Familienunternehmen

Porträt: Wertarbeit ist krisenfrei

Sie pflegt die guten Traditionen, setzt auf Qualität beim Material, die Treue der Mitarbeiter. Purismus und Eleganz bestimmen ihr Design. Von Trendgehetze hält sie wenig: Gabriele Strehle, Gesicht und Herz der Modemarke Strenesse - einem der letzten unabhängigen deutschen Luxus-Unternehmen.

In Zeiten wie diesen, in denen Milliardenbeträge bei Konzernkrisen verdampfen oder sich bei Bankenpleiten zu riesigen Schuldengebirgen aufhäufen, mag es komisch erscheinen, wenn sich jemand stundenlang den Kopf darüber zerbrechen kann, wo ein Knopfloch hingehört, damit es millimetergenau richtig sitzt und nicht nur so in etwa.

In Zeiten wie diesen, in denen Kundendienst eher Ausnahme statt Regel ist, dürfte es mehr als selten sein, dass eine international bekannte Modeschöpferin in ihren Hamburger Laden kommt, bloß weil dort ein Fahrstuhl eingebaut wurde, und dann beim Abend-Empfang vor den Augen einer verzückten Ehefrau höchstpersönlich den neuen Anzug für den Gatten absteckt.

Für Gabriele Strehle, Gesicht und Herz und Handschrift-Garantin der Modemarke Strenesse, ist diese sehr deutsch, sehr traditionell und sehr unspektakulär wirkende Arbeitsweise die einzig denkbare. Man kann, gerade in Zeiten wie diesen, viel davon über den Wert der kleinen Dinge lernen. Über die Familien-Firma mit Ehemann Gerd, der das Finanzielle im Blick hat und Stieftochter Viktoria, die das jünger gehaltene Nebenlabel Strenesse Blue betreut. Über eine Firma, die weltweit tätig ist und familiär geblieben ist, mit einem Stich ins liebenswürdig Provinzielle und klugem Abstand zum Trendgehetze der Mode-Branche.

Strenesse ist ein Unternehmen, das einen geplanten Börsengang wieder abgeblasen hat, weil man die Lektion über den Größenwahn und das Eiltempo gerade noch rechtzeitig begriffen und ordentlich Lehrgeld gezahlt hatte. Man kann von einer bodenständigen Frau lernen, die über ihr Unternehmen sagte: "Am besten sind wir, wenn wir langsam sind."

Mittlerweile sind alle wichtigen Designer-Firmen von Konzernen geschluckt worden. Strenesse gilt in der Mode-Branche als das letzte unabhängige deutsche Luxus-Unternehmen. Mit Absicht, und mittlerweile wohl auch mit Genugtuung, wenn man den Familienmenschen Gabriele Strehle davon schwärmen hört: "Für mich ist das Größte, dass wir als Familienunternehmen unseren Platz gefunden haben. Das ist eine Riesenchance, es gibt keine Egoisten. Es ziehen alle am gleichen Strang, gerade jetzt ist das ein Riesenvorteil. In managementgetriebenen Unternehmen wäre das ganz anders - da jubelt man das Unternehmen kurzfristig hoch, und in zwei Jahren läuft der Vertrag schon wieder aus. Bei uns kämpft jeder für die Sache."

Mit der Faustregel, dass die Wirtschaftslage an Rocklängen abzulesen sei, kann Strehle allerdings ebenso wenig anfangen wie mit der Vorstellung, sich in ihrer Arbeit von Dax-Bewegungen oder Krisenstimmung beeinflussen zu lassen. "Meine Marke darf ich nach so etwas nicht ausrichten, wir dürfen ihre Philosophie nicht verlassen. Die Glaubwürdigkeit habe ich langsam gewonnen, nicht mit lautem Getöne."

Da ist sie wieder, ihre diskrete Einstellung, der Purismus, die Verweigerung des Lauten. Das ist ihr Prinzip, an das sie sich im Geschäftlichen ebenso konsequent hält wie bei ihren Entwürfen.

