Döbeln/Berlin. Die Polizei hat mitgeteilt, dass es sich bei der gefundenen Leiche um Valeriia handelt. Nun wird nach Tatverdächtigen ermittelt.

Ein Kind macht sich wie jeden Morgen auf den Weg zur Schule – doch dort kommt es nie an. Nach über einer Woche banger Suche entdeckt die Polizei in einem Waldstück eine Leiche. Es ist der Albtraum aller Eltern, der im sächsischen Döbeln Wirklichkeit wurde: Von der neunjährigen Valeriia fehlte seit Montag, 3. Juni, jede Spur. Nun bestätigten Ermittler im Rahmen einer Pressekonferenz in Chemnitz die schlimmsten Befürchtungen: „Leider ist Valeriia gewaltsam zu Tode gekommen.“

Der Fall des ukrainischstämmigen Mädchens treibt selbst den erfahrenen Beamten Furchen ins Gesicht, lässt sie oft innehalten: „Der Verlust eines Kindes zerreißt einem das Herz“, sagte der Chemnitzer Polizeipräsident Carsten Kaempf. Die Mordkommission ermittelt. Hinweise auf ein Sexualdelikt gebe es nicht, wie Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart mitteilte. „Die Ermittlungen fokussieren sich insbesondere auf den sozialen Nahbereich der Familie.“ Bisher gebe es aber weder einen Tatverdächtigen noch eine Festnahme.

Vermisste Valeriia: Zeugin gab entscheidenden Hinweis

Der Fundort der Leiche liegt laut Polizei nur etwa vier Kilometer vom Haus der Mutter entfernt, abseits jeglicher Wege in unwegsamem Gelände, wie die Leiterin der Kriminalpolizeiinspektion Chemnitz, Mandy Kürschner, mitteilte. Dass das Mädchen in diesem Dickicht überhaupt gefunden werden konnte, sei auch einem Hinweis aus der Bevölkerung zu verdanken: Eine Zeugin habe sich am 5. Juni bei der Polizei gemeldet und ausgesagt, dass sie am Tag des Verschwindens des Kindes Hilferufe im Bereich eines Waldstücks gehört habe.

Die neunjährige Valeriia aus Döbeln wurde seit dem 3. Juni vermisst. Nun wurde ihre Leiche gefunden.
Die neunjährige Valeriia aus Döbeln wurde seit dem 3. Juni vermisst. Nun wurde ihre Leiche gefunden. © Polizei Sachsen | Polizei Sachsen

„Der Hinweis wurde aufgenommen, konnte aber nicht näher verifiziert werden“, erklärte Kürschner. Vernehmungen im familiären Umfeld Valeriias hätten die Beamten jedoch schließlich dazu veranlasst, mit mehr als 300 Kräften das Gebiet zu untersuchen, in dem sie letztlich gefunden wurde. Zwischen dem Bereich, den die Zeugin genannt hatte, und dem Fundort der Leiche lägen jedoch rund zwei Kilometer. „Ohne die Suchmaßnahmen hätten wir Valeriia bis heute nicht gefunden“, so Kürschner weiter.

Suche nach Valeriia: Polizei ermittelte in alle Richtungen

Was am Tag von Valeriias Verschwinden genau passiert ist, muss nun ermittelt werden. Die Polizei geht davon aus, dass Valeriia an dem Morgen nicht in den Bus gestiegen ist, mit dem sie sonst zur Schule fuhr. Als ihre Tochter am Nachmittag nicht zurückkehrte, suchte die Mutter Berichten zufolge zunächst selbst nach der Neunjährigen, bevor sie gegen 18.30 Uhr die Polizei alarmierte. Ein erster Großeinsatz mit Helikoptern und Spürhunden blieb ohne Erfolg. „Wir schließen nichts aus“, lautete von Beginn an die Devise der Ermittler.

