Google-Analyse

Kontaktsperre wirkt: So viel weniger bewegt sich Deutschland

Lesedauer: 7 Minuten
Philip Buchen
Mehr als 100.000 Corona-Fälle in Deutschland

Mehr als 100.000 Corona-Fälle in Deutschland

In Deutschland haben sich nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität inzwischen mehr als 100.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Deutschland zählt zu den Ländern mit den meisten bestätigten Corona-Fällen weltweit.

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Halten sich die Deutschen wirklich an die Kontaktsperre? Ein Google-Report vergleicht die Bundesländer. Ein Land schneidet gut ab.

Berlin. Auf den deutschen Straßen ist derzeit nichts normal – denn seit dem 22. März herrscht aufgrund der Coronavirus-Pandemie in Deutschland eine Kontaktsperre. Deutschlandweit gilt: Raus soll nur, wer einen guten Grund hat – etwa den Weg zum Einkauf, zum Arzt oder einen Spaziergang.

Die Kontaktsperre soll dabei helfen, die Ausbreitung des Covid-19-Virus zu verlangsamen. Mindestens bis zum 20. April sollen die Regelungen bestehen bleiben. Aber halten sich die Deutschen auch wirklich an die Vorgaben der Regierung?

Beim Beantworten dieser Frage will auch Google helfen. Der Internet-Gigant weiß dank jahrelang verfeinerter Tracking-Technologie in seinen Apps genau, wo sich seine Nutzer aufhalten. Nun hat die Firma des Alphabet-Konzerns aus dem Silicon Valley in der vergangenen Woche ihren „Google Mobility Report“ veröffentlicht. Laut Google wurden die Daten der Nutzer anonymisiert aufbereitet.

Coronavirus: Google prüft Verhalten der Deutschen während der Kontaktsperre

Der Bericht will aufzeigen, in welchen Bundesländern die Deutschen seit Beginn der Kontaktsperre das Haus besonders selten verlassen haben – und in welchen Ländern sich immer noch mehr Deutsche auf den Straßen aufhalten.

Zudem soll der Bericht aufschlüsseln, welche Ziele die Deutschen haben, wenn sie vor die Tür gehen – also etwa Apotheken, Supermärkte oder den Öffentlichen Nahverkehr. Um die Auswirkungen der Kontaktsperre zu verdeutlichen, nahm Google als Vergleichswert die Bewegungsprofile der deutschen Google-Nutzer aus dem Zeitraum vom 3. Januar bis zum 6. Februar als Grundlage.

In der Hauptstadt lässt sich laut Google besonders deutlich beobachten, wie die Bewohner sich eingeschränkt haben: Dem Bericht zufolge verbringen die Berliner 12 Prozent mehr Zeit in Wohngegenden als im Winter-Zeitraum. Man kann also davon ausgehen, dass die Berliner tatsächlich mehr Zeit zu Hause verbracht haben. Wie viele Stunden dies im Schnitt jedoch genau waren, sagte Google nicht. Veröffentlicht wurden lediglich Vergleichswerte.

Coronavirus: So verhalten sich die Berliner während der Kontaktsperre

Bei diesen Vergleichswerten sind die Berliner Spitze – sie teilen sich die Position mit den Bayern, Baden-Württembergern und Hamburgern, die denselben prozentualen Anstieg in der Auswertung aufweisen konnten. Eine weitere Spitzenposition schafften die Berliner im der „Arbeit-Fernbleiben“: Die Zeit am Arbeitsort brach in Berlin während der Kontaktsperre laut Google um 44 Prozent ein. Bayern und Baden-Württemberg folgen mit einem 43-prozentigen Rückgang auf Platz 2.

Mit einem Rückgang von 83 Prozent ist Berlin auch in der Sparte „Einkaufen und Freizeit“ Spitze. Kein Bundesland konnte einen größeren prozentualen Rückgang an Shoppern oder etwa Café- und Theaterbesuchern verzeichnen. Das muss aber nicht bedeuten, dass Berliner auch absolut gesehen die meisten Stunden zu Hause verbringen. Vielmehr ist es plausibel anzunehmen, dass in der Hauptstadt in der Zeit vor Corona generell mehr Zeit mit Café-, Theater- oder Shoppingmall-Besuchen verbracht wurde und der Rückgang nun deshalb so stark ausfällt.

