Mauretanien: Durch die Wüste in zweieinhalb Wochen

Zwei Jahreszeiten: heiß und sehr heiß

Touristen werden ermordet, die Rallye Dakar abgesagt. Ist Mauretanien wirklich ein unsicheres Land? Der Hamburger Michael Kuntze hat ganz andere Eindrücke gesammelt. Er erlebte fürsorgliche Gastgeber.

Chinguetti ist eine der bedeutendsten Stätten des Islam. Vor tausend Jahren in einer grünen Savanne angelegt, war sie Universitätsstadt und Sammelpunkt für Karawanen in Richtung Mekka. Als der Hamburger Michael Kuntze den Ort im Zentrum Mauretaniens erreicht, bietet sich ein anderes Bild: Die Wüste hat die Stadt erobert. Viele Gebäude, auch mehrere Moscheen, sind unter Sand begraben - eine eindrucksvolle Ruinenstadt. Und doch leben Menschen hier, Schriftgelehrte, die jahrtausendealte Dokumente hüten, Künstler, die nach überlieferten Traditionen Farben mischen. Im Zentrum steht die bizarre Freitagsmoschee, eine ehemalige Festung der französischen Fremdenlegion. "Kultur zum Anfassen", schwärmt Michael Kuntze, der sich allein in die westafrikanische Wüste aufgemacht hat.

Kuntze, 55, Diplompädagoge und Leiter der Kindertagesstätte Feuerwache in Barmbek, zieht es regelmäßig nach Nordafrika. Mal wandert er allein durch die tunesische Wüste, mal führt er eine Gruppe von Oase zu Oase. Und kurz bevor das Auswärtige Amt Mauretanien zur No-Go-Area erklärte, bevor hier vier französische Urlauber ermordet wurden und die Rallye Dakar aus Sicherheitsgründen ausfallen musste, hat er dieses Land bereist. Ganz allein, nur mit seinem Rucksack: zehn Kilo schwer, darin ein insektensicheres Zelt, ein Schlafsack, das GPS-Navigationssystem, eine Taschenlampe, Blasenpflaster, Wasserbehälter und frische Kleidung.

Mauretanien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Ein schmaler Küstenstreifen, der Rest Wüste. Dreimal so groß wie Deutschland, aber nur etwas mehr Einwohner als Schleswig-Holstein, zu 99 Prozent Muslime. Und nur zögerlich ein Land für Touristen. "Die einzigen weißen Ausländer, die mir begegnet sind, waren zwei spanische Ärzte", sagt Kuntze.

2500 Kilometer reiste er durch das Land, nicht organisiert, zweieinhalb Wochen bewusst nur mit den Verkehrsmitteln der Einheimischen. "Die Jahreszeiten unterscheiden sich nur zwischen heiß oder ganz heiß", sagt Kuntze. "Auf meiner Tour waren es bis 45 Grad - und nachts noch so warm, dass ich mit einem Baumwolltuch unter freiem Himmel schlafen konnte." Der Wüstensand ist tagsüber glühendheiß. Aber auch extrem fein, er dringt in jede Ritze. Jede Kamera, jedes Feuerzeug muss eingeschweißt werden. Hitze - ausgerechnet während des Ramadan. Jeder Ernährungsberater sagt: "Trinken! Trinken!" Und das darf man dann nicht tun. Das Fasten - nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen - beginnt jeden Tag bei Sonnenaufgang. Und wenn dann die Sonne versinkt, ist wieder alles erlaubt. "Die reinste Völlerei, bis weit in die Nacht."

Und doch hat sich der erfahrene Wüstenreisende wohlgefühlt: "Es war das entspannteste Reisen bisher in dieser Region." Reisen, das bedeutet hier: unterwegs sein. Der Weg ist das Ziel. Man bleibt nie lange allein. "Du nennst nur laut einen Ortsnamen - und schon kommt jemand und sagt, wie du dorthin kommst", sagt Kuntze.

Das Wüstenabenteuer in fünf Teilen: In der ersten Etappe fuhr er im klapprigen Reisebus von der Hauptstadt Nouakchott die Küste entlang Richtung Norden nach Nouadhibou. 460 Kilometer durch die Nacht, acht Stunden ohne Pause, für umgerechnet 15 Euro. Früher bretterten die Autos direkt am Strand, seit einigen Jahren gibt es eine feste Straße. Der Bus war bis auf den letzten Platz besetzt, aber jeder hatte eine Fahrkarte. Bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug setzte der Fahrer den Blinker, damit der Gegenverkehr im Sandsturm die Breite des Fahrzeugs einschätzen konnte.

