Afghanistans Frauen müssen zäh sein

Fünf Jahre nach den Taliban: Die Sittenwächter dürfen Frauen nicht mehr öffentlich prügeln, in Kabul gehen die meisten Mädchen jetzt zur Schule. Aber viele neue Freiheiten der Frauen scheitern, weil sich die Männer an Ehrbegriffen, Vorrechten und Traditionen festkrallen.

November 2001, in einem Wohnhaus am Stadtrand von Kabul: Eine Gruppe von jungen Mädchen trifft sich zur Teestunde. Alle sind aufgeregt, geradezu euphorisch. Denn es ist ihr erstes Treffen nach dem Abzug der Taliban und dem Einzug der Amerikaner in die afghanische Hauptstadt. Die jungen Frauen zwischen 16 und 20 Jahren haben hochtrabende Pläne: "Ich fliege nach Paris", "Ich werde Journalistin", "Ich heirate einen reichen Mann", "Ich möchte Taxifahrerin werden", reden sie durcheinander.

Eine tut sich besonders hervor, sie ist gerade 16 Jahre alt und heißt Freshta. "Alles wird anders, wenn jetzt die Amerikaner kommen", freut sie sich. "Wir werden leben wie die Leute in Europa."

Oktober 2006. Freshta Dunja, jetzt 21 Jahre alt, ist inzwischen bei den Vereinten Nationen in Kabul zur Fotografin ausgebildet worden. Sind ihre Träume wahr geworden? "Die Ausbildung war schwer", erzählt sie. "Wir haben zunächst an einer alten russischen Kamera geübt. Dann an einem alten afghanischen Modell. Jetzt borge ich mir jeden Tag eine digitale Kamera von der Uno aus."

Sie fotografiert überwiegend in den Slums am Stadtrand von Kabul und macht Aufnahmen von Frauen und Kindern. Es ist nicht leicht für sie, weil die Männer noch längst nicht einsehen wollen, dass es jetzt offiziell die Gleichberechtigung gibt. "Die Männer beschimpfen mich als Hure und bewerfen mich mit Steinen, weil ich keine Burka trage. Einmal wurde ich sogar geschlagen", erzählt Freshta.

Doch es gibt auch Erlebnisse, die ihr Mut machen. "Meine erste Foto-Ausstellung war ein großer Erfolg. Ich habe viele Bilder verkauft und der Uno für einen guten Zweck gespendet", sagt sie.

Die junge Frau ist ein Beispiel für die heranwachsende Generation in Afghanistan. Sie surfen im Internet wie junge Leute in Deutschland auch (nur gibt es in Kabul nicht überall Strom, nur sechs Prozent der Bevölkerung hat Elektrizität). Aber gleichzeitig müssen die jungen Afghaninnen sich mit einer älteren Generation auseinandersetzen, die sich an Traditionen klammert, weil sie die Vorherrschaft der Männer schwinden sieht. "Jetzt haben sie sogar wieder Sittenwächter eingeführt", empört sich Freshta. "Man versucht uns damit zu trösten, dass die uns nicht öffentlich prügeln dürfen wie zu der Taliban-Zeit. Aber vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es wieder soweit kommen könnte."

Viele Frauen tragen jetzt auch in Kabul wieder die Burka - aus Angst vor den Sittenwächtern. Die Stimmung unter der Frauen ist seit einem Jahr von Unsicherheit geprägt, die anfängliche Euphorie, dass alles besser wird, ist verflogen.

Vor fünf Jahren war auch die Hobbyköchin Miriam, jetzt 33 Jahre alt, noch optimistisch. Die Familie war Anfang der 90er-Jahre nach Kalifornien geflüchtet. Voller Hoffnung kam 2002 Miriam mit ihrem Vater aus den USA zurück nach Kabul. "Ich hatte davon geträumt, dass wir in unserer Heimatstadt bleiben könnten", erzählt sie weinend in ihrem Restaurant "La Fontaine", das sie in Kabul mit ihrem Vater eröffnet hat. Sie hat sogar eine Lizenz für Alkoholausschank an Ausländer, für die sie umgerechnet 1200 Euro zahlte.

Bis dann eines Nachts uniformierte Polizisten in das Lokal eindrangen. "Sie beschlagnahmten Spirituosen und behaupteten, ich hätte an einheimische Moslems Alkohol verkauft. Außerdem nahmen sie zwei Mobiltelefone mit und das Bargeld, das sie fanden."

Miriam ist wütend über die Situation in ihrem Heimatland. "Die Polizisten verdienen zwischen 30 und 80 Euro im Monat. Sie werden selbst zu Räubern, um ihre Familien zu ernähren. Es gibt keine Sicherheit in Kabul und schon gar nicht im Land." Sie glaubt, dass sich erst wirklich etwas in der Mentalität der Männer verändern wird, "wenn die alte Generation stirbt".

Dennoch will Miriam die Hoffnung auf positive Veränderungen nicht aufgeben. "Hilfsorganisationen aus 26 Nationen wollen Afghanistan helfen, das ist einfach toll", sagt sie. "Und vier Millionen Kinder können wieder in die Schule gehen."

