Yad Vashem

Millionenspende für die Erinnerung an den Holocaust

Ein Kinderfoto der Schwestern Ester (r.) und Margot (l.) Goldstein. Sie lebten in Berlin. Die jüngere Ester wurde von den
Nationalsozialisten ermordet. Margot überlebte und übergab Esters Poesiealbum und andere Dokumente an Yad Vashem.

Ein Kinderfoto der Schwestern Ester (r.) und Margot (l.) Goldstein. Sie lebten in Berlin. Die jüngere Ester wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Margot überlebte und übergab Esters Poesiealbum und andere Dokumente an Yad Vashem.

Foto: Yad Vashem

Deutsche Unternehmen spenden der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem fünf Millionen Euro für einen neuen Vermächtnis-Campus.

Berlin. Ester und Margot Goldstein waren Schwestern. Ihre Kindheit verbrachten sie zusammen mit ihren Eltern David und Blima und ihrem Bruder Heinz in den 1920er und 30er-Jahren in Berlin. Doch die Nationalsozialisten zerstörten ihr Leben, töteten nach und nach alle Mitglieder der Familie. Nur Margot, das ältere Mädchen, überlebte den Holocaust.

Ester wurde 1926 in Berlin geboren. Obwohl ihre Eltern erst zwei Jahre zuvor aus Polen nach Deutschland einge­wandert waren, sprachen sie mit ihren Kindern Deutsch. Ihr Vater arbeitete als Gärtner in Weißensee auf dem ältesten jüdischen Friedhof in Berlin, und ihre Mutter war Hausfrau. Die Familie war jüdisch­, sie lebten traditionell, wollten aber gleichzeitig modern sein. Ester lernte­ in der Schule gern deutsche Literatur. Und Margot half ihr dabei, lieh ihr Schulbücher aus. Die Kleinere rezitierte aus dem Gedächtnis Goethe und Schiller, während ihre Schwester Margot sie dabei überprüfte. Ester hatte wie viele kleine Mädchen auch ein Poesiealbum, darin sammelte sie Fotos und Verse, die ihr Freunde und Familie dort hineinschrieben.

Der letzte Eintrag darin stammt von ihrer Freundin Bella und ist datiert auf den 15. September 1942. Bellas Verse sind traurig, „Tod“ und „im Sturm nicht zaudern“ oder „das Unvermeidliche mit Würde tragen“ sind düstere Worte für Teenager. Die Mädchen ahnten vielleicht, was sie erwarten würde. Ester wurde einen Monat später von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert, wo sie auch ums Leben kam. Ihre Freundin Bella wurde ebenfalls ermordet. Ihr junges Leben endete im Frühjahr 1943.

Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte

Diese Geschichte von Ester, Margot und Bella kann nur erzählt werden, weil sie gehütet wird wie ein Schatz. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel beherbergt die weltweit größte und umfassendste Sammlung von Objekten aus der Zeit des Holocaust und erinnert so an die sechs Millionen ermordeten Juden. Die Gräueltaten der Nationalsozialisten werden dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet. Das Poesiealbum ist Teil dieser wichtigen Sammlung, die noch immer wächst und Platz braucht.

Jeder Gegenstand, von Brille über Tagebuch, Brief und Ausweisdokument, Kinderspielzeug, Gemälde, privates Foto oder Werkzeug, erzählt die Geschichte eines Menschen. Diese Arbeit der Gedenkstätte Yad Vashem wollen fünf deutsche Unternehmen nun besonders unterstützen. Auf Initiative des Deutschen Freundeskreises Yad Vashem beteiligen sich Daimler, Deutsche Bahn, Deutsche Bank, Volkswagen und Borussia Dortmund an dem Ausbau der Gedenkstätte. Mit je einer Million Euro unterstützen sie den Bau des geplanten „Hauses der Sammlungen“.

Esters Leben endete grausam und jäh, genau wie, ist nicht bekannt. Aber noch 1938 versuchte die Familie Goldstein aus Deutschland zu emigrieren. Die Auswanderung wurde ihnen untersagt, stattdessen schickte die Familie Margot im Juni 1939 nach Australien. Ihr Vater wurde noch im selben Jahr ins Konzen­trationslager Sachsenhausen verschleppt, dann nach Dachau, wo auch er ums Leben kam. Die Mutter, Ester und Heinz blieben zunächst in Berlin; sie wurden zum Zwangsarbeitereinsatz eingeteilt. Ester wurde dann als Nächste nach Riga verschleppt.

Erinnern, Dokumentieren, Forschen

1943 deportierte die SS Bruder und Mutter nach Auschwitz­, wo sie ermordet wurden. Nur das Poesiealbum, ein paar Fotos und Dokumente blieben in der Wohnung zurück. Eine Nachbarin übergab nach dem Krieg alles an einen Cousin der Goldsteins, David, der Auschwitz überlebt hatte. Er schickte die Kiste weiter an Margot, die nach Israel zog, wo sie heute noch lebt. Die Kiste mit dem Poesie­album übergab sie bereits 2006 an Yad Vashem. In Erinnerung an Ester, Heinz, ihre Eltern Blima und David.