Trotz Kontaktsperre: Hamburg geht während Coronavirus-Pandemie oft spazieren

Auch in der Hansestadt Hamburg ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen: Jedoch fällt dabei auf, dass die Hamburger etwa im Vergleich zu den Berlinern öffentliche Parks und Grünanlagen weniger stark meiden. Google konnte dort – im Länderdurchschnitt – einen vergleichsweise geringen Rückgang von lediglich 34 Prozent feststellen.

Auch im benachbarten Schleswig-Holstein sichtete Google lediglich 27 Prozent weniger Menschen im Grünen als sonst üblich. In anderen Bundesländern ist laut dem US-Konzern in Parks und Wäldern ein Besucherrückgang von bis zu 50 Prozent zu verzeichnen.

Starker Pendler-Rückgang während Coronavirus-Pandemie in NRW

So etwa auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen: An Rhein und Ruhr gingen laut Google 50 Prozent weniger Menschen während der Kontaktsperre ins Grüne. Vergleicht man NRW mit den anderen Bundesländern, fällt Nordrhein-Westfalen sonst in keiner Kategorie besonders aus der Reihe. Vergleichsweise hoch ist der Rückgang an Pendlern im Öffentlichen Nahverkehr – mit 70 Prozent.

Auffällig hoch ist zudem der Rückgang an Lebensmittel-Einkäufern und Apotheken-Besuchern aus NRW: Dort stellte Google einen Rückgang in Höhe von 51 Prozent im Vergleich zum Normalzeitraum fest.

Coronakrise: Thüringer verbringen seit der Corona-Krise nicht auffällig mehr Zeit zu Hause

In Thüringen sind ähnliche Werte nicht zu beobachten: Zwischen Erfurt, Jena, Gera und Weimar folgen Google zufolge vergleichsweise weiterhin viele Menschen ihrem üblichen Alltagsverhalten. Die zu Hause verbrachte Zeit stieg in Thüringen während der Corona-Krise um vergleichsweise geringe acht Prozentpunkte an.

Starke Veränderungen im Tagesablauf der Thüringer sind laut Google vor allem beim Shoppen, anderen Freizeitaktivitäten und dem Spazieren im Grünen zu beobachten.

Auffällige Rückgänge im öffentlichen Leben in Niedersachsen wegen Covid-19-Pandemie

Mit durch die Bank auffälligen Rückgängen können die Niedersachsen in dem Google-Ranking aufwarten. Lediglich beim Fernbleiben des Arbeitsorts wurden in Braunschweig und Umgebung im Länderschnitt vergleichsweise niedrige Werte erzielt: Demnach verbrachten die Niedersachsen rund 36 Prozent weniger Zeit an ihrem Arbeitsort als sonst üblich.

Der niedrigste Rückgang in dieser Kategorie wurde in Sachsen-Anhalt (Rückgang von 27 Prozent) und Brandenburg (31 Prozent) erzielt.

Der „Google Mobility Report“ zeigt: Deutschlandweit hat sich das öffentliche Leben messbar verändert. Besonders deutliche Rückgänge gab es im Bundesgebiet beim Einkaufen und bei Freizeit-Aktivitäten (Rückgang von 77 Prozent), im Öffentlichen Nahverkehr (68 Prozent) sowie beim Besuch von Lebensmittelfachgeschäften, Apotheken und Grünanlagen (51 bzw. 49 Prozent).

Einen Anstieg gab es hingegen beim Verbleib in den eigenen vier Wänden in Höhe von 11 Prozent. Der von Google veröffentliche Bericht ist jedoch mit Vorsicht zu genießen: Der Datenexperte und Netzaktivist Wolfie Christl warnte auf Twitter davor, die Ergebnisse des Konzerns zu wortwörtlich zu nehmen. Laut Christl sei nicht auszuschließen, dass die Ergebnisse eine Reihe von Messfehlern enthielten.

Christl forderte Google zudem dazu auf, seinen Datenschatz transparenter mit Behörden und Forschern zu teilen. Nur so könnten Googles Ergebnisse einen sinnvollen Beitrag zur Suche nach den geeigneten Maßnahmen im Kampf gegen den Ausbruch des Coronavirus beisteuern.