Kleine Weihnachtsgeschichte

Lebkuchenrote Pumps

Wenn man sich als Fünfzehnjähriger nicht auf den Schulaufsatz konzentrieren kann, weil die Schuhe der Deutschlehrerin zu aufregend sind, hilft vielleicht der Tipp eines geheimnisvollen Stadtstreichers. Wolfgang Kirschner hat diese kleine Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben.

Hätte ich dem Stadtstreicher nicht mein Pausengeld in die Mütze geworfen, wäre ich an Weihnachten verloren gewesen. Wegen eines lebkuchenroten Damenschuhs. Und das kam so:

Unter dem elektrisch beleuchteten Weihnachtsbaum des Bezirksrathauses saß neuerdings ein Stadtstreicher, der sämtliche Passanten schon früh morgens mit den Worten "Halleluja, Tante Trulla!" begrüßte. Tags darauf grummelte er: "Frohe Weihnacht - Weiber an die Macht!" Und wieder einen Tag später: "Gott zum Gruße, Pampelmuse!"

Ich fand es lustig, dass da einer saß und den Leuten Mist erzählte. Mitten in der Adventszeit! Also gab ich ihm mein Pausengeld. Er verbeugte sich im Sitzen und brummte: "Prost, min Jung, für dich mach ich mich krumm!"

Als ich ihn fragte, warum er so komisch daherredet, antwortete er:

"Ach weißte, die Menschen wolln bisschen Ansprache, da isses nich so wichtig, wasde sagst, Hauptsache Ansprache ..." Augenzwinkernd reichte er mir seine Weinflasche.

Ich schüttelte den Kopf. "Muss in die Schule!"

"In die Schule zu Tante Jule?"

Ein heißer Blitz schoss mir vom Unterleib bis in den Kehlkopf, wo er - umpf! - stecken blieb. Gleich hatte ich Deutsch bei Frau Juleleit, die allgemein nur Tante Julchen genannt wurde. Das war doch Zufall, oder?

Frau Juleleit schwebte durchs Klassenzimmer. Mit zwei Schritten war sie beim Pult, wo sie den Adventskranz anzündete. Der schönen Atmosphäre wegen. Ein Geruch von Schwefel und Tannennadeln durchzog den Raum. Frau Juleleit war gigantisch groß. Zwei Meter vielleicht. Und sie war unendlich hübsch. Wie der Engel auf ihrem Adventskranz, nur mit spitzerer Nase. Und weil sie so hübsch war, nannte ich sie nie bei ihrem Spitznamen. Das wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen.

"Guten Morgen!", zwitscherte sie, als sie sich vor uns aufgebaut hatte.

Wir blickten hoch und riefen im Chor: "Guten Morgen, Frau Juleleit!"

Hinter mir brummte Schwachkopf Andi: "Mor-gähn,Tante Julchen."

"Heute schreiben wir einen kleinen Aufsatz!", verkündete sie, als ob sie soeben die Weihnachtsferien um eine Woche vorverlegt hätte.

Die vorfestliche Stimmung stürzte jäh ab. "OOOCH ...", maulten die meisten. Hinter mir schlug Andis Kopf hohl auf die Holzbank.

"Ist nur eine kleine Übung", beschwichtigte Frau Juleleit. "Eine kleine Weihnachtsgeschichte - das ist auch das Thema."

Das Wörtchen "klein" tauchte bei ihr in fast jedem Satz auf. Andi meinte, sie wolle sich kleinreden, weil sie so riesig war.

"Warum sollte sie?", fragte ich.

"Damit sie einen Kerl abkriegt", behauptete Andi. "Wer will schon mit dem Eiffelturm was anfangen?"

Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Für mich war sie einfach eine stattliche Frau. Und was ist gegen viel Frau zu sagen? Besonders, wenn sie hübsch ist?

Frau Juleleit reichte mir das Din-A4-Doppel-Blatt, und ich bildete mir ein, dass sie bei mir etwas länger verweilte. Das glaubte ich übrigens immer. Ich war ein bisschen in Frau Juleleit verschossen.

... eine kleine Weihnachtsgeschichte? Du lieber Himmel, was schrieb man denn da? Ich kaute auf meinem Kuli herum und starrte nach vorne, wo sich unsere Klassenlehrerin am Pult niedergelassen hatte. Na ja, niedergelassen war relativ. Im Schein der Adventskranzkerzen und vor der schwarzen Tafel sitzend kam sie mir wie der Türsteher zu einem verruchten Paradies vor.

