EIGENARTEN: "DRAUSSEN NUR KÄNNCHEN"

Wie die Deutschen ticken

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian-A. Thiel

Jedes Volk hat so seine Eigenschaften. Wenn wir unsere Nachbarn beobachten oder mal in den Spiegel schauen, fällt uns spontan eine Menge dazu ein. Vom ADAC bis zum Toast Hawaii - es gibt Peinlichkeiten und sonderbares Gebaren, für das wir weltweit berüchtigt sind.

Unverkrampft, tolerant, lebenslustig und damit liebenswert - so waren wir Deutschen in jenem Party-Sommer vor einem Jahr. Als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft schienen wir über Nacht alles Miefige und Spießige über Bord geworfen zu haben. Willkommen im Klub der weltoffenen Nationen!

Doch was ist davon geblieben? Wir Deutsche gelten bei unseren Nachbarn wieder als zuverlässige und gesellige Organisationsgenies, uns selbst fallen bei Umfragen zu unserer Typologie die drei volksnahen Begriffe Bier, Wurst und Fußball ein. Kleinster gemeinsamer Nenner ist der Gartenzwerg.

Typisch deutsch - das ist für manche der Duden. Für andere die "Sportschau". Dann wieder die Autobahn (auch ohne Eva Herman). Die Eiche. Der Schäferhund. Derrick. Peter Hahne. Gotthilf Fischer. Die Kleingarten-Parzelle. Kulturbeutel. Fischer-Dübel. Ficus im Büro. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt.

Man kann sich den deutschen Eigenschaften pfiffig nähern wie einst Kurt Tucholsky: "Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer schadensersatzpflichtig ist." Man kann aber auch durchs Land gehen und beobachten.

Der Autor Martin Hecht konnte in einem Italien-Urlaub Studien treiben. Da ging es nicht nur um die deutsche Trilogie aus kurzen Hosen, weißen Socken und Sandalen. Eine deutsche Familie besetzte den besten, weil schattigen Platz unter einem Olivenbaum und verkündete allen Nachbarn: "Der gehört ab jetzt uns!" Das musste aufgeschrieben werden. In seinem Buch "Deutsche Unsitten" spießt Martin Hecht jene Eigenschaften auf, über die auch viele Landsleute die Nase rümpfen. Wer war nicht schon in ähnlichen Situationen peinlich berührt und hat sich fremdgeschämt?

Da sind zum Beispiel die deutschen Befindlichkeiten. Der Deutsche fühlt sich rund um die Uhr von bösartigen Geschäftemachern bedroht und "abgezockt". Wer mit 80 durch die Wohnzone brettert und von der Polizei erwischt wird: Abzocke! Wer seine Fernsehgebühren nachzahlen muss: Abzocke! Und natürlich bei jedem Steuerbescheid: Abzocke! Die Brieftasche ist heilig und schutzbedürftig. In dieses Schema passt die Schnäppchenjagd, die in grauer Vorzeit mit den Rabattmarken begann und heute mit Kundenkarten perfektioniert wurde. "Geiz ist geil" appelliert an den Intellekt des schlauen Käufers: "Ich bin doch nicht blöd!" Nur so war es möglich, dass Ferienflüge heute billiger sind als Rinderbraten.

Womit wir in der Küche wären. Der Deutsche, nicht gerade als Gourmet gerühmt, will zwei Nationalgerichte aus den Küchen der weiten Welt mitgebracht haben. Doch den "Toast Hawaii" mit Ananasringen aus der Dose und Gummikäse gibt es nur hierzulande, nicht etwa auf den Pazifikinseln. Und die berüchtigten "Spaghetti bolognese", deren Fleischsoße fließend in "Chili con Carne" übergeht, kennt der Italiener in dieser Form ebenfalls nicht. Kein Wunder, dass es hier statt "Guten Appetit" nur "Mahlzeit" heißt. Wer im Gartencafe Kaffee und Kuchen bestellt, kennt das Gebot: "Draußen nur Kännchen!" Wenn's dann um die Rechnung geht, muss der Kellner bis ins Detail die Beträge seinen Gästen zuordnen: Zusammen essen, getrennt zahlen.

Ein Lieblingsfeld, das Deutschland schon wegen der "freien Fahrt für freie Bürger" exklusiv hat, ist der Straßenverkehr. Der Deutsche putzt sein Auto nicht nur, wenn er es verkaufen will, sondern regelmäßig, weil es ja einen Status repräsentiert. Am Rückspiegel hängt ein duftender Wunderbaum, das Heck ziert der passende Aufkleber. "Sylt" für den, der zeigen will, dass er es sich leisten kann, der Fisch für den bibelfesten Christen, das "Playboy"-Häschen für den Spätpubertierenden, dazu je nach Weltanschauung "Ich bremse auch für Tiere" oder "Atomkraft nein danke". Klar, dass der ADAC der beliebteste Verein ist. Martin Hecht hält den Automobilclub für eine Sekte, die anders als Scientology "deutsches Denken bereits gleichgeschaltet" habe.

Wie die Deutschen ticken, hat Angela Troni in ihrer skurrilen Faktensammlung "Spaß beiseite" aufgelistet. Zum Beispiel, dass drei Prozent der Deutschen mit dem Sex bis zur Hochzeit warten, 99 Prozent wissen, wer Thomas Gottschalk ist. Oder große Deutsche, die zu Unrecht niemand kennt - wie Ralf Laue, der in 29 Minuten 1000 Briefe öffnen kann; Felix Rotter, der 10600 Teebeutelanhänger besitzt oder Dieter Wesch, der in seinem Auto schon mehr als 9500 Anhalter mitnahm.

Natürlich fühlt sich der eine oder andere durch diesen Blick in den Spiegel verunglimpft. Dabei sei ja alles nicht so schlimm, meint Martin Hecht. Viele dieser "deutschen" Eigenheiten könnte man, so der Autor, als "ästhetische Schrulligkeiten" abtun. Der Deutsche sei keinen Deut schlechter als Briten, Italiener oder Franzosen.

Selbstbewusst genug sind wir ja wieder. Spätestens seit der nationalen Selbstbesoffenheit zur WM 2006 tragen wir den Nationalstolz offen vor uns her. Spiegel-Mann Matthias Matussek gab seinem Deutsch-Buch den Untertitel "Warum die anderen uns gern haben können".

Zum Weiterlesen:

Martin Hecht: Deutsche Unsitten, Eichborn, 304 Seiten, 12,95 Euro.

Angela Troni: Spaß beiseite! Heyne, 272 Seiten, 7,95 Euro.

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