Was gehört dazu, damit es lieblich um uns ist, damit wir ein Plätzchen paradiesisch nennen? Es ist still, die Sonne scheint, natürlich und, selbstverständlich, von irgendwoher das Plätschern einer Quelle, das Rauschen eines Baches - auf jeden Fall gehört Wasser dazu. Was so, bis heute, unsere Vorstellung einer Idylle prägt, lesen wir das erste Mal in der Literatur tatsächlich in der "Odyssee", die etwa 2700 Jahre alt ist. Es ist die Beschreibung der Grotte der Kalypso: "... fernhin / Wallte der liebliche Duft des Zitronenbaums. / Rings um die Grotte wuchs ein Hain voll Pappelweiden und Erlen und düftereicher Zypressen. / Unter dem Laube wohnten Eulen und Habichte und breitzüngichte Wasserkrähen. / Um die gewölbete Grotte des Felsens breitet' ein Weinstock / seine schattenden Ranken, behängt mit purpurnen Trauben. / Und vier Quellen ergossen ihr silberblinkendes Wasser, / Eine nahe der andern, und schlängelten hierhin und dorthin. / Wiesen grünten umher, mit Klee bewachsen und Eppich (Efeu)."

Vier Quellen geben diesem Ort seine Fruchtbarkeit und seiner Schönheit ihre Fülle. Das Paradies wird uns in der Bibel, im 1. Buch Mose, ebenfalls durchzogen von vier Wasserarmen geschildert, dem Pison, Gihon, Hiddekel und dem Euphrat, was auch dort dessen Fruchtbarkeit und Reichtum begründet. Gesegnete Orte sind Orte mit Wasser.

Wasser als Neubeginn: Die Quelle ist ein Ursprungsort und steht symbolisch für den Anfang. Wir sprechen davon, dass Menschen den Quell ihrer Lauterkeit oder den Quell ihrer Freude in ihrem reinen Herzen finden, oder sie haben den Quell ihrer Hoffnung und ihrer Kraft in ihrem Glauben. Der Quell ist der Ort, von dem aus etwas beginnt. Tatsächlich aber ist es so, dass unter der Oberfläche des Quells ein ganzes Universum im Verborgenen stattfindet: Regenwasser fällt, versickert, wird filtriert über unendliche Stufen, sammelt sich, bildet Reservoirs, strömt unterirdisch - vielfach über Tausende von Kilometern, bis es irgendwo wieder als Quelle hervorsprudelt. Dass der überirdische Quell ein Anfang ist, wird vom Unterirdischen aus betrachtet zur Täuschung. Es ist eher so, dass der Quellort etwas für uns sichtbar und auch greifbar werden lässt, das dem ewigen Kreislauf von Verdunstung, Niederschlag und Sammlung des Wassers entspringt.

Die Quell- und Flussnymphen der griechischen und römischen Antike sind Schwestern unserer Wasserfrauen, der Undinen, Melusinen, Rheinjungfrauen oder auch der "Nixe im Teich" wie ein Grimmsches Märchen heißt. Die reizendste unter diesen allen ist sicher "Die kleine Seejungfrau" von Hans Christian Andersen, die eine Seele bekommt, weil sie ihr Leben für ihre Liebe opfert. Die kultivierteste und sublimste Ausformung der Wasserfrau aber schafft Fontane in seinem letzten Meisterwerk "Der Stechlin" mit der Gräfin Melusine.

Wasser strömt, rieselt, springt, tanzt, schäumt, tobt und rast durch unsere Literatur genau wie durch unser Leben. Das fließende Wasser ist ein Symbol für unser Leben, für unsere Lebenszeit und darüber hinaus für die Zeit selbst. Wir sagen, die Zeit verfloss, oder die Zeit verrinnt, oder die Zeit verströmt sich, wie es eben eigentlich dem Wasser zukommt.

Wasser als Gefühl: Seit Jung gilt uns das Wasser außerdem als Symbol für Gefühle, für Emotionen - für all das, was sich dem Verstand entzieht.

Unser Wort "Seele" stammt ab vom Wort "See". Oder, genauer gesagt: das Urgermanische "saiwalo" ist die gemeinsame Wurzel dieser beiden Worte und bedeutete: "die vom See Stammenden", "zum See Gehörige". Die Verbindung von See und Seele gründete im Glauben der Germanen, dass die Seelen der Ungeborenen wie der Toten im Wasser beheimatet seien.

Der See, die See, der Teich, der Brunnen, der Born, die Quelle, das Meer, der Fluss, die Wasserstraße, der Tümpel - ja bis zum Sumpf und zum Morast spannen sich die Namen für die Orte des Wassers.