„Erinnern, Dokumentieren, Forschen und Unterrichten, das sind die Säulen, auf denen Yad Vashem ruht. Sie zu stärken ist uns Ehre und Verpflichtung. Kommende Generationen sollen wissen, welches Leid Menschen anderen Menschen antun können. Wir setzen uns damit ein für Völkerverständigung, Toleranz und ein friedliches Miteinander“, heißt in einer gemeinsamen Erklärung der Unternehmen. Diese wurden am Dienstag bei der Vorstellung des Vorhabens in Berlin von Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der Geschäftsführung Borussia Dortmund, Eckart von Klaeden, Leiter External Affairs Daimler AG, Ronald Pofalla, Vorstand Deutsche Bahn AG, Thorsten Strauß, Leiter des Bereichs Kunst, Kultur und Sport Deutsche Bank AG, und Gunnar Kilian, Mitglied des Vorstands Volkswagen AG, vertreten.

„Wir müssen ein ganz klares Stoppschild der Gesellschaft senden. Deshalb war es einmal ganz wichtig für uns, ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen“, sagte Hans-Joachim Watzke zur Motivation des BVB, dabei zu sein.

Schrecklichste, was einer Familie passieren kann

„Die Nazis waren bemüht, die Juden nicht nur zu ermorden, sondern auch ihr Andenken, ihre Kultur und ihr Erbe auszulöschen“, erklärte Avner Shalev, der Vorstandsvorsitzende Yad Vashems, vorab. Durch die Ausstellungen im neuen „Haus der Sammlungen“ werde den Opfern ihre Stimme und Identität zurückgeben und sichergestellt, dass sie niemals vergessen würden. Zudem werde es in dem Gebäude auch neue Labore zur Erforschung der Konservierung geben. Denn der Zustand vieler Objekte, die in Yad Vashem ankommen, sei äußerst problematisch. „Wir können so den Aufbewahrungsraum unserer Tresore für Dokumente, Kunstwerke und Artefakte unter optimalen Bedingungen, meist unterirdisch, erheblich erweitern“, sagte Haim Gertner, Direktor des Yad Vashem Archivs. Und berichtete noch von einer anderen Geschichte. Wieder handelt sie von einem Mädchen und dem Schrecklichsten, was einer Familie passieren kann.

Als die Eltern Tzipora und Dov Chohen am 27. März 1944 in ihre Wohnung zurückkamen, war Hinda nicht mehr da. Ihr zweijähriges Mädchen war verschwunden. Die Familie Chohen lebte schon seit einiger Zeit im Getto von Kaunas­ in Litauen. Beide Eltern mussten als Zwangsarbeiter auf dem Flugplatz Aleksotas nahe der Stadt arbeiten. Alles, was den Eltern von Hinda blieb, war ein Paar Handschuhe, das die Mutter für ihr Kind genäht hatte, und ein Schuh. In diesen ritzte der Vater das Datum von Hindas Verschwinden. Es ist ihr Todestag. Auch dieser Schuh wird in Yad Vashem aufbewahrt.

250.000 Gegenstände

Allein seit dem Start des Projektes „Die Scherben aufsammeln“ im Jahr 2011 erhielt die Gedenkstätte 250.000 Gegenstände, die in privaten Wohnungen aufbewahrt wurden und Gefahr liefen, kaputt zu gehen. Weil eben so viele Dinge dazukamen, plante die Gedenkstätte die Errichtung eines neuen Vermächtnis-Campus, dessen Herzstück das Haus der Sammlungen werden wird.

Als der Freundeskreis von Yad Vashem davon hörte, wollten die Beteiligten das insgesamt 30 Millionen Dollar teure Vorhaben unterstützen und sprachen die fünf Unternehmen an. „Ich freue mich von ganzem Herzen“, sagte Kai Diekmann, Vorsitzender des Freundeskreises. So könne auch für die kommenden Generationen die Erinnerung an den Holocaust und das Gedenken an dessen Opfer bewahrt werden.

Wie an das zweijährige Mädchen Hinda, das von der SS verschleppt wurde. Als „Kinder- und Altenaktion“ ist dieser Mord an den Juden damals bezeichnet worden. Am 27. und 28. März 1944 wurden 1000 Kinder und 300 alte Menschen in die deutschen Vernichtungs­lager in Auschwitz und Majdanek gebracht. Die Eltern schworen sich, den Schuh und die Handschuhe zu behalten. Sie überlebten den Holocaust und bekamen noch ein Kind, wieder ein Mädchen. 1960 wanderte die Familie nach Israel aus. Und die Kinder dieser zweiten Tochter übergaben Hindas Handschuhe und ihren Schuh an Yad Vashem. Dort soll er bleiben, für immer.