Die zweite Etappe führte von Nouadhibou nach Zouerate, für acht Euro auf die harte Tour: 19 Stunden im Eisenerzzug. 30 Passagiere warten zwischen improvisierten Ständen auf den Zug, der einmal am Tag kommt - irgendwann. Der Zug ist etwa zwei Kilometer lang, besteht aus drei mächtigen Diesellokomotiven an der Spitze und einer am Ende, dazu 195 Lorenwaggons und ganz hinten ein Personenwagen aus den Niederlanden, völlig zerschlissen und viel zu eng für die Fahrgäste und ihr Gepäck. Viermal hält der Zug entlang der 670 km langen Strecke. "Ich habe gelernt, nichts zu trinken, damit ich nachts nicht herausmuss und meinen Platz verliere." Platz - das heißt: ein schierer Eisenträger, weil die Sitze kein Polster mehr haben.

Die dritte Etappe führte mitten in die Wüste, von Zouerate nach Atar, in die heimliche "Hauptstadt" der Mauren. Allradfahrzeuge warten an so etwas wie einem "Taxistand", die Fahrer nehmen 15 Euro für 400 Kilometer. Wenn die Vorderräder nur noch auf zwei von sechs Radmuttern sitzen, sollte man besser einen anderen Wagen suchen. Kuntze saß mit sechs weiteren Insassen in einem Pick-up. Als die Wüste näher rückte, gab es drei Möglichkeiten: östlich der Schienen durch den Sand; westlich der Schienen möglicherweise durch Minenfelder; oder direkt auf den Schienen. Der Fahrer wählte den dritten, eigentlich verbotenen Weg. "Alle waren sehr entspannt", erzählt Kuntze, "nur ich nicht. Was tun, wenn ein Zug kommt?" Erst nach 120 Kilometern bog der Wagen Richtung Wüste ab. Die Fahrt dauerte fast einen Tag.

Die vierte Etappe war die spannendste: von Atar in einer Schleife über die Wüstenstädte Chinguetti und Ouadane wieder zurück. Dort gibt es die Wüste, wie wir sie uns vorstellen, mit viel feinem Sand, kleinen Oasen, allenfalls freigewehten Flächen mit ein paar Büschen. Weil es hier keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr gibt, war das der teuerste Teil der Tour. Die Fahrer eines Jeeps haben 100 Euro verlangt, dann aber ohne Verpflegung. "So haben wir uns auf 150 Euro geeinigt."

Schließlich ging es im Sammeltaxi für 15 Euro zurück von Atar nach Nouakchott. Eine schnurgerade, langweilige Fahrt durch ein Hochplateau mit einer Steinwüste.

Die Tage in Mauretanien haben Kuntze mit einer fremden Kultur versöhnt. "Ich kann vieles zurechtrücken, was man hier über den Islam zu wissen meint. Die Menschen sind genauso schlecht oder gut wie alle anderen auch. Aber sie fühlen sich für den Gast verantwortlich, fürsorglich, auch ohne dass sie darum gebeten werden. Weder wollte man mir etwas andrehen noch war ich der tolle Europäer." Kuntze schwärmt: "Wenn es so etwas gibt, dass ich schon mal gelebt habe, dann muss es wohl unter diesen Menschen gewesen sein."

Und wie war es wirklich mit der Sicherheit? "Außer den Verkehrsproblemen auf der Straße habe ich mich nie gefährdet gefühlt." Trotz der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes hätte Kuntze "keine Bedenken", wieder nach Mauretanien zu fahren. "Wären die Raubmorde vor meiner Reise geschehen, hätte ich mir wohl auch Gedanken gemacht. Aber wenn man mit Hunderten Menschen Kontakt hatte, weiß man, dass sie ebenso entsetzt sind. Ich habe mich jederzeit beschützt gefühlt."

Das Mitleid mit der Absage der Rallye Dakar, die in diesem Jahr durch ein großes Teilstück der mauretanischen Wüste führen sollte, hält sich in Grenzen. "Diese Veranstaltung ist eine Vergeudung von Ressourcen, Missachtung der Menschen, Darstellung westlicher Arroganz. Welchen Eindruck sollen diese Menschen von uns haben?"

Einen ganz anderen Eindruck hat wohl die mauretanische Leiterin eines Brunnenprojektes für alleinerziehende Mütter in der Wüste bei Ouadane bekommen. "Ihr Konzept ist schlüssig", sagt Kuntze. "Ich engagiere mich in Deutschland dafür. Uns fehlen nur noch 3500 Euro für den Bau eines Tiefbrunnens."


Internet: www.wueste-zeiten.de