Eine Amme fürs Sterben

Eigene Erfahrung mit dem Tod hat sie bewegt, anderen Hoffnung zu geben: Claudia Cardinal ist Sterbeamme. Sie begleitet Sterbende und Trauernde in schweren Zeiten.

Das ist einfach zu intim. Zu persönlich, zu fremd und beängstigend. Tod und Sterben? Darüber redet man nicht. Nur nicht zu viel von sich preisgeben und noch andere damit belasten. Wir kondolieren, und natürlich darf sich der Betroffene bei uns ausweinen. Aber dann? Das Leben geht weiter. Und wer Probleme damit hat, soll bitte allein damit fertig werden. Der Tod wird nur allzu oft totgeschwiegen. Aber nicht bei Claudia Cardinal. Sie hört zu. Auch noch, wenn andere am liebsten weghören würden. Sie redet, wo anderen die Stimme versagt und die Kraft. Sie hat etwas zu sagen. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man ins Bodenlose fällt, wenn ein naher Mensch für immer gegangen ist. Wenn er so sehr fehlt, dass es die Luft abzuschnüren scheint. "Wenn das eigene Leben zerfetzt ist", wie sie es ausdrückt und es selbst erlebt hat. Der Tod naher Verwandter, vor allem ihrer sechs Jahre alten Tochter Katharina war es, der alles zerstörte. Der sie dann aber schließlich zu dem gemacht hat, was sie heute mit Leib und viel Seele ist: Sterbeamme. Zu diesem Beruf hat sich die 47 Jahre alte Hamburgerin in jahrelanger Arbeit selbst ausgebildet, das Berufsbild selbst geschaffen. Dabei war es überfällig: So, wie eine Hebamme Menschen auf die Welt hilft und werdende Mütter betreut, so sollte es auch eine Sterbeamme geben, die sich professionell und mit viel Herzenswärme um Todkranke und ihre Angehörigen kümmert, die sie in den Tagen, Wochen oder Monaten vor und nach dem Tod begleitet. "Trauernde geraten oft in die Isolation", sagt Claudia Cardinal. Deshalb hört sie zu, gibt Antworten, nimmt in den Arm, hält die Hand. Sie spendet Trost. Dazu gehört viel Vertrauen. Das muss die lebhafte und einfühlsame Frau selbst stiften. Wenn es gewünscht ist, gibt sie viel von eigenen Erlebnissen mit dem Tod, von ihrer Verzweiflung preis. Das verbindet. "Wir müssen unsere Gefühle zulassen", sagt sie, "auch Angst, Verzweiflung und Wut. Man muss auch böse sein dürfen auf den, der uns allein gelassen hat. Nur wer sich Gefühle erlaubt, wird wieder handlungsfähig. Sonst säßen wir wie die Ratte in der Falle. Dann gäbe es nur Resignation oder Angriff. Und bei beiden haben wir keinen Frieden." Sie hat ihren Frieden gefunden. Dabei hatte es ihr das Leben nicht leicht gemacht. Als sie Anfang 30 war, verlor sie innerhalb kurzer Zeit die Großmutter, den Schwager, den Schwiegervater, den Vater. Und vor allem ihre kleine Tochter, die im Jahr 1981, als Claudia Cardinal mit dem zweiten Kind hochschwanger war, an Leukämie erkrankte. Ein Horror: Chemotherapie, das Krankenhaus als zweite Heimat, drei Jahre scheinbarer Ruhe. Bis die kleine Katharina sagte: "Ich will gar nicht in meinem Bauch sein. Ich will ein Luftmensch sein." Das Mädchen hatte den Rückfall, den die Mediziner erst später herausfanden, schon gespürt. "Nie wieder", versprach die Mutter, "gehen wir ins Krankenhaus!" Es gab unbeschwerte Monate jenseits von Klinik und Chemotherapie, echtes Kindsein, fast Normalität. Katharina wurde noch eingeschult. "Zwei Wochen später bekam sie Fieber, weitere zwei Wochen später starb sie. In meinem Bett." Das Letzte, was ihre Mutter ihr mit auf den Weg gab, waren die Worte: "Geh jetzt und hab keine Angst. Ich bin da." Worte, die sie damals erschreckt haben, die sie heute aber für vollkommen richtig hält. "Keiner weiß, was wirklich passiert, wenn wir gestorben sind. Die Chancen, dass es irgendwie weitergeht, stehen immerhin 50 zu 50", meint sie. Und etwas ganz Wichtiges bleibe auf jeden Fall: "Es bleibt, was dieser Mensch an Einzigartigkeit ist. Es bleibt das Band der Liebe. Und das überdauert alles. Daran können wir uns festhalten." Der Tod - also doch ein Neubeginn? "Es ist sehr schwer, wieder Vertrauen zu finden", weiß Claudia Cardinal. "Aber es ist auch die Chance, den Sinn des Lebens zu finden, zu begreifen, dass es ein Geschenk ist." Und zu diesem Begreifen, davon ist sie überzeugt, führen nur Lebenskrisen. Sie glaubt, dass wir "freiwillig" auf der Erde sind. "Der Planet Erde ist ein selbst verwaltetes Projekt. Da müssen alle mit ran. Doch wir stolpern ins Leben, machen Dinge, die vielleicht überhaupt nicht wichtig sind. Wir haben nur Erdbeereis im Kopf oder HipHop oder glauben, wir müssten unbedingt noch drei Kilo abnehmen. Doch dann stehen wir irgendwann in einer persönlichen Katastrophe. Und dann fragen wir: Was war der Sinn des Lebens? Was wollte ich in die Tat umsetzen? Das haben wir völlig vergessen vor lauter Tanzerei und Hopserei." Das sei der Zeitpunkt, an dem Tod und Trauer einen Sinn bekommen und "wir den Blick erweitern". Sie hat es jedenfalls getan. Sie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Die Goldschmiedin ließ sich zur Heilpraktikerin ausbilden und entwickelte gleichzeitig Ideen und Wissen für die Aufgabe, die ihre Berufung werden sollte: Sterbeamme zu werden. Natürlich erfährt sie auch Schicksale, die sie besonders mitnehmen. Wie das der jungen, hochschwangeren Frau, die erfuhr, dass ihr Kind keine Organe ausgebildet hatte. Für die es ungeheur schwer war, "in die Geburt zu gehen und zu wissen, dass das Kind nicht lebensfähig ist und der Sarg schon nebenan steht". Wie kommt sie damit klar, immer wieder mit Verlust und Verzweiflung konfrontiert zu werden? "Ich bin froh, dass ich einen sinnvollen Beruf habe", sagt Claudia Cardinal. "Was mich beflügelt, ist, dass ich es geschafft habe, Hoffnung wachzurufen." Dennoch steht sie mit beiden Beinen auf dem Boden. In diesen strahlenden Augen und dem warmen Lächeln spiegelt sich ein handfester Enthusiasmus. Und so drängt sich die Frage auf, die man kaum zu stellen wagt: Hatte es gar einen Sinn, dass ihre Tochter gestorben ist? "Aus meiner Trauer heraus habe ich neue Stärken gewonnen", sagt Claudia Cardinal. "Ich hätte sonst wohl nicht kapiert, worum es geht im Leben." Aber sie hat auch etwas sehr Beruhigendes bemerkt: "Wenn alles abgeschält ist, der Schreck, der Schock und die Sehnsucht, die einem das Herz verkrampft, dann bleibt eines übrig: Ich liebe dieses Kind wie am ersten Tag. Das ist großartig und hält ein Leben lang."

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