Regen: Zum Wasser gehört auch der Regen. Das schönste Bild dazu gibt es in Rilkes Gedicht "Orpheus und Eurydike". Orpheus, der größte Sänger der antiken Welt, dessen Harfenspiel und Gesang nicht nur Tiere und Steine weinen lässt, sondern - und das ist eben eigentlich ganz und gar unmöglich - sogar den Sinn der unsterblichen Götter erweicht. Deshalb darf Orpheus seine so sehr geliebte, doch jung ver-storbene Eurydike wieder heraufholen aus dem Reich der Schatten. Rilke erzählt: "Sie war schon aufgelöst wie langes Haar / und hingegeben wie gefallner Regen". Hingegeben sein wie gefallner Regen - diese Verse drücken aus, was das Wasser tut, wenn es regnet. Es gibt sich hin. Es gibt sich aus, geht Verbindungen ein, speist, was es zu speisen gibt, und macht so möglich, dass die Erde fruchtbar ist. Wasser ist schöpferisch, weil es sich verströmt, überall hin.

Eis und Tränen: Zum Motivkreis "Wasser" gehören in Märchen und Literatur die "Träne" genau wie das "Eis". Tränen sind Symbol oder Ausdruck eines reinen Herzens, sie fließen vor Freude oder vor Schmerz. Tränen gelten auch als das Wasser der Seele. Sie sind im Märchen nicht nur schöpferisch, sondern verfügen auch über Zauberkraft. Das zeigt uns Aschenputtel in seiner Trauer, wenn es ein kleines Haselreis mitbeweint, das es auf das Grab seiner Mutter gepflanzt hat: Aus dem Ästchen erwächst dem Mädchen ein Wunderbaum. Wer niemals weint in den Märchen, der hat kein Herz, und für dieses Herzlose wiederum steht das "Eis". Gefrorenes Wasser zeigt also Zustände von Unbeweglichkeit und Gefühlskälte an, von Starre. Sie erinnern sich vielleicht an die kleine Gerda und ihren Freund Kay aus dem Märchen "Die Schneekönigin" von Hans Christian Andersen. Diesen Kay holt sich die Schneekönigin. Sie küsst ihn dafür zweimal, da wird sein Herz zu Eis. Nur die Tränen von Gerda können ihn retten.

... hingegeben wie gefallner Regen Der Spiegel: Als letztes Motiv, das mir im Zusammenhang mit Wasser wichtig ist, nenne ich den Spiegel - unser Wort "Wasserspiegel" erinnert noch daran. Denn gespiegelt hat man sich von frühester Zeit an im stillen Weiher oder im Teich, im Hause verhalfen dazu Schalen mit Wasser. Wasser hatte also auch zu tun mit Selbsterkenntnis, dem im besten Fall klaren Blick ins eigene Antlitz. Auch das ist ein Zusammenhang, den wir heute fast vergessen haben, erinnerte uns nicht Narziß daran, auch wenn er sich im Wasser eines Teiches nur selbstverliebt spiegelt. Die Sitte, Spiegel im Haus gerade Verstorbener zu verhängen, hat wohl damit zu tun, dass das Wasser ja als Heimat der Seelen von Verstorbenen galt. So entstand der Glaube, dass der Spiegel eine Art Durchgang zur Welt der Toten sei, ein Durchgang ins Jenseits.

Als rauschendes Bächlein oder donnernde Springflut kommt das Wasser zu uns. Vom Nebelhauch bis zu Eisberg und Gletscher, von der Träne bis zum Regen fächern sich seine Formen auf. Aber Wasser ist vor allem Leben, und Wasser trägt Leben. Mythos, Märchen und Literatur eröffnen den Reigen von den großen Wassergöttern bis zur kleinen Seejungfrau. Und das zeigt uns: Wasser ist nicht nur außerhalb von uns, sondern das Wasser ist auch in uns - einmal ganz abgesehen von unserer Biologie. Unser Denken, unser Glaube, unsere Vorstellungen sind durchzogen vom Wasser. Wir sind getränkt von den Erfahrungen, die wir Menschen über alle Zeiten hinweg mit Wasser gemacht haben, und wofür Religion und Kunst Bilder finden. Sie zeigen, dass Wasser nicht ein Ding ist, auch nicht nur ein immerhin lebenswichtiger Rohstoff, sondern Wasser ist eine Welt. Wasser ist unsere Welt. Es gibt für uns keine Welt ohne Wasser. Was aber aus dem einstmals und auch heute durchaus immer noch reinen, duftenden, klaren Element Wasser wird, das ist uns in die Hände gegeben. Nicht nur, damit wir leben können, sondern auch, damit wir das Wasser leben lassen.

Was aus dem Wasser wird, das liegt nicht im Wesen des Wassers begründet - das liegt an uns. Und was daraus einst geworden sein wird, das wird auch in uns sein.