Langzeitfolgen

Long Covid: Warum jede Corona-Infektion ein Risiko birgt

| Lesedauer: 8 Minuten
Rebecca Baden
Corona-Spätfolgen bei Kindern

Corona-Spätfolgen bei Kindern

Corona-Genesene leiden oft noch Monate nach der “überstandenen” Infektion an Spätfolgen. Auch Kinder und Jugendliche sind davon betroffen. Jedoch gibt es bisher nur wenige Erkenntnisse darüber. Mehr dazu im Video.

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Omikron und hohe Fallzahlen scheinen eine Corona-Infektion unvermeidbar zu machen. Doch es ist keine gute Idee zu leichtsinnig zu sein.

Berlin. Mehr als 160.000 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages und eine Sieben-Tage-Inzidenz von 744,2: Wer am 19. Juli in die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) schaut, dürfte eine Covid-Erkrankung in diesem Sommer so unausweichlich halten wie eine Windpocken-Infektion in der Kindheit.

Auch die gelockerten Maßnahmen zeigen, dass die Regierungen vieler Länder das Infektionsgeschehen mit all seinen Risiken mittlerweile weitgehend akzeptiert haben. Der Gedanke, sich einfach anzustecken "um es gehabt zu haben", scheint verlockend. Wäre da nicht ein bisher wenig erforschter Faktor: Long Covid.

Experten und Expertinnen zufolge riskiert jede Corona-Infektion, am Ende zu Long-Covid-Beschwerden zu werden. Der ExpertInnenrat der Bundesregierung erklärte im Mai, dass Long Covid-Symptome und das Post-Covid-Syndrom besonders bei älteren, zumeist männlichen Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf und bei jungen, zumeist weiblichen Patientinnen mit einem simplen oder moderaten Verlauf aufzutreten scheinen.

Long Covid: Das sind die Symptome

Was die anhaltenden Symptome verursacht, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Und auch eine einheitliche Definition dessen, was wir als Long Covid oder Post-Covid-Syndrom bezeichnen, gibt es bisher nicht: Die bisherigen Beobachtungen reichen von chronischer Müdigkeit (Fatigue) und Depressionen bis hin zu Atemnot und Geschmacksverlust, Schäden an der Lunge oder anderen Organen.

Immerhin ab wann man ein Symptom als "Long Covid Symptom" bezeichnen kann, haben ärztliche Leitlinien inzwischen klar definiert: Symptome, die länger als vier Wochen nach der Infektion bestehen bleiben oder neu auftreten, sind Long Covid-Symptome. Hat man solche zwölf Wochen nach der Infektion und kann sie nicht anders gesundheitlich erklären, spricht man von Post-Covid-Syndrom.

Medizinisch zählen zu Long-Covid-Symptomen aber nicht nur anhaltende Beschwerden. Auch neue, nach der Infektion aufgetretene gesundheitliche Beschwerden und sogar die Verschlimmerung von chronischen Problemen, die bereits vor der Covid-Erkrankung da waren, fallen Experten und Ärztinnen zufolge unter Long Covid.

In einer bisher unveröffentlichten Studie aus dem US-amerikanischen Kalifornien beobachteten Forschende beispielsweise einen Zusammenhang zwischen einer Covid-Erkrankung und der Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus – einem Herpesvirus, mit dem sich schätzungsweise 90 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens infizieren.

Long Covid ist unerforscht – das macht es gefährlich

Wie oft die Long Covid-Symptome auftreten und welche Faktoren sie begünstigen, ist angesichts der zeitlichen Entwicklung der Pandemie und ihrem Ausbruch vor rund zwei Jahren noch nicht aussagekräftig erforscht. Und genau darin liegt die Gefahr einer absichtlichen Ansteckung.

Zum Einen fehlt es an der medizinischen Diagnostik, um die überaus vielfältigen Symptome zu entdecken, richtig einzuordnen und anschließend effizient zu behandeln: "Zu den Ursachen, die derzeit erforscht werden, gehören andauernde Entzündungsreaktionen, Autoimmunreaktionen, Gefäßveränderungen", schreibt der ExpertInnenrat der Bundesregierung. Auch, inwiefern fortbestehende Virusbestandteile oder sogar psychosomatische Komponenten die Beschwerden verursachen, ist nach wie vor Teil der Forschung.

Der geringe Kenntnisstand über Long- und Post Covid führt zum Anderen aber auch zu einer großen Unsicherheit und Unwissenheit in der Bevölkerung. Damit riskiert Long Covid – genau wie das Coronavirus selbst – zum Politikum zu werden und für verschiedene Ziele missbraucht zu werden. Die einen finden die Angst vor Long Covid übertrieben, die anderen wünschen sich mehr Warnungen.

