"Ohne Murren ist meine Buße"

Ulrich Tukur spielt ihn im St.-Pauli-Theater. Wer aber war der Lord von Barmbeck wirklich? Kein harmloser Kleinkrimineller, sondern der Gründer des organisierten Verbrechens in Hamburg. Er selbst nannte sich einen "bockbeinigen Mephistojünger".

Der Mann sah überzeugend aus in Bowler, schwarzem Anzug und den gewienerten Schuhen. Optisch ein Gentleman, der bei Damen gut ankam. De facto einer, dessen größter Stolz es war, Panzerknacker zu sein, und zwar ein ganz spezieller, der Tresore nicht aufbrach, sondern erst den Schlüssel stahl, um ihn dann wieder zurückzubringen. Irgendwo, das muß man zugeben, hatte er Stil.

Man gab ihm einen "Ehrennamen": Lord von Barmbeck (damals noch mit "C"). Bürgerlich hieß er Julius Adolf Petersen, wurde am 7. Oktober 1882 in einer Kellerwohnung am Borstelmannsweg in Hamm als Sohn eines Zimmermannes geboren. Später war er Kneipenwirt in einem Kellerlokal in der Bartholomäusstraße. Er wurde 51 Jahre alt.

In seinen Lebenserinnerungen bespiegelte und gefiel er sich in dem, was er tat, wenn auch nicht ohne Selbsterkenntnis: Er nannte sich einen "bockbeinigen Mephistojünger, dem Fluch der bösen Tat erlegen". Tatsächlich hat er die organisierte Kriminalität in Hamburg begründet. Als "Held" blieb er bis heute in Erinnerung, weil er sich nicht lösen konnte aus diesem Strudel, der ihm so viel "Anerkennung" bescherte.

Eine orangefarbene Karteikarte mit der Aufschrift "Schulknabe" führt zu dem, was ihn bis heute zu etwas Besonderem in der Stadtgeschichte macht: 20 Meter vergilbte Akten. Die Karte gehört zu seinem ersten Delikt. Er hatte eine Geldbörse mit 20-Mark-Stücken unterschlagen. Er bekam dafür, erst 13 Jahre alt, fünf Tage Gefängnis.

Die Geschichte dieses Mannes wird jetzt im St.-Pauli-Theater gezeigt. Ulrich Tukur spielt den "Lord", singt dazu wenig bekannte Lieder von Hans Albers und hat selber welche dazugedichtet. "Petersen", sagt Tukur, "haftet eine Art Robin-Hood-Image an, aber das ist übertrieben. Er gilt heute immer noch als Held, war aber ein Schwerkrimineller. Mit Prostitution und Mord hatte er allerdings nichts zu tun."

Dafür war er zum Ausklang des Kaiserreichs und in die Weimarer Republik hinein der bekannteste Hamburger Kriminelle - pflegte aber sein Image als braver Bürger, heiratete 1911 und wurde Gastwirt. Doch im Grunde war er Kopf der "Barmbecker Verbrechergesellschaft", einer Bande von Dieben, Einbrechern und Räubern.

Ein starker Gaunertrupp, vor dem kein Tresor in Hamburg sicher ist. Einbrüche und Raubüberfälle sind ihre Spezialität. Und schillernd ihre Namen: "Schlachterkarl", "Lockenfitsche", "Rabenmax" und "Hunderobert", um nur einige zu nennen. Beim Verteilen der Beute zieht der "Lord" sie auch gerne über den Tisch.

1917, als er mal wieder im Gefängnis sitzt, gelingt es ihm, auszubrechen, ebenso wie 1918, weshalb er sich selber lieber "Aus-" statt Einbrecher nennt. Die Blütezeit seiner Verbrecherkarriere beginnt nach dem Ersten Weltkrieg, und das neue Phänomen der organisierten Kriminalität stellt die Polizei in Hamburg vor Rätsel. Der "Lord" knüpft das Netz von Helfern und Helfershelfern kompetent und im großen Stil. Er spannt es über halb Deutschland. Reisende Bandenmitglieder begingen schwer zu entwirrende Verbrechen. Dabei gibt die Polizei selbst zu, daß die Bande "in geradezu bewundernswürdiger Weise" organisiert ist.

1920 erleichtert Petersen in seinem größten Coup mit seiner Gang den Geldtransporter der Farmsener Trabrenngesellschaft um 190 000 Mark, die Amtskasse der Seewarte um mehr als 50 000 Mark und das Postamt in der Susannenstraße um 222 300 Mark - nachdem sie den Postbeamten erst beim Schäferstündchen beobachtet und ihn dann in einen Schrank gesperrt haben. Den Tresor räumt der "Lord" persönlich aus. Er wird geschnappt.

Von 1922 an werden dann 200 Delikte verhandelt, die ihm zugeschrieben werden, 3000 Haftbefehle werden ausgestellt, 400 Personen müssen sich vor Gericht verantworten. 1924 bekommt der "Lord" eine Zuchthausstrafe von 15 Jahren, dazu für zehn Jahre Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.

1927 schreibt er in seiner Zelle in "Santa Fu" an seinen Memoiren und zeigt, daß er auch gut erzählen kann. Er gibt sogar Anweisung, was auf dem Titelbild zu erscheinen habe: "Links in der Ecke das gewaltsame Öffnen eines Geldschranks."

1932 wird er vorzeitig entlassen. Weil er als höflich, ruhig und bescheiden gilt, vermutet man Besserung und eine gefestigte Persönlichkeit. In Gnadengesuchen hat er außerdem seine "Psychose des Verbrechers" mit seiner "Neigung zu verkehrtem Heldentum" geradezu tiefenpsychologisch verklärt. In seinen Memoiren heißt es: Ich büße so, wie ich gefehlt habe, kühn waren meine Handlungen, ohne Murren ist meine Buße." Dabei hat er gerade hinter Gittern sein Organisationstalent weiter ausgebaut und mit Hilfe von Kassibern, bestochenen Polizeibeamten und Rechtsanwälten einen regen Nachrichtenverkehr eingefädelt und Befehle weitergegeben.

Petersen wird wieder rückfällig - und im Oktober 1933 festgenommen, weil er im Verdacht steht, mit einem Raubmörder namens Hannack Einbruchddiebstähle ausgeführt zu haben. Hannack schießt ihm dabei in den Arm. Die Polizei wirft dem "Lord" auch vor, daß er die Hand im Spiel hat, als sein Bruder Arnold Blüten in Umlauf bringt.

Am 21. November 1933 wird er vorgeführt. Kommissar Präger, Leiter des Falschgelddezernats, befragt ihn. Zurück in der Zelle, sieht Julius Adolf Petersen wohl keine Chance mehr, in seiner heißgeliebten Freiheit leben zu können. Präger notiert im Protokoll: "Petersen hat noch am gleichen Tage gegen 20 Uhr sich durch Erhängen selbst entleibt."

Eine zwiespältige Persönlichkeit mit Charisma hatte ihr Leben beendet. Der Ruhm des Lords von Barmbeck blieb zwar zweifelhaft, aber auch nachhaltig. Das macht ihn bis heute unsterblich.