Manipulation

Bundesregierung: ADAC soll alle Karten auf den Tisch legen

Ferdinand Dudenhöffer fordert eine Aufspaltung des ADAC und warf dem Verein Arroganz und Selbstherrlichkeit vor. Die Bundesregierung ruft den Autoclub zu einer umfassenden Aufklärung auf.

München. Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer hält den ADAC mit seiner derzeitigen Organisationsstruktur für gescheitert. „Es gibt keine Kontrolle beim ADAC. Man schottet sich ab“, empört sich Dudenhöffer am Montag im Bayerischen Rundfunk und warf dem Verein Arroganz und Selbstherrlichkeit vor. „Offensichtlich ist das System ein Nährboden dafür, dass sich Dinge entwickeln, die sich in Unternehmen nicht entwickeln dürfen.“

Kosmetische Änderungen genügten nicht mehr, der ADAC brauche „eine völlig neue Struktur“. Sonst werde er seine Glaubwürdigkeit verlieren. Nach Ansicht des Experten, der Professor an der Universität Duisburg-Essen ist, sollte der ADAC in einen Pannenservice und ein Wirtschaftsunternehmen aufgeteilt werden. Denn es gebe Verflechtungen, die mit der Unabhängigkeit von einer Testorganisation nichts zu tun hätten.

Bundesregierung fordert umfassende Aufklärung

Die Bundesregierung hat den Autofahrerclub ADAC zu einer umfassenden Aufklärung von Manipulationen rund um den Autopreis „Gelber Engel“ aufgerufen. „Es ist jetzt Aufgabe des ADAC, hier alle Karten auf den Tisch zu legen, möglichst transparent die Vorgänge aufzuarbeiten, auch rückblickend für die Jahre zuvor“, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Montag in Berlin. Das Vertrauen, das die Mitglieder und die Öffentlichkeit dem ADAC entgegenbrächten, müsse zurückgewonnen werden.

Das Verbraucherministerium betonte, dass vor allem die Mitglieder Anspruch auf „transparente Strukturen“ hätten. „Beim ADAC ist es so, dass er ganz besonders von dem Vertrauen seiner Mitglieder lebt und deswegen höchstselbst ein eigenes Interesse daran haben wird, alles was passiert sein sollte, aufzuklären und aufzuarbeiten“, sagte ein Sprecher. Dies finde im Moment originär beim ADAC statt.

Ramstetter soll regelmäßig manipuliert haben

ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair hat derweil eine Aufklärung angekündigt. Dies erklärte Obermair in der „Süddeutschen Zeitung“. Die Zahlen für den ADAC-Autopreis könnten schon seit Jahren manipuliert worden sein. ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter soll die Teilnehmerzahlen zu der Umfrage zum „Lieblingsauto der Deutschen“ über Jahre hinweg nach oben geschönt haben, wie Obermair der „Süddeutschen Zeitung“ (Montag) bestätigte. Unmittelbar nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen Ramstetter hätten Geschäftsführung und Präsidium eine lückenlose interne Prüfung angeordnet, erklärte der ADAC.

Wie die „Bild“-Zeitung (Montagausgabe) berichtet, haben erste interne Untersuchungen von Dokumenten beim ADAC ergeben, dass auch in den vergangenen Jahren, mindestens aber 2013 und 2012, die Zahl der abgegebenen Stimmen künstlich erhöht wurden. Dies hatte laut der ADAC-Prüfer aber keinen Einfluss auf die Platzierungen der Autos. Die Prüfung stütze sich auf frühere Aufzeichnungen, die Stimmzettel (Coupons) seien laut ADAC aus datenschutzrechtlichen Gründen vernichtet worden.

Am Sonntag hatte der Autoclub in München zunächst eingeräumt, dass die Teilnehmerzahlen für die diesjährige Wahl höher dargestellt worden waren als sie tatsächlich waren. Ramstetter, der seit Jahren auch Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ war, habe – so der ADAC in seiner Mitteilung – „die alleinige persönliche Verantwortung“ übernommen und alle Funktionen beim ADAC niedergelegt.

