Ich liebe Pool-Spiele

Kandy, das berühmteste Elefantenmädchen bei Hagenbeck, wird am 14. Mai ein Jahr alt. Hier erzählt die kleine Diva, wie es ist, Elefantenkind zu sein. Alexandra zu Knyphausen hat es aufgezeichnet.

Also, ich bin jetzt ein Jahr alt, und da werden alle ganz unruhig. Die Journalisten, weil sie mal wieder ein Jumbo-Jahresmodell groß raus bringen wollen; die Pfleger, weil alle naslang einer kommt und wissen will, wie ich so bin; und die Hagenbecks, weil sie glauben, da müssen sie reagieren. Elefanten können gut 60 Jahre alt werden. 60-mal diese Aufregung? Ohne mich!

Obwohl: Ich bin nun mal was Besonderes. Für mich hat Hagenbeck ein Geburtshaus gebaut, so 'ne Art Kreißsaal für Dickhäuter. Ich sollte in der Herde zur Welt kommen, wie in der Natur. Nur, dass bei mir noch sieben Pfleger, eine Pflegerin, ein Tierarzt und die Hagenbecks dabei waren.

Chandra, unsere Leitkuh, hat aufgepasst, damit meine Tanten was lernen und keinen Unsinn machen, auch meine Schwester Corny. Na, ich hab davon nicht viel mitgekriegt. Ich war knapp einen Meter groß, 114 Kilo schwer, mit Knickschwanz, als ob der schon gebrochen gewesen wäre. Der ist jetzt mein unveränderliches Kennzeichen.

Ich will ja nicht angeben, aber dass mein Rüssel innen so schön babyrosa war, fanden alle "goldig". Lange war mein Lieblingsplatz unterm Bauch meiner Mutter; da konnte mir keiner. Erst hab ich hinten gesucht, aber ihr Busen sitzt vorne . Nach einem Tag hatte ich das dann drauf.

Am Anfang musste ich im Stall bleiben: Hamburger Schmuddelwetter! Aber nach 14 Tagen durfte ich dann ins Baby-Gehege, mit dem ganzen Verein, denn wir bleiben immer zusammen. Sie hatten extra einen Sandhaufen aufgeschüttet. Da hab ich mich erst mal reingeschmissen. Das war vielleicht eine Gaudi!

Als ich zehn Wochen alt war, hat mich Susan Elbow, Amerikas Generalkonsulin, getauft. Auf den Namen Kandy - das ist eine indische Stadt, keine Süßigkeit - und mit Kokosmilch. Das muss man sich mal vorstellen! Wahrscheinlich war echtes Jordanwasser zu teuer, und Kokosmilch gibts heute wohl in jedem Supermarkt. Alle waren glücklich, und da hab ich gemerkt: Man muss den Menschen ihre Folklore lassen!

Am Anfang wusste ich noch nicht, wie man mit dem Rüssel saugt. Das haben meine Tanten mir beigebracht: aus einem Eimer trinken; und was man noch so mit dem Rüssel anfangen kann. Das Beste ist, dass man sich Matsch auf den Rücken schmeißen kann. Bei den Großen spritzen die Pfleger den Dreck mit Hochdruckreiniger ab. Bei mir noch nicht, weil alles noch weich ist wie der Flaum auf meinem Rücken. Eben Babyhaut.

Auf jeden Fall sieht diese Rüssel-Arie bei den Großen wahnsinnig elegant aus. Bei mir wirkt das noch wie betrunken. Das wird aber! Eigentlich bin ich nämlich früh dran, sagt Thorsten Köhrmann, unser Ober-Pfleger. Ich fresse manchmal zur Milch schon Rüben und Heu und kann auf Befehl jeden Fuß einzeln heben.

Ich bin jetzt nämlich schon groß: 1,50 Meter, und wiege 575 Kilo. Ich krieg jeden Menschen unter, wenn ich will. Aber ich will nicht, die Pfleger sind unsere Freunde. Eigentlich bin ich so harmlos, wie ich aussehe: mit meinem runden Rücken bisschen wie ein Ei, das wackelt. Beleidigt bin ich nur, weil alle im Elefantenhaus mich immer noch Baby nennen, dabei trage ich schon Halsband, eins aus echtem Leder.

