Prozess um Mord ohne Leiche

1997 verschwand eine schwangere 17-Jährige. Töteten ihr Freund und dessen Mutter sie, um die Alimente zu sparen?

Leegebruch. Spatzen zwitschern in den Forsythien. Es riecht nach Flieder und nach geharkter Erde. Heile Welt in Leegebruch, jener Siedlung bei Oranienburg, die einst die kinderreichste der DDR war, weil es sich schon damals so gut hier lebte in den kleinen Einfamilienhäusern mit den Gärten. Und doch liegt ein Schatten über der Idylle. An diesem Montag beginnt vor dem Neuruppiner Landgericht ein Prozess, der alte Wunden aufreißt, die nie ganz verheilt sind.

Zwei Männer stehen vor Gericht, Michael S., 34, und Manfred S., 79. Ihnen wird vorgeworfen, eine junge Frau aus Leegebruch heimtückisch ermordet zu haben. Angeklagt ist auch Christine S., 60. Sie soll ihren damals 18-jährigen Sohn Michael angestiftet haben, gemeinsam mit Manfred S. die Frau zu töten. Eine Leiche gibt es nicht. Nur Indizien. „Eine lückenlose Beweiskette“, sagt die Staatsanwaltschaft. Und die traurige Tatsache, dass Maike Thiel nie mehr nach Hause gekommen ist.

16 Jahre ist es her, dass die damals 17-Jährige verschwunden ist. Am 3. Juli 1997, gegen 10 Uhr, wurde sie zum letzten Mal an der Bushaltestelle vor dem Henningsdorfer Krankenhaus gesehen. Sie kam gerade von der Vorsorgeuntersuchung. Am 12. August sollte ihr Kind zur Welt kommen. Ein Mädchen, Maike hatte schon einen Namen: Charleen sollte die Kleine heißen.

Seit 16 Jahren quälen sich Maikes Eltern mit der Ungewissheit. Wurde ihre Tochter entführt? Ist sie tot? „Es ist so schlimm für die Eltern“, sagte eine Frau im Ortskern von Leegebruch. Die Mittfünfzigerin kommt gerade vom Einkaufen. „Natürlich habe ich die Maike gekannt“, sagt sie. Und lächelt, wenn sie an das fröhliche Mädchen mit den rotbraunen Locken denkt. „Die Thiels sind doch alte Leegebrucher.“ Es sei grauenhaft, sagt sie, „wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Aber noch grauenhafter muss es sein, wenn man nicht weiß, was mit ihm passiert ist. Wenn man nicht Abschied nehmen kann.“ Auf dem Friedhof, so die Frau, liegen ja einige junge Leute. Viele sind mit dem Motorrad verunglückt. „Aber Maike hat kein Grab.“ Keine Stelle, auf die man eine Blume legen, wo man vielleicht auch ein bisschen träumen kann, wie es hätte werden können mit der kleinen Charleen, die jetzt schon fast so alt wäre wie ihre Mama, als diese schwanger war.

Michael S. war von Beginn an im Visier der Kripo. Der Ex-Freund von Maike und Vater ihres Kindes wollte das Baby nicht. Aber Maike wollte keine Abtreibung. Ihre Eltern richteten ein Kinderzimmer ein, sie wollten alles tun, dass Maike nach dem Schulabschluss ihre Ausbildung zur Altenpflegerin antreten konnte – und dass Charleen einen guten Start ins Leben bekommt.

Die Polizei konnte Michael S. nichts nachweisen. Auch der Privatermittler, den die Thiels beauftragt hatten und der davon ausging, dass Michael S. Maike getötet hat, fand keinen Beweis. Auf seine Vermutung hin ließen die Thiels in Henningsdorf 2001 auf eigene Kosten eine Straße aufreißen. Michael S. hatte dort auf einer Tiefbaustelle gearbeitet. Hatte er die Leiche dort vergraben? Die Suche blieb ergebnislos.

Im November 2006 gab es wieder Hoffnung für die Familie Thiel, endlich etwas über das Schicksal ihrer Tochter zu erfahren. Damals wurde vor dem Landgericht in Frankfurt an der Oder ein Fall verhandelt, der Ähnlichkeiten mit den Ereignissen um das Verschwinden von Maike Thiel aufwies. Es ging um Heike Nagler und ihren vier Monate alten Sohn Göran. Auch sie wurden seit Juli 1997 nicht mehr gesehen. Aber auch von ihnen gab es keine Leichen. Erst als die Ex-Frau des Hauptverdächtigen nach Jahren die Polizei zu der Stelle im Wald führte, in der er Mutter und Kind verscharrt hatte, gab es Gewissheit. Das Gericht verurteilte den 52-Jährigen zu lebenslanger Haft. Er habe, so die Staatsanwaltschaft, seine Geliebte und den Sohn getötet, weil er keine Alimente zahlen wollte.

Die Thiels hofften, dass auch im Fall ihrer verschwundenen Tochter Licht ins Dunkel kommen könnte, wenn sich endlich jemand entschließen würde, zu reden. Aber sie mussten noch sechs Jahre warten, bis Menschen ihr Schweigen brachen. Nachdem der Fall im vergangenen Jahr Thema bei „Aktenzeichen XY“ war, kam es zu überraschenden Zeugenaussagen. Darunter die von einer Ex-Freundin. Ihr soll der Mann, der heute als Sozialarbeiter tätig ist, die Tat gestanden haben. Danach hat er Maike damals in das Auto gelockt, sein Komplize aber habe sie von hinten erdrosselt. Michael S. und seine Mutter, so der Verdacht, wollten keinen Unterhalt zahlen. So steht es auch in der Anklage. In Kürze wollen Ermittler sich noch einmal mit Spürhunden auf die Suche machen. Aber die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, auch so genügend Indizien zu haben. „Wir brauchen die Leiche nicht.“