Obermair hatte noch vor einigen Tagen die Manipulationsvorwürfe als „Unterstellungen“ zurückgewiesen.Der ADAC ist mit rund 19 Millionen Mitgliedern größter Autoclub in Europa und größter Verein in Deutschland.

Nur Ramstetter soll Zugang zu Zahlen gehabt haben

Nun will der ADAC auch Wahlen der vergangenen Jahre überprüfen. Das könnte jedoch schwierig werden, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. So sollen einige Statistiken „angeblich unmittelbar nach der jeweiligen Preisverleihung vernichtet“ worden sein. Doch: „Auf Nachfrage soll Michael Ramstetter eingeräumt haben, die veröffentlichten Zahlen bei der Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen auch in anderen Jahren weitgehend frei erfunden zu haben.“ Der Betrug soll laut Obermair unentdeckt geblieben sein, weil – so zitiert die Zeitung den Geschäftsführer – Ramstetter dafür gesorgt habe, dass er allein Zugang zu allen Abstimmungsauszählungen gehabt habe.

Ramstetter habe sich für sein Fehlverhalten entschuldigt, hieß es am Sonntag in der Pressemitteilung des ADAC. Der 60-Jährige habe bedauert, der Glaubwürdigkeit des ADAC Schaden zugefügt zu haben. Ramstetter selbst wollte sich am Sonntag nicht äußern. Zur Dimension der Zahlenmanipulation machte der ADAC weiter keine Angaben.

Auch andere Statistiken auf dem Prüfstand

Der Skandal wirft nach Ansicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ein Schlaglicht auf andere Tests und Statistiken des ADAC. „Auch die Pannen- und Tunnelstatistik müsste man jetzt untersuchen“, sagte Dudenhöffer am Sonntag. Wenn beim Gelben Engel gelogen worden sei, könne man das für andere Bereiche nicht ausschließen.

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte weitere Klärung: „Der ADAC hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden.“ Die Vorgänge zeigten, dass „großen Verbänden manchmal etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten gut täte“, sagte der Minister in München, der wegen der geplanten Einführung einer Pkw-Maut für Ausländer mit dem ADAC im Streit liegt.

Dem ADAC droht nun eine massive Vertrauenskrise. Der Automobilclub bemühte sich um Schadensbegrenzung. Bei der diesjährigen Wahl des Lieblingsautos sei nur die Zahl der abgegebenen Stimmen geschönt worden, aber nicht die Rangfolge der Ergebnisse, wurde betont.

Obermair hatte noch gespottet

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte am vergangenen Dienstag als erstes Blatt über Mauscheleien beim Preis „Gelber Engel“ berichtet. Nach ihren Informationen soll es nur 3409 Stimmen für das Siegerauto VW Golf gegeben haben, ein ADAC-Papier vom Dezember 2013 habe dagegen als offizielles Ergebnis 34 299 Stimmen genannt.

ADAC-Geschäftsführer Obermair hatte am Donnerstag bei der offiziellen Feier zur Auszeichnung des VW Golf mit dem „Gelben Engel“ vor Gästen noch von „Unterstellungen und Unwahrheiten“ gesprochen. Er hatte gespottet, immerhin seien die vier Buchstaben des ADAC richtig abgedruckt worden. Im Übrigen sei nichts älter als die Tageszeitung von gestern: „Mit der packt man den Fisch ein.“

Noch vor Abschluss der internen Prüfung habe Ramstetter am Freitag seinen Fehler eingeräumt. Weder Geschäftsführung noch Präsidium seien zuvor „über diese Unregelmäßigkeiten bei der Leserwahl“ unterrichtet gewesen, erklärte der Automobilclub.

Die anderen Kategorien beim Preis „Gelber Engel“ seien von den Vorgängen nicht betroffen, betonte der Autoclub. Er will Vertrauen zurückgewinnen und kündigte an, bis 2015 für die Abstimmung zum Lieblingsauto ein notariell überwachtes Verfahren zu entwickeln, das über jeden Zweifel erhaben sei.

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