Coronavirus

Corona-Krise: Wird es in Deutschland so wie in Italien?

Italien wegen Coronavirus im Krisenmodus

Geschlossene Schulen und Touristenattraktionen, elf Städte unter Quarantäne: In Norditalien werden vorher undenkbare Maßnahmen getroffen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Beschreibung anzeigen

Italien steckt in der Coronavirus-Krise, das Land ist abgesperrt, die Infektionszahlen hoch. Kann es auch in Deutschland so kommen?

Berlin. 
  • Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat alle Bürger zur Solidarität in der Coronavirus-Krise aufgerufen
  • Inzwischen sind in Deutschland mehr als 1600 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, drei starben an der Lungenkrankheit
  • Besonders dramatisch ist die Lage in Italien: Das ganze Land wurde vom Robert-Koch-Institut (RKI) zum Risikogebiet erklärt
  • Droht uns eine ähnliche Situation auch in Deutschland? Wir klären auf

Italien ächzt unter dem Corona-Schock. Im Land gibt es etwa acht Mal so viele Infektionen wie in Deutschland. Dementsprechend hart reagiert die dortige Politik: Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte das ganze Land zur Sperrzone mit massiv eingeschränkter Bewegungsfreiheit.

In Deutschland untersagen einzelne Bundesländer zunächst Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Berlin und Bayern schließen zudem Theater-, Opern- und Konzerthäuser. Gibt es bald auch in Deutschland italienische Verhältnisse? Ein Vergleich zwischen den beiden Ländern.

Coronavirus – Zahl der Infizierten in Deutschland und Italien

Deutschland und Italien stehen möglicherweise erst am Anfang einer großen Epidemiewelle. „60 bis 70 Prozent der Menschen in Deutschland werden sich mit dem Coronavirus infizieren“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Beginn der Fraktionssitzung der Union am Dienstag.

Alle nicht notwendigen Veranstaltungen sollten abgesagt werden, betonte sie. Mit Blick auf Bundesliga-Fußball-Spiele fügte sie hinzu: „Spiele vor leeren Rängen sind nicht das Schlimmste, das in einem Land passieren kann.“ Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im News-Ticker.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), forderte die Bundesbürger auf, angesichts der Corona-Epidemie mit dem Rauchen aufzuhören: „Es ist erwiesen, dass insbesondere Raucher zu einer Risikogruppe gehören“, sagte sie dieser Redaktion. Bis Dienstag waren in Deutschland mehr als 1400 Fälle von Coronainfektionen bekannt.

In Italien betrug die Zahl rund 10.000. Die erste Coronainfektion in Deutschland wurde am 27. Januar bei einem Mitarbeiter des bayerischen Automobilzulieferer Webasto festgestellt. In Italien wurden am 31. Januar zwei chinesische Touristen in Rom positiv auf das Coronavirus getestet. Der erste Italiener mit einer Coronainfektion wurde am 21. Februar im Krankenhaus Codogno in der Lombardei gemeldet.

Die Praxis mit den Coronatest

Nach einem Leitfaden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besteht ein Coronatest in der Regel aus einem Abstrich aus der Rachengegend des Patienten, der in ein Labor eingeschickt wird. Wer in Deutschland Symptome verspürt, die auf eine Infektion mit dem Coronavirus hindeuten, kann zunächst telefonisch seinen Hausarzt konsultieren. Der verweist dann gegebenenfalls weiter an ein Testlabor. Davon unabhängig kann sich jeder in bestimmten Krankenhäusern testen lassen.

Auch in Italien ist der Hausarzt die zentrale Instanz: Er entscheidet zunächst per Telefon, ob der Test gemacht werden muss oder nicht. Wer in den ehemaligen Sperrgebieten im Norden (Lombardei, Venetien etc.) war, muss sich bei einer nationalen Telefonnummer melden.

Dort wird er an regionale Einrichtungen weitergeleitet. Diese entscheiden, wer getestet wird. Da das Gesundheitssystem im Süden Italiens wesentlich schlechter als im Norden ist, wollen viele Menschen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Vor vielen Hospitälern wurden vorsichtshalber Zelte aufgebaut, um die Patienten vorab zu befragen.

Italien im Corona-Schock: Ein Land kommt zum Stillstand
Italien im Corona-Schock- Ein Land kommt zum Stillstand

Ärztliche Versorgung

Gemessen an der Bevölkerungsgröße hatte Deutschland nach OECD-Angaben 2017 die meisten Krankenhausbetten in Europa. Auf 1000 Einwohner kommen rund acht Betten in Kliniken und psychiatrischen Einrichtungen.

  • In Italien gibt es statistisch gesehen nur rund 3,2 Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner.
  • Die Bettenkapazität in den staatlichen Krankenhäusern ist jedoch regional sehr unterschiedlich.
  • Sie reicht von 3,9 Betten auf 1000 Einwohner in der Adriaregion Molise bis zu 2,0 Betten pro 1000 Einwohner in Kalabrien.

Wichtig zu beachten ist die Dichte von intensivmedizinischer Versorgung. Bei schweren Corona-Verläufen müssen Patienten auf einer Intensivstation behandelt und häufig künstlich beatmet werden.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums rund 28.000 Betten auf Intensivstationen – in Italien seien es lediglich rund 5000. Ministerpräsident Conte will die Zahl der Betten um 50 Prozent anheben.

Besser als in Deutschland ist in Italien die Versorgung mit Hausärzten.

  • Insgesamt gibt es in dem südeuropäischen Land 54.000 Hausärzte – bei einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen Menschen.
  • Das sind 89 Mediziner pro 100.000 Einwohner.
  • Deutschland verfügt über 55.000 Hausärzte, die für die Gesamtbevölkerung von 83 Millionen Menschen zuständig sind. Das entspricht 66 Medizinern pro 100.000 Einwohner.
Coronavirus: Österreich schränkt Einreisen aus Italien ein
Coronavirus- Österreich schränkt Einreisen aus Italien ein

Entscheidungsstrukturen zum Schutz der Bevölkerung

Hier gibt es einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Italien. Dort kann der Ministerpräsident per Dekret die Bewegung seiner Landsleute massiv einschränken. Am Montagabend erklärte Regierungschef Conte das ganze Land zur Sperrzone. In Deutschland treffen im Normalfall die Gesundheitsämter der Kommunen die Entscheidung über die Absage von Veranstaltungen. Allerdings können die Bundesländer als Aufsichtsbehörden die Linie vorgeben.

Mit Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg griffen die bevölkerungsreichsten Länder die Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern zu verbieten. Auch Thüringen, Bremen, Schleswig-Holstein, Hessen und Rheinland-Pfalz nahmen den Vorschlag auf.

In NRW gibt es keine zeitliche Eingrenzung. Bayern befristete sein Verbot zunächst bis zum 19. April. Bis dahin sind zudem alle staatlichen Theater, Konzertsäle und Opernhäuser geschlossen. Das Gleiche gilt ab Mittwoch für Berlin.