Auf der Suche nach Harburgs neuer Mitte

Das Harburger Schloß ist längst verschwunden, nur die Schloßinsel gibt es noch. Stadtplaner wollen sie zu einem attraktiven Quartier umgestalten und einen Bogen zur HafenCity schlagen - "Sprung über die Elbe".

Es war unglaublich groß und sehr schlicht", schwärmt Christian Kottmeier. "Friedlich und ruhig war es da, oft konnten wir die Hamburger Kirchenglocken hören." Kottmeier gehörte zu den letzten Mietern, die im Ostflügel des Harburger Schlosses auf der sogenannten Schloßinsel im Harburger Binnenhafen wohnten. 1972 fiel der Ostflügel der Abrißbirne zum Opfer.

Kottmeiers Eltern und weitere Mitstreiter hatten sich gegen den Abriß gewehrt: Der Bau, urkundlich zum ersten Mal 1133 erwähnt, war über Jahrhunderte Sitz und Festung zuerst der Harburger und später der Celler und Hannoveraner Herzöge und bis 1866, zu Beginn der preußischen Zeit, das städtebauliche Zentrum von Harburg. Doch auf Beschluß des Bezirksamtes Harburg trug das Räumkommando das Gebäude bis auf die Grundmauern ab.

Heute ist auf der Schloßinsel nur noch wenig von der einstigen herzöglichen Residenz zu sehen. Nur der Westflügel, um 1900 zu einer Mietskaserne umgebaut, steht noch. Das Revier ist zur Gewerbe- und Industriebrache geworden; ein Gemenge aus Werften, kleinen Betrieben, Lagerschuppen, Häusern, verwaisten Kränen und Bauplätzen. Darüber Hochspannungsleitungen. Der Platz hat seine beste Zeit längst hinter sich.

Dabei ist das Areal geografisch und von seiner Historie her städtebaulich weiterhin von Bedeutung. Ohne Schloß gäbe es nämlich auch kein Harburg. Diese Erkenntnis ist sogar ins Hamburger Rathaus auf der anderen Elbseite vorgedrungen. Bürgermeister und Senat wollen die Schloßinsel und den Binnenhafen aus dem Schattendasein herausholen. "Die Entlassung aus dem Hafengebiet solle noch vor der Sommerpause von der Hamburger Bürgerschaft beschlossen werden", sagt Christiane Kuhrt, Pressesprecherin der Port Authority.

Damit wird das 33 Hektar große Gelände unmittelbar an der Süderelbe nicht mehr dem Hafenentwicklungsgesetz unterliegen: Es soll in Zukunft als Baustein für den von der Politik erwünschten "Sprung über die Elbe" dienen. "Sprung über die Elbe" heißt konkret, eine städtebauliche Achse zu entwickeln - von der HafenCity über die Norderelbe nach Veddel und Wilhelmsburg und über die Süderelbe bis zur alten Harburger Mitte, der Schloßinsel.

Der Ansatz ist gut - aber was soll man mit der Schloßinsel in Zukunft machen? Das Schloß wieder aufbauen, einen Elbpark zum Flanieren gestalten, wieder alte Schleusen öffnen, Industrie verbannen und die Flächen für Wohnhäuser öffnen, um die Elbe wieder näher an Harburg zu bringen? Soll man auch die komplexe Formation der früheren Wehranlagen freilegen?

Um die Debatte um die Schloßinsel neu zu beleben, wurde 2005 von der Behörde ein Architektur-Ideenwettbewerb ausgelobt. Zur Jury gehörten neben dem Stuttgarter Stadtplaner Prof. Dr. Franz Pesch auch Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter, Architekten und Landschaftsplaner, Vertreter der Hamburg Port Authority, verschiedene Behörden, Bezirkspolitiker und "lokale Experten". Als Sieger kürten sie die Vorschläge der Frankfurter Architektin Sonja Moers und des Kölner Landschaftsplaners Frank Flor.

"Wir haben die Zitadelle, die Bastion als Grundthema mit in unsere Planungen übernommen", erklärt Sonja Moers ihre Arbeit. "Wir wollten aber nicht rekonstruieren, sondern die besondere Form des Grundstücks in einen neuen Bezug stellen." Der einstige Bastions-Charakter soll "umgekehrt" und statt dessen die Anlage städtebaulich geöffnet werden. Die "solitäre Lage des einstigen Schlosses" soll wieder herausgearbeitet werden, deshalb habe man zu der ehemaligen Schloßfläche "bewußt Abstand genommen".

Das Konzept von Moers und Flor gliedert sich in zwei Stufen bis zur Realisierung: die erste geht vom Bestand der vorhandenen Betriebe im Binnenhafen aus, wobei auf den heutigen Bauflächen Neubauten und Grünflächen entstehen. In der zweiten Stufe wird dann das gesamte Areal neu gestaltet. Die erste Stufe soll die Grundlage für einen späteren Bebauungsplan sein, der, so die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, bereits 2008 vorliegen soll.

Die Vorschläge kommen den Vorstellungen des Vereins Channel Hamburg sehr entgegen. Channel ist ein Zusammenschluß von Firmen und Akteuren aus dem direkten Umfeld des Binnenhafens, dem der Unternehmer Arne Weber vorsteht. Seit dem Jahr 2000 wirbt der Verein intensiv für den Standort. "Harburg bietet heute einen einzigartig kontrastreichen Mix aus klassischer Hafenbebauung, rauher Industriearchitektur und modernstem Hightech-Design", heißt es optimistisch auf der Website des Vereins. Um den Channel selbst, südlich der Schloßinsel, ist bereits ein attraktiver Mix aus alten Speichern, modernen Bürogebäuden und zu Wohntürmen ausgebauten Silos entstanden - mit Restaurants und Bars. Hier soll das Herz des künftigen High-tech-Standorts Harburger Binnenhafen liegen. Vom Schloß - oder vom Umgang mit diesem historischen Erbe - ist nur selten die Rede. Offenbar scheint es Städteplaner und potentielle Investoren kaum zu interessieren.

Christian Kottmeier, heute freischaffender Architekt in Hamburg, hadert mit dieser Geschichtslosigkeit. Nach seiner Auffassung fehlt den prämierten Konzepten der historische Kontext, dabei könne man aus alten Katasterplänen noch die "Koordinaten der alten Grundstücksgrenzen der mittelalterlichen Wallanlagen und Gebäude" herauslesen. Kaum jemand hat sich mit der Baugeschichte des Harburger Schlosses so genau befaßt. Kottmeier plädierte nicht für einen originalgetreuen Wiederaufbau des Schlosses. Er selbst entwarf einen Bau, der als Kulturzentrum der Öffentlichkeit zugänglich sein soll und gleichzeitig einen Unterbau überwölbt, in dem dauerhaft archäologische Grabungen unternommen werden könnten. Vor allem müsse Harburg "wieder fußläufig mit der Elbe verbunden werden".

Unterdessen setzt Stadtentwicklungssenator Michael Freytag für die Schloßinsel auf ein Nebeneinander von traditionellem Hafengewerbe mit Wohnen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Schon 2013, so die erklärte Absicht, soll sich die Schloßinsel anläßlich der Internationalen Bauausstellung 2013 (IBA) und der zeitgleichen Internationalen Gartenausstellung (IGA) in Wilhelmsburg als urbanes Quartier mit eigenem Flair präsentieren.