Prozess

Früherer Chefarzt soll Mitarbeiterin vergewaltigt haben

Der Angeklagte Jörg C. im Landgericht in Bamberg (Bayern).

Der Angeklagte Jörg C. im Landgericht in Bamberg (Bayern).

Foto: Nicolas Armer / dpa

Hat sich ein ehemaliger Chefarzt an einer Mitarbeiterin vergangen? Der Mediziner wurde nach verschärftem Sexualstrafrecht angeklagt.

Berlin/Bamberg.  Er soll eine Mitarbeiterin am Arbeitsplatz zu sexuellen Handlungen gezwungen haben: Ein früherer Chefarzt des Klinikums Bamberg steht seit Mittwoch wegen Vergewaltigung vor Gericht. Dem 46-jährigen Jörg C. wird vorgeworfen, die Frau in einer Ambulanz in Neustadt an der Aisch unter einem Vorwand in die Küche gelockt zu haben, wie die Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt erläuterte. Dort soll er sie gezwungen haben, Oralsex an ihm vorzunehmen.

Juristisch ist der Fall vor allem deshalb interessant, weil der Palliativmediziner nach dem gerade erst verschärften Sexualstrafrecht angeklagt wurde. Demnach macht sich nicht nur strafbar, wer Sex mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt. Es reicht vielmehr aus, wenn sich der Täter über den „erkennbaren Willen“ des Opfers hinwegsetzt.

Mitarbeiterinnen erstatteten keine Anzeige

Jörg C. soll sexuelle Verhältnisse mit mehreren Mitarbeiterinnen parallel gehabt haben. In einer selbst anberaumten Pressekonferenz im Regionalfernsehen hatte der Bruder des Arztes im Februar diese Affären damit erklärt, dass Jörg C. unter großem beruflichen Druck gestanden habe. Das Mittel der Wahl zum Stressabbau nannte der Bruder „äußerst inakzeptabel“. Auch mit der Frau, die ihm nun vorwirft, er habe sie zum Oralsex gezwungen, hat C. laut Staatsanwalt zuvor einvernehmlich Sex gehabt.

Der frühere Chefarzt betonte am Mittwoch in einer Erklärung, die sein Anwalt verlas, dass auch die sexuelle Begegnung in der Ambulanz-Küche im Dezember 2016 einvernehmlich gewesen sei. Die damalige Mitarbeiterin hatte jedoch ausgesagt, sie habe ihm zu verstehen gegeben, dass sie den Oralsex nicht ausführen wolle. Anzeige erstattete sie nicht, auch andere Mitarbeiterinnen nicht. Sie sollen sich aber bei der Klinikleitung über den Arzt beschwert haben.

Bruder hatte Staatsanwaltschaft Vorwürfe gemacht

Die Staatsanwaltschaft ermittelte, nachdem Medienberichte über einen „erneuten Sexskandal“ am Klinikum Bamberg erschienen waren. Die jetzige Anklage sei ein Komplott von Mitarbeiterinnen, mit denen er sexuellen Kontakt gehabt habe, hieß es in der Erklärung des Angeklagten. Sein Bruder hatte der Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gemacht – etwa den, dass sie der Presse gegenüber „den großen Fall suggeriert“ habe. Den Medien warf er „einseitige Berichterstattung“ vor.

Der Familie zufolge unternahm der Arzt einen Suizidversuch, nachdem er die erste Radiomeldung über die Vorwürfe gegen ihn gehört hatte. Die Familie sprach von einer Kurzschlussreaktion. Zu dem Zeitpunkt sei noch nicht gegen Jörg C. ermittelt worden. Er überlebte den Suizidversuch – und kam im Januar vom Krankenhaus direkt in die Untersuchungshaft. Die wurde im Februar gegen Auflagen ausgesetzt. Die Verhandlung wird am heutigen Donnerstag fortgesetzt.