Sie las im Klassenbuch, während Andi hinter mir leise fluchte und der Rest der Klasse mit der Stoffsammlung beschäftigt war. Ich mochte es lieber, wenn sie stand, weil ich sie gern in ihrer vollen Größe bewunderte. Deshalb hatte ich mich zwei Bänke weiter nach hinten gesetzt. In der ersten Reihe bekam man leicht Genickstarre wie im Kino. Aber nun machte sie etwas, das ihr kaum bewusst war, bei mir jedoch alles Mögliche auslöste: Sie schlug die endlos langen Beine übereinander und ließ den lebkuchenroten Pump über ihre rechte Ferse rutschen. Der Schuh baumelte an den Zehen und entblößte dieses großartige, in Nylon verpackte Frauenfußwunder mit Fersenverstärkung und vorweihnachtlichen Glitzersternchen ... Puh! Wie sollte man da eine Weihnachtsgeschichte schreiben? Mit Hitzewallungen! Ohne die Klimaerwärmung wäre ich übrigens auch konzentrierter gewesen, weil sie dann eine Hose und Stiefel getragen hätte. So aber ließ sie den Schuh verführerisch baumeln, und ich hatte das Gefühl, am Galgen zu hängen.

... heiliger Strohsack, mir fiel nichts ein. Die anderen schrieben sich die Finger wund, selbst Analphabet Andi. Doch auf meinem Papier stand nichts, kein einziges Wort. Wie denn auch, wenn mein Blick im Takt des wippenden Schuhs Jojo spielte? Wie hätte ich die Zeile treffen sollen? Eine Viertelstunde war vergangen. Normalerweise wäre ich jetzt zur Hälfte fertig gewesen. Ich war der Aufsatzschreiber in unserer Klasse und gab immer als Erster ab. Und jetzt? Ich konnte den Löffel abgeben, das ja, aber keinerlei Text. Ich war blockiert. Nichts ging, nur mein Blick rauf und runter.

Panik kam auf.

Was, wenn Frau Juleleit doppeltleere Blätter von mir bekam? Zum ersten Mal! Wäre sie nicht furchtbar enttäuscht? Bei diesem Gedanken wurde mir regelrecht schlecht. Mein Herz raste, und zwischen meinen Beinen brannte das Feuer der ewigen Verdammnis. Ich sah mich schon als Schulversager. Bald würde ich neben dem Stadtstreicher sitzen, mich mit Wein betäuben und komische Sprüche absondern. Komische Sprüche? Moment mal, was hatte der Alte behauptet? Es ist nicht so wichtig, was man sagt, Hauptsache Ansprache! Galt das auch für Deutsch-Aufsätze? Keine Ahnung, aber es war, als ob mir der Himmel einen Ausweg wies. Ich begann zu schreiben. Von Tante Trulla, nein Ulla, die bei einem Preisausschreiben eine Reise ins weihnachtliche Paris gewonnen hatte. In der Stadt der Liebe hoffte sie einen Kerl, nein einen Partner kennenzulernen. Sie war eine graue Maus, ging nie aus dem Haus. In Paris jedoch fühlte sie sich zwischen all den hektischen Menschen noch grauer und kleiner. Und als sie am vorletzten Tag vor dem Eiffelturm stand, saß dort ein Clochard, der sie so seltsam ansprach. Zuerst dachte sie, es läge an ihrem Schulfranzösisch. Doch dann entpuppte sich der Stadtstreicher als der bekannte Performance-Künstler Andre Pampelmus, der sich unter dem weltberühmten Wahrzeichen als lebendes Kunstwerk selber ausstellte. Er machte meiner Tante klar, dass sie ein einziges Mal in ihrem kleinen grauen Leben etwas Verrücktes anstellen musste. Und so kam es, dass sich Tante Ulla an Heiligabend von der untersten Plattform des festlich glitzernden Eiffelturms stürzte. Als sie kopfüber in die Tiefe sprang, rief sie: "Frohe Weihnacht - Weiber an die Macht!" Am Bungee-Seil baumelnd verkündete sie dem staunenden Publikum weitere Parolen. Seitdem fährt sie jedes Jahr nach Paris und verbringt dort feierliche Performance-Tage mit Andre Pampelmus. Dass sie ihren rechten lebkuchenroten Schuh beim Sprung verloren hatte, war ein kleiner Wermutstropfen in ihrem Glück, doch ist sie ein völlig neuer Mensch geworden.

Ich gab meine Arbeit als Erster ab. Frau Juleleit strahlte. In der großen Pause half ich ihr, den Papierstapel ins Lehrerzimmer tragen. Dort zog sie sich Stiefel an und stellte die Pumps in ihren Lehrer-Spind.

Sie müsse zum Arzt, erklärte sie.

Die Woche danach verbrachte ich im Bett - mit einer Erkältung. Als ich am Tag vor Heiligabend wieder in die Schule kam, erhielten wir die Aufsätze zurück. Frau Juleleit glühte, als sie mir mein Doppelblatt reichte, und schaute mich wehmütig lächelnd an. In roter Kulitinte stand da die Note 1,5. Und folgende Bemerkung:

Deine kreativste und schönste Arbeit bisher! Würde mir nicht der lebkuchenrote rechte Schuh fehlen, wäre es eine glatte Eins geworden.

Ich war 15 Jahre alt. Weihnachten stand vor der Tür. Keine Ahnung, wovon sie sprach.

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