Vom "Herrenfahrer" zum Karttalent

100 Jahre Hamburger Automobilclub

Es ist ein kalter Tag im Februar 1905. Im Dammtor-Pavillon lockt der Duft des Fünf-Uhr-Tees, prunkvolle Jugendstil-Lampen hüllen den Raum in stimmungsvollen Schein. Zum ersten Mal trifft sich hier in gründerzeitlicher Atmosphäre der Hamburger Automobilclub. Der Vorsitzende H. Rackwitz und sein Verein starten in eine bewegte Zukunft, vor allem in eine motorisierte. Mit Schriftführer, Zahlmeister, Fahrwart und viel Leidenschaft.

Privatautos gab es vor hundert Jahren selten. Als "Herrenfahrer" wurde im Volksmund bezeichnet, wer doch eines besaß. Das Mobil - ein elitärer Luxus, der mit ratternder und dieselstinkender Präsenz für Bewunderung und Schrecken auf den Straßen sorgte. Der Club diente den Autopionieren zum Austausch ihrer Erfahrungen: Gut befahrbare Routen waren selten, die Federung der dünnen Reifen war schlecht, Tankstellen gab es nicht und auch für technische Probleme kein Patentrezept. Wer fahren wollte, mußte auch schrauben können. Und so wurde aus sieben ambitionierten Gründern schnell ein professioneller Verein von Fahrern und von Technikern.

Inzwischen hat der Hamburger Automobilclub sein hundertstes Jahr hinter sich. 40 Mitglieder teilen noch immer die Faszination für Motoren und Geschwindigkeit.

Der Dammtor-Pavillon ist längst Geschichte. Heute trifft man sich einmal im Monat im Gasthaus an der Alster. Timo, der Chef des Lokals, ist selbst Mitglied. Wichtigstes Thema am Stammtisch ist der Nachwuchs - der Club war lange überaltert. Viele Mitglieder bezeichnen sich selbstironisch als "passive Motorsportler". Doch die Begeisterung für ihren Sport ist geblieben, auch ohne Praxis.

Vor 100 Jahren, als der Club gegründet wurde, war das Automobil noch jung. Etwas Neues, Revolutionäres. Es ging um Mobilität, Freizeit, die Entdeckung neuer Möglichkeiten. Autofahren bedeutete Abenteuer und Freiheit. Der unbekannte Rausch der Geschwindigkeit begeisterte die Welt. Denn bis dato hatte es nur die Kutsche und höchstens noch das Fahrrad als modernes Fortbewegungsmittel gegeben. Der Club organisierte die ersten Automobilrennen, und als schließlich auch das Motorrad als günstigere und flexiblere Alternative ins Spiel kam, wurde der Sport auch für den Normalverdiener erschwinglich.

Die Entwicklung raste. Bereits 1934 nahmen die Fahrer des Hamburger Automobilclubs an spektakulären Rennen im Hamburger Stadtpark teil. Die Gullydeckel wurden auf Straßenhöhe gebracht, der Belag "griffig" gemacht und geeignete Kurven überhöht, so daß nach den Motorrädern und Gespannen auch die ersten Automobile starten konnten. 100 000 Zuschauer machten die Rennen im Stadtpark zum gesellschaftlichen Großereignis, bei dem BMW, Fiat und MG über die sechs Kilometer lange Piste rasten. Und Filmstar Zarah Leander verteilte Küßchen an die Sieger.

Das waren die großen Zeiten. Ein Jahrhundert nach seiner Gründung kämpft der Hamburger Automobilclub, heute als Ortsclub Teil des ADAC, noch immer für das große Gefühl auf dem Siegertreppchen. Auch wenn der fahrbare Untersatz jetzt ein anderer ist: Seit dem Jahr 2000 gehört die Leidenschaft des HAC dem Kartsport.

"Der Automobilsport ist wahnsinnig teuer", sagt Sportleiter Wolfgang Koellner. "Früher, gerade zu Zeiten des Wirtschaftswunders, wurden die Autos und die Ausrüstung komplett privat finanziert. Heute kostet so ein Kart schon bis zu 15 000 Euro, von richtigen Rennwagen ganz zu schweigen."

Doch mit den "Eagles", dem Kartteam des HAC, kam frischer Wind - und endlich wieder aktiver Motorsport in den Club. Fast wie früher werden wieder Rennen gefahren, und insgeheim hofft der Club, daß es vielleicht einmal einen talentierten Nachwuchsfahrer geben könnte, der es wie einst der junge Michael Schumacher vom Kartsportler zum Weltmeister bringt. Was wäre Sport schon ohne Träume?

Horst Moeller jedenfalls hat sich seine Träume von der Karriere erfüllt. Der Krieg war vorbei, die Wirtschaft zog an, die Menschen suchten Abwechslung und Spaß. Und der Motorsport blühte auf. Moeller bestritt Ende der 40er und in den 50er Jahren viele große Rennen. Auf Schotter, Piste und Asphalt eroberte er mit seinem Motorrad einige glänzende Pokale. Noch heute präsentiert der 80jährige Ehrensportleiter des Clubs stolz seine Teilnehmerkarten vom Hansapokal-Rennen auf dem Nürburgring oder der Deutschen Geländemeisterschaft aus den 60er Jahren.

Früh übt sich, wer einmal so ruhmreich wie er in die Geschichte des Clubs eingehen will. Schon mit vier Jahren können die Kleinen auf dem Kart ins Rennen gehen. "Wir fördern besonders unsere jungen Talente. Die Schnupperkurse, Jugendfahrradturniere und die Jugend-Kartmannschaft sorgen nicht nur für den Fortbestand des Vereins, sondern auch für mehr Sicherheit auf zwei und vier Rädern", sagt Wolfgang Tralles, der Vorsitzende des Vereins.

Auch wenn heute nicht mehr alle Mitglieder aktiv teilnehmen können, auch wenn der "echte" Motorsport zu teuer geworden und die Jugend manchmal nur schwer zu begeistern ist: Der HAC bleibt ein Ort der Geselligkeit.

Neben den großen Kartrennen sorgen die gemeinsamen Erinnerungen und die Leidenschaft für den nötigen Zusammenhalt. Vor allem aber bieten sie einen Ort für die nächsten 100 Jahre passionierten Motorsport.

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