Anziehen kann man ja vieles, tragen sollte man aber längst nicht alles. Die Farbe Gelb zum Beispiel würde die auf Schwarz und flache Schuhe abonnierte Strehle selbst nie an sich dulden, beim Thema Goldknöpfe, ohne die manche Hamburger sich ja bekanntlich nicht auf die Elbchaussee trauen, ließ sie in ihrer Anfangszeit bei Strehle überhaupt nicht mit sich reden. Die kamen ihr nicht an den Mann. Überhaupt, trotz der modefernen Bekleidungskombinationen, die man täglich in Fußgängerzonen und an Vorgesetzten mit ansehen muss, ist Strehle beim Thema modische Verwahrlosung erstaunlich tolerant: "Wenn die Person damit glücklich ist, habe ich nicht das Recht, sie zu kritisieren."

Gabriele Strehles Markenzeichen ist die Kunst des effektvollen Weglassens, sie nennt es "Reduktion auf Qualität und Körpergefühl". Klare Ansagen, handverlesene Stoffe und ausdrucksstarke Farben. Strehles subtiler Stil wurde auch schon mit dem schönen Wortspiel "Deutsche Kleidkultur" beschrieben. Ein Kompliment, das sie so aber nicht stehen lassen will: "Ich bin stolz, dass ich Deutsche bin, ich bin stolz, dass meine Mode so betitelt wird - trotzdem ist es eine internationale Marke, denn diesen Frauentyp gibt es überall." Weltweit prägende Minimalisten wie die Hamburgerin Jil Sander, der Österreicher Helmut Lang oder eben Strehle hatten und haben eine Einstellung zur Mode, die über den Saisonartikel hinaus denkt. Zurückhaltung ist Absicht, Dezenz ist hier die Stärke. Kein Wunder, dass sie gut mit dem Hamburger Designer Peter Schmidt befreundet ist, der ähnlich konzentriert denkt und arbeitet. Design als aufregend neue, beständige Wertarbeit, das ist ihr Ding. Wertarbeit ist krisenfrei.

Mode ist für Strehle eine "zweite Haut", die muss passen, ohne dick aufzutragen. "Ich darf in meinem Beruf an den Menschen ran. Also muss ich ihm Wohlgefühl geben. Sicherheit, Geborgenheit. Mir ist wichtig: Ich will mich an das Gesicht eines Menschen erinnern. Nicht an die Klamotte. Bekleidung ist ein Ausdruck für Nebensächliches." Mode als Lebensphilosophie und Charakterverstärker. Klingt dennoch auch nach einer Rechtfertigung für hedonistische, eitle Luxus-Sehnsucht, aber das bügelt Strehle kategorisch ab. "Unsere Produkte haben einen ehrlichen Preis.

So ehrlich, wie sie entstehen, so ehrlich ist der Preis." Dafür bekommt man dann nicht nur schnöde Bekleidung oder auffällige Verpackung, sondern Wesentliches. "Ich versuche, den Menschen Lebensqualität zu geben. Jedes einzelne Kleidungsstück ist für mich etwas Wertvolles. Ich will nicht mogeln. Das bin ich nicht." Nicht mal beim günstigen Socken-Dreierpack von H&M, dem Klassiker unter den Impuls-Einkäufen, wird sie schwach? "Nein. Ich kann's nicht. Das ist bei mir in Fleisch und Blut. Mit allem, was ich tue, gehe ich in die Tiefe. Das gemogelte Äußere, das bin ich nicht. Und das kann ich auch jemand anderem nicht zumuten, der dafür Geld ausgibt." Deswegen unterscheidet Strehle auch zwischen modisch und modern. Modisch, das ist das Irgendwie-Knopfloch. Modern ist die Punktlandung. Eine Frage des Handwerks. Eine Hamburger Kundin hätte ihr neulich, beim Fahrstuhl-Termin, gesagt, sie habe 25 Jahre alte Stücke im Schrank, die könne sie einfach nicht wegwerfen. Strehle selbst ist da ganz ähnlich gestrickt: "Ich hab' Lieblingsteile, einen großen Kleiderschrank brauche ich nicht, privat habe ich relativ wenig. Für mich ist die größte Herausforderung, wenn ich zwei Tage unterwegs bin und nur mit Handgepäck fahren kann. Mit meinen Kaschmirpullovern komme ich weit."