In Kabul besuchen nun fast alle Mädchen die öffentlichen Schulen. Auf dem Land sieht die Situation allerdings etwas anders aus. Frauen und Mädchen dürfen dort zwar offiziell öffentliche Schulen besuchen oder zumindest in die von Hilfsorganisationen eingerichteten Schulen in Privathäusern gehen. Und der Organisation World Vision ist es zum Beispiel in der Provinz Herat gelungen, seit 2002 über Privatschulen 40 Prozent mehr Frauen eine Schulbildung zu ermöglichen als in den Jahren zuvor.

Doch inoffiziell läuft der Schulbesuch der Frauen nicht immer so reibungslos ab. Denn die Dorfältesten müssen die Schulen in Privathäusern erlauben, und zum Schulbesuch brauchen Frauen und Mädchen die Genehmigung ihrer Ehemänner oder des Familienoberhaupts. Um einem Verbot vorzubeugen, erzählen die meisten zu Hause nichts von der Schule im Wohnzimmer ihrer Freundin oder Nachbarin. Es gibt immer noch viele, die zum Analphabetismus verdammt bleiben.

Die zierliche Bibi Hoor ist eine Schülerin in einem Privathaus in Bala Morghab im Nordosten Afghanistans an der Grenze zu Tadschikistan. Bibi ist jetzt 25 Jahre alt und bereits Mutter von sieben Kindern, mit zwölf Jahren wurde sie verheiratet. Die meiste Zeit des Tages sitzt sie im Garten und klopft mit Hammer und Stein die Nüsse aus winzigen Pistazien heraus. "Wenn alle in unserer Familie mithelfen, verdienen wir fünf Euro am Tag", sagt sie.

Da Bibi jetzt lesen kann, weiß sie, dass Frauen in Afghanistan heute Rechte haben wie die Männer auch - eigentlich. "Mir ist aber trotzdem nicht klar, wie ich verhindern kann, dass mein Mann jetzt eine zweite Frau heiraten wird", sagt sie. Es wird wohl noch lange dauern, bis es vor allem in den afghanischen Provinzen Zivilgerichte gibt, in denen Frauen ihre Rechte tatsächlich einklagen können.

Seit dem Ende der Taliban hat Bibi aber nicht nur durch die Privatschule gemerkt, dass sich etwas in ihrem persönlichen Leben verändert hat. "Dank der Hilfe aus dem Ausland gibt es jetzt bei uns in der Nähe Krankenhäuser, in denen Frauen und Mädchen behandelt werden", berichtet sie glücklich. "Früher musste man tagelang auf dem Esel reiten, um hinzukommen."

Es ist überraschend, dass Afghanen ausschließlich die Internationalen Hilfsorganisationen und die ausländische Hilfe für die positiven Veränderungen verantwortlich machen. Dagegen beklagen viele, dass von ihrer eigenen Regierung in Kabul nichts zu erwarten sei. Die Politiker seien korrupt und würden nur in die eigene Tasche wirtschaften.

Dieser Ansicht ist auch Freshta, die junge Fotografin aus Kabul, obwohl sie derzeit mit ganz anderen Problemen kämpfen muss. "Mein Leben könnte so schön sein", sagt sie. "Ich möchte nichts anderes tun, als mit der Kamera das Elend von Frauen und Kindern einzufangen. Doch meine Familie setzt mich unter Druck." Sie soll aufhören mit der Arbeit, die ihr schon so viele Anfeindungen eingetragen hat, und nicht mehr alleine auf die Straße gehen. Es sei zu gefährlich. "Mein Onkel soll mich wie vor fünf Jahren überall hin begleiten. Aber das will ich nicht", sagt Freshta traurig.

Das ist nicht alles. Freshta ist 21, und nun verlangt die Familie von ihr, dass sie den Nachbarssohn heiratet, dem sie mit 14 Jahren versprochen worden war. "Die Nachbarn sind noch immer Taliban", meint Freshta. "Alle Frauen dieser Familie gehen nur mit der Burka auf die Straße und verlassen das Haus nur mit männlicher Begleitung. Sie dürfen nicht arbeiten." Der künftige Schwiegervater hat Freshta verprügelt, als sie sich weigerte, mit ihm über einen Hochzeitstermin für seinen Sohn zu sprechen. Ihre Mutter und ihre Schwestern sahen zu und versuchten nicht, ihr zu helfen.

"Alle wollen die Hochzeit, weil es Tradition ist, dass man nicht selbst einen Ehemann wählt und weil ein gegebenes Hochzeitsversprechen unbedingt eingehalten werden muss", klagt Freshta. "Aber wenn ich ihn heirate, falle ich zurück in die Steinzeit."

Der Schwiegervater hat ihr gedroht, sie umzubringen, falls sie seinen Sohn nicht heiratet. Auch fünf Jahre nach den Taliban hat sich in seinem Denken über Ehre und Tradition nichts verändert.

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