Der Leser staunte: Das bin ja ich!

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Christian-A. Thiel

Der Zeichner Kurt Ard brachte auf rund 260 "Hörzu"- Titelbildern die Welt der fünfziger bis siebziger Jahre ins Haus - charmante und ironische Einblicke einer heute scheinbar so fernen Zeit. Jetzt gibt es sie als Buch.

Es gibt Bilder, die Geschichten erzählen. Der Junge, der den Kopf an den Bauch seiner schwangeren Mutter legt; die Frau, die statt des Hausputzes lieber mit der Freundin telefoniert; der Mann, der am Strand schon gern mal den Blick anderweitig schweifen läßt. Szenen, so alltäglich, daß jeder sie so oder ähnlich selbst erlebt haben könnte. Das ist die Kunst des Dänen Kurt Ard. Die Älteren erinnern sich: auf 260 Titelbildern der Fernsehzeitschrift "Hörzu" beschrieb Ard die kleinen Abenteuer des Lebens. In einem realistischen Stil, der den Beobachter oft zweifeln ließ: Ist es vielleicht doch ein Foto?

Die Hauptdarsteller seiner ironischen Momentaufnahmen waren liebenswerte Figuren, denen wir ihre kleinen Schwächen gerne durchgehen ließen. Kurt Ards Bilder sind ein Spiegel ihrer Zeit. Beneidenswert, welche Sorgen die Menschen in den Wirtschaftswunder-Jahren der 50er und 60er bewegten. Der Maler schaute den Figuren tief in die Seele, listig und ironisch, doch fehlten ihnen viele Eigenschaften, die heute gefragt sind. Da wurde nicht genörgelt, bekrittelt und schon gar nicht das Intimste nach außen gekehrt.

Andere Zeiten, andere Titel.

Kurt Ard, 79, lebt heute an der Costa del Sol in Spanien: "Ich war in der beneidenswerte Lage, meinen Job an jedem Ort der Welt ausüben zu können." Jetzt faßt eine Autobiographie ( "So gesehen . . ." , s. unten) sein Lebenswerk zusammen. Wir sprachen mit Kurt Ard über seine Kunst und den Wandel der Zeiten.

JOURNAL: Sitzen Sie immer noch am Zeichentisch?

KURT ARD: Rückenprobleme haben das leider unmöglich gemacht. Aber jetzt male ich eben den ganzen Tag mit den Augen, was ich sehe.

JOURNAL: Wie hat Sie "Hörzu"-Gründer Eduard Rhein für Deutschland entdeckt?

ARD: Manche behaupten gar, er hätte "Kurt Ard gemacht ". Nun, ich kam mit einem Stapel Illustrationen in Hamburg vorbei. Und er hatte die Begabung, eine prachtvolle Blume zu entdecken, noch bevor sie aufgeblüht war. Entschuldigen Sie bitte den Vergleich!

JOURNAL: Was war das Geheimnis Ihrer Bilder?

ARD: Jetzt kann ich's ja verraten: Moderne Magazine zeigen nur Bilder fremder Menschen, Schröder, Bush, Popstars, Könige. Mein Geheimnis war, dem Leser ein Bild von ihm selbst zu zeigen. Er sah sich zwar im Zerrspiegel, aber doch deutlich: Das bin ja ich!

JOURNAL: Wie kamen Sie zu Ihrem naturalistischen Stil?

ARD: Mit viel Handwerk - und immer hinzulernen. Jeder kennt den Spruch: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber es muß auch klar ausdrücken, was gemeint ist, es darf nicht gemurschelt sein. Denn: Bildsprache ist eine Weltsprache.

JOURNAL: Sie werden gern mit dem großen amerikanischen Illustrator Norman Rockwell (1894- 1978) verglichen.

ARD: Ich weiß nicht, wie das möglich war, aber Rockwell hat meinen Stil kopiert, bevor ich überhaupt geboren war . . .

JOURNAL: Sie haben einige Jahre in den USA gelebt und - wie Rockwell - für die "Saturday Evening Post" gearbeitet. Warum?

ARD: Aus Neugier. Ich wollte Erfahrungen sammeln. Ich habe viel gelernt. Wer aus Europa kommt, mag sich für eine große Kanone halten - in den USA entpuppt sich das als kleines Feuerwerk. Ich kehrte zurück, weil die Amerikaner alles besser konnten als ich - außer Dänisch sprechen.

JOURNAL: Wären Ihre Zeitschriften-Titel heute noch denkbar?

ARD: Damals sagten die Leser: Genau, so ist das Leben! Die Magazine, die heute am Kiosk hängen, sehen fast alle gleich aus, bunt wie ein Kindermalkasten. Aber auch sie sagen die Wahrheit: Es ist eine grausame Welt, in der wir leben! Immer die gleichen Themen: Schöne Frauen. Königshäuser in Skandalen. Berühmte und reiche Leute durchs Teleobjektiv betrachtet. Furchtbare Kriegsbilder. Politiker, die sich zum Affen machen. Wer würde da wagen, ein Bild von mir auf den Titel zu nehmen? Aber bekommen die Leser wirklich, was sie wollen, oder glauben sie es nur?

JOURNAL: Welchen Rat würden Sie Ihren Nachfolgern geben?

ARD: Jedem Künstler, egal, wie sein Stil auch sein mag, sage ich: Höre nie auf Kritiker, nachdem dein Bild fertig ist. Höre nur auf gute Ratgeber, bevor es fertig ist! Denn es ist ja noch nie die Statue eines Kritikers erbaut worden.

Kurt Ard: So gesehen . . . Cora Verlag, Hamburg, 181 Seiten, 300 Abbildungen; 29,90 Euro.