Mein Vater Hussein ist son richtiger Langweiler, immer allein, außer wenn er auf Freiersfüßen wandelt. Dem ist auch egal, wer sein Kind ist und wer nicht. Man kann ihn nur am Schmusezaun treffen, zwischen dem Erwachsenengehege und seinem Privatauslauf. Vielleicht gar nicht so schlecht, seinen fünf Tonnen möchte ich nicht unter die Füße geraten.

Neulich hat er doch mal neugierig den Rüssel zu mir durchs Gitter gesteckt. Manno, hab ich mich da erschrocken! Brüllen, Rüssel hoch und zu Mama! Da bin ich sicher. Überhaupt: auf meine Mutter und die Tanten ist Verlass. Bei Gefahr stellen sie sich im Kreis mit den Köpfen zusammen, ich darf in die Mitte: besser als ein Hochsicherheitstrakt.

Ich weiß schon, was "Nein" heißt und "lift": Fuß hoch. Es sitzt noch nicht 100-prozentig, aber fast. Ich bin schnell, und eigentlich kann son kleiner Mensch nichts gegen mich ausrichten. Aber Thorsten sagt: "Elefanten sind Hasenfüße. Meistens ist der Mensch Schuld, wenn was passiert."

Ins große Gehege darf ich erst seit sechs Wochen. Das ist der Hit! Man kann die Besucher beobachten und ärgern. Thorsten sagt, wir Elefanten haben einen Pferdemagen, wir fressen schon mal Handtaschen samt Geldbörse und Schecks. Mit Kleie und Paraffin kommt das alles wieder raus - nur können Menschen es dann nicht mehr benutzen. Jedenfalls hat man vom Gehege einen prima Blick zu den Onagern, die aussehen wie oben angekokelt, und den lustigen Kamelen. Die haben einen Busen auf dem Rücken ; verrückt! Und man kann den goldenen Sala-Tempel sehen. Große weite Welt, mitten in Hamburg.

Im Matschloch wälze ich mich oft. Danach schubbere ich mir den Dreck an den großen Steinen ab, von vorn bis achtern. Himmlisch! Übrigens ist das Entsorgungssystem perfekt: Kaum ist das Essen wieder draußen, kommt schon einer mit Schubkarre und macht es weg. Wär direkt was für die Hamburger Stadtreinigung.

Lai Singh ist meine fürsorglichste Spielgefährtin, und mit Salvana will ich auch immer spielen, "aber manchmal möchte sie in Ruhe gelassen werden", sagt Thorsten. "Teenager wollen nicht immer Lotti Karotti spielen statt Poker." O.k., seh ich ja ein.

Mein Schönstes ist, auf dem Rand des trockenen Grabens zu balancieren. Das ist saugefährlich. Neulich lachte Thorsten sich schon ins Fäustchen. "Gleich fällt sie rein!" Von wegen, den Gefallen hab ich ihm nicht getan, ich bin schon Artistin genug!

Wenn es warm bleibt, beginnt die Badesaison. Dann füllen sie unseren Teich, und die große Zeit der Pool-Spiele kommt. Da bin ich gespannt. Am meisten freu ich mich aufs Nassspritzen. Aber nun muss ich los, so ein Tag von 7 bis 7 macht müde. Früher musste ich sogar Mittagsschlaf halten. Aber jetzt kommt abends immer meine große Stunde: Ich führe alle ins Elefantenhaus. Meine Mutter, Chandra, Lai Singh und so weiter. Jeder fasst mit dem Rüssel den Schwanz der Vorderfrau: Fast schon ein Zirkuskunststück!

Ich weiß noch nicht, was ich werden will: Zuchtkuh oder Zirkuselefant. Jetzt leg ich mich erst mal ins Stroh-Bett. Ich hab da eine schräge Ebene als Kopfkissen, richtiger Luxus. Heute will ich davon träumen, dass ich groß bin und überhaupt kein Hasenfuß. Ich will nämlich auch mal eine Handtasche fressen, da können heutzutage ja leicht Pistolen drin sein . . . Gute Nacht.