„Wir haben noch in der Nacht eine Öffentlichkeitsfahndung eingeleitet“, hieß es von Seiten der Ermittler. In den folgenden Tagen werteten die Behörden Hunderte Hinweise aus der Bevölkerung aus. Anwohner wurden gebeten, ihre Grundstücke nach Valeriia abzusuchen. Die Wasserschutzpolizei überprüfte mithilfe von Tauchern Flüsse, Drohnen suchten das Gebiet um ihren Wohnort aus der Luft ab. Personen aus Valeriias Umfeld, darunter auch ihre Mutter, wurden vernommen.

Die Suche ging bald schon weit über Döbeln hinaus: Laut Polizeiangaben arbeiteten die Ermittler auch mit den Strafverfolgungsbehörden in der Ukraine, Polen und Tschechien zusammen. Zeitweise nahm man sogar an, dass sich Valeriia nicht mehr in Deutschland aufhalte.

Verletzung der Aufsichtspflicht? Schule muss sich Untersuchung stellen

Unklar ist unter anderem, warum Valeriias Mutter von der Schule nicht über das Fehlen ihrer Tochter informiert wurde. Im Sinne der Aufsichtspflicht überprüfen Lehrkräfte in der ersten Stunde normalerweise, ob alle Schülerinnen und Schüler anwesend sind. Ist das nicht der Fall, werden die Eltern kontaktiert. Falls diese nicht zu erreichen sind, kann die Schulleitung die Polizei alarmieren.

Die Leiche der neunjährigen Valeriia wurde in einem Waldstück nahe ihres Wohnorts Döbeln in Sachsen gefunden.
Die Leiche der neunjährigen Valeriia wurde in einem Waldstück nahe ihres Wohnorts Döbeln in Sachsen gefunden. © DPA Images | Robert Michael

Obwohl Valeriia unentschuldigt fehlte, hätte die Mutter jedoch keinen Anruf erhalten, wie zunächst „Bild“ berichtete. Ein Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung bestätigte am Mittwoch gegenüber der Zeitung, „dass es keine Meldung seitens der Schule gegeben hat“. Die Staatsanwaltschaft hat ein Prüfverfahren wegen Verletzung der Führsorge- und Aufsichtspflicht eingeleitet. Die Schulaufsichtsbehörde gehe dem Fall nach.

Valeriias Vater äußerte sich in einem Video

Valeriia flüchtete erst 2022 mit ihrer Mutter und Großmutter vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland. Die Eltern sind geschieden. Valeriias Vater Roman G. dient nach eigenen Angaben an der Front in der Ukraine. In einem Video, das die „Bild“-Zeitung von dem 32-Jährigen veröffentlichte, hatte er gesagt: „Ich richte mein Wort an diejenigen, die an ihrem Verschwinden beteiligt sind: Finden Sie in sich den Mut, uns Eltern unser geliebtes Kind zurückzugeben.“

Seine Aussagen erweckten den Eindruck, als würde er eine Entführung nahelegen. Eine Entführung erwog auch die Polizei, allerdings als „eine Hypothese von vielen“, wie Kriminaldirektorin Kürschner erklärte. Routinemäßig seien etwa besonders rückfallgefährdete Sexualstraftäter überprüft worden. Auch einen Unfall schloss die Polizei zunächst nicht aus, während die Ermittler sich jetzt auf das Umfeld der Familie konzentrieren.

Im Video hatte Valeriias Vater außerdem gesagt, er hoffe seine Tochter „bald in den Arm nehmen zu können.“ Man sei mit ihm in Konakt, hieß es. Auch die Mutter werde psychologisch betreut. Polizeipräsident Kaempf bedankte sich bei der Bevölkerung und den Einsatzkräften für ihre Unterstützung. „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um die Tat aufzuklären und den Täter zu ermitteln“, so Kaempf weiter. „Das sind wir Valeria und ihrer Familie schuldig.“

Die Entwicklungen im Vermisstenfall Valeriia können Sie hier nachlesen.