Long Covid: Studie findet Faktoren für Post-Covid-Syndrom

Doch so langsam lichtet sich der Nebel um Long Covid und das Post-Covid-Syndrom: Am Montag teilte das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein erste Ergebnisse ihrer Corona-Studie "COVIDOM" mit. Demnach klagte jeder und jede zweite Infizierte über Langzeitfolgen. Welche das genau sind, ist nicht bekannt.

Nur 15 bis 30 Prozent der Teilnehmenden beschrieben sich neun Monate nach ihrer Covid-Erkrankung als gesundheitlich vollständig unbeeinträchtigt. Allerdings hob das Team um den Lungenarzt Thomas Bahmer aber auch hervor: "Beim Rest bleibt offen, ob ihre Corona-Infektion tatsächlich ursächlich für die immer noch wahrgenommenen Symptome war."

Denn die Forschenden ermittelten auch zwei mögliche Risikofaktoren für das Post-Covid-Syndrom: Währen auf der einen Seite erwartungsgemäß ein schwerer Krankheitsverlauf zur Entwicklung beitrug, machte das Team der Uniklink auch eine weitere Entdeckung.

"Überraschend war, dass auch eine geringe psychosoziale Belastbarkeit und niedrige Resilienz zu einem Post-Covid-Syndrom führen können", so Thomas Bahmer. Menschen, die ihre Krisenresistenz als gering einschätzen, seien demnach besonders gefährdet und kämen mit der neuartigen Erkrankung womöglich schlechter zurecht.

Warum man Long Covid trotz allem ernstnehmen sollte

Dabei sind mögliche psychologische Faktoren längst kein Grund, Long Covid weniger ernstzunehmen. Die Beschwerden werden auch dadurch nicht weniger real. Einer Auswertung der Techniker Krankenkasse zufolge waren Betroffene im Schnitt 100 Tage lang krankgeschrieben. Und: Andere Studien und Datenerhebungen machten noch weitere mögliche Faktoren für Long Covid und Post Covid mitverantwortlich.

So kam eine Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zu dem Schluss, dass 96 Prozent der Post-Covid-Betroffenen in ihrer Auswertung im Vorjahr wegen Vorerkrankungen in Behandlung waren. Zu jenen zählten geläufige Beschwerden wie Rücken- oder Bauchschmerzen.

Doch auch das Gegenteil ist möglich: Christian Mardin, leitender Oberarzt an der Uniklinik Erlangen, forscht dort ebenfalls zu Long Covid. Wie er dem "Ärzteblatt" erklärte, seien seine Patienten und Patientinnen aber eher selten vorerkrankt: "Die Patientinnen und Patienten, die wir sehen, sind jung, sportlich und aktiv und waren vorher gesund."

Corona-Spätfolgen bei Kindern
Corona-Spätfolgen bei Kindern

Long Covid: Mehr Fragen als Antworten

Kann man sich also bedenkenlos mit Covid-19 anstecken? Angesichts der zahlreichen Unklarheiten und bleibenden Fragen sicherlich keine besonders gute Idee. Zwar mag eine Infektion mit dem Coronavirus in den allermeisten Fällen folgenlos bleiben. Ein Restrisiko bleibt aber: Jede Infektion kann theoretisch Long Covid oder sogar das Post Covid-Syndrom mit sich bringen.

Das zählt übrigens auch für Zweit- oder Drittinfektionen mit dem Virus: "Wenn man eine Infektion gut überstanden hat, ist das leider keine Garantie dafür, dass das auch beim nächsten Mal wieder der Fall ist", sagt Jördis Frommhold gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Sie ist Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm und Expertin für Long- und Post Covid.

US-Forschende aus Washington wollen sogar beobachtet haben, dass das Risiko für einen einen schweren Krankheitsverlauf und gesundheitliche Folgen mit jeder Infektion steigt. Die Studie wurde allerdings noch nicht von Fachkollegen und -kolleginnen überprüft.

Immerhin zwei gute Nachrichten scheint es im Zusammenhang mit Long Covid zu geben: Wir Forschende aus Grobritannien und den USA in verschiedenen Studien und Befragungen entdeckt haben, sank das Long Covid-Risiko mit dem Auftreten der Omikron-Variante drastisch. Und auch unter Geimpften schien das Risiko niedriger als bei Menschen, die nicht gegen das Coronavirus geimpft waren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.