Strehle macht Mode, der man ansieht, dass sie ihr Geld wert sein soll. Modemacherin, das klingt natürlich erst mal toll. Nach Catwalk, makellosen Besitzerinnen endloser Model-Beine, nach weiter Welt. Das klingt nach einer Welt ohne Sorgen, die nur aus schönen Oberflächen besteht. Es klingt jedenfalls garantiert nicht nach dem schwäbischen Nördlingen und der Tochter eines Molkereibesitzers aus Hawangen im Allgäu, der für seine Butter berühmt war. Damals schon hat Gabriele Strehle gelernt, wie wichtig Qualität ist und dass die Zutaten das A und O eines Erfolgsrezepts sind. Egal, ob es sich um ihr kulinarisches Spezialgebiet Suppen handelt oder um Mode. Auch hier ist die Biografie prägend gewesen: "Wir haben alle nicht viel im Schrank gehabt. Aber es musste immer die beste Qualität sein." Die Mutter nähte damals die Kleider. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie es beim Entwerfen der Kollektionen zugeht, wenn sich die perfektionistische Chefin selbst um die Details kümmert, bis alles so passt, wie sie es will. Zu Beginn ihrer Karriere hatte sie zehn Jahre lang auf eine alte Rolex gespart, bis sie sich endlich das erste gute Stück ihrer späteren Sammlung leisten konnte. Weniger bringt ihr mehr, das war schon immer so, das geht nicht mehr aus ihr raus.

Das Etikett "Star-Designerin" klingt auch nicht nach einer Frau, die so sehr an einem todkranken Baum in ihrem Garten hing, dass sie als Andenken an ihn Schalen für ihre Küche und Hocker aus dem Holz machen ließ, als er nicht mehr zu retten war. "Mein Mann hätte den Baum verheizt", regt sie sich jetzt noch auf, "aber der hat eine Geschichte gehabt!" Ihre Küche ließ sie sich von einem Architekten maßschneidern; auch da ging die Detailbesessenheit so weit, dass sie bis in die Beschaffenheit der Herdplatten hineinredete. Neulich, bei einem Kochkurs im Münchner Nobel-Restaurant Tantris, begeisterte sie der Koch Hans Haas, weil der selbst aus Artischockenresten, die andere wegwerfen würden, noch etwas zauberte. Bloß nichts umkommen lassen, die Rosinen rauspicken ist keine Kunst.

Als die Absolventin der Münchner Modeschule von Gerd Strehle eingestellt wurde, produzierte dessen Familienunternehmen noch spießige Bekleidung bis Größe 56. Lang ist's her. Als Alexandra Maria Lara in Los Angeles 2005 zur Oscar-Verleihung ging, trug sie ein Kleid, das in Nördlingen entworfen wurde. Ein weiterer Coup hatte mit Fußball zu tun. Das Jogi-Hemd. Der Löw-Bonus. Wer weiß, ob so viele Frauen bei der letzten WM zu Fans geworden wären, wenn irgendein Wald-und-Wiesen-Herrenausstatter die Klinsi-Kicker in x-beliebige Kombinationen gepackt hätte. Bryan Adams fotografierte damals Poldi, Schweini und Co in den scharf geschnittenen Outfits, der Rest des Sommermärchens ist bekannt. Doch nicht nur der deutsche Fußball, auch die Bundespolitik hielte (prominentestes Beispiel: der Hang der Kanzlerin zu gut sichtbaren Knöpfen in Kontrastfarben) durchaus noch Herausforderungen bereit. Ja, sie sei auch schon mal angerufen worden, erzählt Strehle, das sei eine absolute Ehre und eine Herausforderung. "Aber um das gut zu machen, muss man auch die nötige Zeit haben." Hetzen lassen ist bei ihr nicht drin. Wenn Tempo, dann nur das eigene. Und bei der Robert-Lemke-Frage, was sie denn eigentlich sei, Künstlerin, Handwerkerin, Dienstleisterin oder Lebenshelferin, antwortet Strehle leise, leicht schwäbelnd und mit strahlenden Augen: "Handwerkerin. Das ist doch was Tolles."