Boston

Schneeberg im Hochsommer: Rekordwinter hinterlässt Souvenir

Unter einer Schicht aus Schmutz und Müll liegen in Boston Überreste eines ehemals gigantischen Schneeberges

Unter einer Schicht aus Schmutz und Müll liegen in Boston Überreste eines ehemals gigantischen Schneeberges

Foto: Heiko Oldörp / dpa

Der harte Winter wäre längst vergessen, wäre da in Boston nicht ein Souvenir: Ein Schneehaufen, den auch der Hochsommer nicht schmelzen konnte.

Boston. In Boston ist Hochsommer. Die Temperaturen in der US-Ostküstenmetropole klettern fast täglich über die 30-Grad-Marke, die schwülwarme Luft drückt und wer kann, flüchtet an die nahe gelegenen Strände der Halbinsel Cape Cod. Mit einem Eis in der Hand und dem Geruch von Sonnencreme in der Nase scheint der harte Winter, der die Stadt Anfang des Jahres mit Eiseskälte und Rekordschneemassen lahmlegte, längst vergessen - wäre da nicht ein Schneehaufen als Überrest.

An einer kleinen Stelle im Seaport District am Hafen von Boston ist auch im Hochsommer noch tiefster Winter. Wer den Schneeberg sucht, muss allerdings genau hinschauen - und etwas Phantasie aufbringen. Unter einer Schicht aus Schmutz, Planen, Plastik, Brettern und sogar einigen Kleidungsstücken begraben liegt der letzte Rest des Bostoner Rekordwinters. Zwischen einer bekannten lokalen Brauerei und einem Fisch-Betrieb schmilzt der letzte Schnee auf einer rund anderthalb Fußball-Felder großen Fläche dahin.

In Boston wurde 2015 der Schneerekord gebrochen

Einst nahm er das gesamte Areal ein, jetzt ist der Dreckhaufen, der eher einer kleinen Müllkippe gleicht, vielleicht noch 30 mal 20 Meter groß und in seiner Mitte knapp einen Meter hoch. „Wir haben ihn sich auftürmen sehen und jetzt beobachten wir, wie er langsam immer kleiner und kleiner wird“, sagte die 21 Jahre alte Breanna Brown, die in einer nahe gelegenen Rechtsanwaltskanzlei ein Praktikum macht, der „New York Times“. Die Menschen in Boston haben sich an ihn gewöhnt und beachten ihn schon so gut wie gar nicht mehr - weder diejenigen, die am Maschendrahtzaun, der die Fläche einschließt, auf ihren Bus warten, noch die Trucker, die auf der anderen Seite ihre Lastwagen mit Fisch und Meeresfrüchten beladen.

In Boston wurde Anfang des Jahres der Schneerekord gebrochen. 275,8 Zentimeter fielen in der Stadt im US-Bundesstaat Massachusetts. Um die Massen in den Griff zu bekommen, errichteten die Behörden elf sogenannte „snow farms“ - eine davon hier an der FID Kennedy Avenue, in der Einflugschneise des Bostoner Flughafens. Täglich kippten unzählige Trucks ihre weiß-grauen Ladungen ab, verteilten Bagger und Raupen den Schnee - bis irgendwann ein stattlicher Hügel von knapp 25 Metern Höhe entstanden war. Mit dem Frühling und den wärmeren Temperaturen schmolz der weiße Riese ganz langsam, wurde grau und schließlich schwarz.

Dass das Schmelzen so lange dauert, ist für Wissenschaftler keine Überraschung. Es liege unter anderem am fehlenden Regen und daran, dass der Schneeberg extrem dicht und mit Müll durchsetzt ist. Dadurch kommt an viele Stellen des Schnees keine Sonne und der ganze Berg braucht deutlich mehr Energie, um zu schmelzen.

Wann er endlich ganz weg sein wird, darüber wird in Boston heiß diskutiert. Bürgermeister Marty Walsh hat sogar schon einen Twitter-Wettbewerb ausgerufen. „Rate den Tag, auf den wir alle warten“, heißt es in der Aufforderung. Noch im Juli, antworten einige, andere vermuten ein Ende des Haufens im August, September oder Oktober - und wieder andere schlicht: „Nie“.