Sommerbilanz

Meteorologen fordern mehr Vorsorge gegen Starkregen

Das Wetterphänomen „Tief Mitteleuropa“ hat Anfang Juni für heftige Gewitter und Regenfälle gesorgt – so wie hier in Duisburg.

Das Wetterphänomen „Tief Mitteleuropa“ hat Anfang Juni für heftige Gewitter und Regenfälle gesorgt – so wie hier in Duisburg.

Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services

Keller liefen voll, Orte versanken im Schutt. Schuld war das Tief „Mitteleuropa“. Experten fürchten, es könne noch schlimmer kommen.

Berlin.  Hausbesitzer, Mieter und Städte sollten sich besser gegen Starkregen schützen, empfiehlt Paul Becker. Das sei ein Fazit aus den außergewöhnlichen Regengüssen in diesem Sommer. Auf solche Ereignisse „müssen wir uns mit noch besseren Wettervorhersagen und mehr Eigenvorsorge der Bürger vorbereiten“, sagte der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am Montag in Berlin.

Im laufenden Jahr haben die Meteorologen den „global wärmsten Sommer“ seit Beginn der wissenschaftlichen Wetteraufzeichnungen regis­triert, erklärte Becker. Möglicherweise werde 2016 auch insgesamt das „wärmste Jahr seit 1880“. Dabei lagen die Temperaturen und Niederschlagsmengen in Deutschland nur wenig über dem Durchschnitt.

3000 Warnungen in nur wenigen Tagen

Besonders war der hiesige Sommer trotzdem: Allein von Ende Mai bis Mitte Juni musste der Deutsche Wetterdienst etwa 3000 Unwetterwarnungen herausgeben. „Noch nie haben Unwetter mit heftigen Regenfällen innerhalb so kurzer Zeit so hohe Schäden verursacht“, teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit. Allein für den Zeitraum 27. Mai bis 9. Juni verzeichnete er Schäden von etwa 1,2 Milliarden Euro. Zwei Orte – Braunsbach in Baden-Württemberg und das niederbayerische Simbach – wurden dabei durch außergewöhnliche Mengen an Regenwasser schwer beschädigt. Mehrere Menschen verloren ihr Leben.

Verantwortlich dafür war eine Wetterlage, die die Meteorologen „Tief Mitteleuropa“ nennen. Sie herrschte dieses Jahr mehrere Tage länger als normal. Das Tiefdruckgebiet schaufelte fast zwei Wochen lang ohne Unterbrechung warme Luft aus dem Mittelmeergebiet nach Deutschland. Sehr heftige Regenfälle waren die Folge.

Karte für die Stadt Unna zeigt bedrohte Grundstücke

Katastrophen wie in Braunsbach und Simbach „können an jedem Ort in Deutschland eintreten“, warnte DWD-Vize Becker. „Eine hundert Prozent sichere Infrastruktur gibt es nicht“, fügte der Wetterforscher hinzu. Die Bürger müssten sich also auch selbst mehr darum kümmern, Schäden vorzubeugen.

Becker appellierte aber auch an die Behörden beispielsweise in den Städten, sich besser auf die möglichen Gefahren einzustellen. Als positives Beispiel nannte er die Stadt Unna in Nordrhein-Westfalen. Dort hat der für Wasserwirtschaft zuständige Lippeverband eine „Starkregengefahrenkarte“ veröffentlicht. Diese zeigt, welche Grundstücke durch stauendes oder fließendes Wasser bedroht sein könnten, wenn es zu Wolkenbrüchen kommt.

Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes, regte am Montag an, über das neue städtebauliche Konzept der „Schwammstadt“ nachzudenken. Soll heißen: Die Stadtplaner müssten Flächen ausweisen, die im Notfall überflutet werden können, ohne dass riesige Schäden entstehen. Dafür kommen unter anderem Sportplätze infrage.

Mulden zwischen Häusern nehmen Wasser auf

Einige Städte haben bereits begonnen, derartige Vorbeugemaßnahmen umzusetzen. Nach Krautzbergers Informationen hat man auch in Berlin reagiert. Im Stadtteil Adlershof habe man zwischen manchen Gebäuden Mulden angelegt, die größere Wassermengen aufnehmen könnten. Hamburg animiert Immobilienbesitzer, auf ihren Gebäuden Gründächer anzulegen: Auch diese absorbieren Regenwasser.

Krautzberger und Becker vertraten am Montag auch Positionen des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK), in dem die entsprechenden Wissenschaftseinrichtungen kooperieren. Auch das Jahr 2016 deute darauf hin, dass wir es mit einem „Cocktail aus Wetter und menschlichen Aktivitäten“ zu tun haben, sagte DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck. Die Verbrennung von Kohle, Erdgas und Öl trage dazu bei, das Klima zu verändern.

Für Deutschland zeichnen die Meteorologen aktuell ein widersprüchliches Bild. Einerseits sei das Jahr 2016 bisher nicht dramatisch verlaufen: Temperaturen und Niederschlagsmengen wichen vom Mittel der Jahre 1961 bis 1990 nur leicht nach oben ab. Andererseits kam es lokal zu katastrophalen Niederschlägen. In Braunsbach etwa seien 71 Millimeter Regenwasser in nur einer Stunde gefallen, erläuterte Becker. In Simbach waren es 79 Millimeter in drei Stunden und 180 Millimeter in zwei Tagen. Der Deutsche Wetterdienst geht davon aus, dass noch deutlich stärkere Niederschläge möglich sind. Becker: „Die erlebten Sturzfluten können ein Vorgeschmack auf die Sommer in einer zukünftigen wärmeren Welt sein.“