Dierdorf

ICE geht in Flammen auf

Unglück auf der Bahnstrecke Köln–Frankfurt. 510 Fahrgäste müssen den Zug auf freier Strecke verlassen

Dierdorf. Von dem ausgebrannten ICE-Waggon ist nur noch ein schwarz verkohltes Gerippe übrig. Zerborstenes Fensterglas ist auf den Gleisen nahe Dierdorf im Westerwald zerstreut, daneben die Reste von Sitzen. In der Böschung liegt eine herausgerissene, verbogene Zugtür. Auch in den angrenzenden Zugteilen sieht es düster aus: Alle Sitze sind angekokelt, die Fenster gesprungen. Dieses Szenario könnte ohne Weiteres Schauplatz einer großen Katastrophe sein. Dass der Brand an der ICE-Schnellstrecke zwischen Köln und Frankfurt mit fünf Leichtverletzten vergleichsweise glimpflich verlief, ist womöglich mehreren glücklichen Umständen zu verdanken.

Im Unglückswagen sitzt zufällig ein Bundespolizist, wie ein Sprecher der Behörde berichtet. Bereits in Uniform sei der Kollege unterwegs zur Arbeit gewesen, als er Rauch bemerkte und routiniert die Rettung organisierte. So habe der Beamte nicht nur den Nothalt eingeleitet, sondern auch dafür gesorgt, dass nicht alle Passagiere planlos aus den offenen Türen stürmen. Er habe im Blick gehabt, dass herabgerissene Oberleitungen eine tödliche Gefahr sind und dass noch weitere Züge auf der Strecke unterwegs sein könnten. Der Kollege habe die Menschen dann auf einem bestimmten Korridor in Sicherheit geleitet, berichtet der Sprecher der Bundespolizei.

Die Fahrt mit dem Ziel München begann für die 510 Fahrgäste um 5.55 Uhr am Freitagmorgen in Köln. Im rheinland-pfälzischen Dierdorf kurz vor Montabaur stoppte der Zug gegen 6.30 Uhr. Tim Hübner (20) fuhr mit, wollte von Bonn nach Ulm zum Arzt: „Der Zug kam plötzlich zum Stehen, nicht ganz abrupt, aber relativ schnell“, berichtet er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Dann gingen die Lichter aus. Es brannten nur noch die Notlichter.“ In der Folge haben alle Passagiere den brennenden Zug auf freier Strecke verlassen müssen. Erst dann habe er die Flammen gesehen. „Bei uns war die Stimmung genervt bis interessiert“, sagt er. „Als man den Brand gesehen hat, war das schon anders.“ Den Reisenden, die aus dem hinteren Teil des Zuges kamen, sei der Schock teilweise deutlich anzumerken gewesen. Die Reisenden seien zu einem Dorfgemeinschaftshaus in der Nähe und dann teils zum ICE-Bahnhof Montabaur gebracht worden. Einige wurden von Angehörigen abgeholt oder setzten ihre Reise im Taxi fort.

Es gebe für die ICE-Strecke einen Alarm- und Einsatzplan, sagt Kreisfeuerwehrinspekteur Werner Böcking. „Genau nach diesem Plan wurde heute vorgegangen und es hat funktioniert.“ Man könne von Glück sprechen, dass der Brand auf freier Strecke war und nicht in einem Tunnel. Der Unglücksort liegt zudem hinter einer Böschung zur Autobahn 3, da war der Zugang nach Angaben der Helfer zwar „etwas schwierig“. Wenn man aber einmal auf der ICE-Strecke sei, sei es relativ eben und alle Fahrgäste hätten über befestigte Wege die nächste Straße erreichen können.

Der Brand war am Freitagmittag zwar gelöscht. Dennoch sind noch länger Einschränkungen auf der Strecke Köln–Frankfurt zu erwarten. Denn erst müssen alle Spuren gesichert und mögliche Schäden an Gleisen und Oberleitung behoben werden. Bahnreisende müssen aber mit Zugausfällen und Verspätungen von bis zu 90 Minuten rechnen.