Arbeiterproteste in Bangladesch

Nach Einsturz eines Gebäudes wurden 373 Tote geborgen. Polizei nimmt Fabrikbesitzer an der Grenze fest

Dhaka. Nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch berichten die Ermittlungsbehörden über erste Erfolge: Der seit Tagen abgetauchte Besitzer des Gebäudes in der Nähe von Dhaka ist gefasst. Die Behörden des Landes verhafteten Sohel Rana am Sonntag in dem Ort Benapole bei dem Versuch, ins benachbarte Indien auszureisen, wie die Regierung mitteilte. Ihm wird vorgeworfen, beim Bau des Hauses minderwertiges Material verwendet zu haben. Beim Einsturz des achtstöckigen Hauses starben nach bisherigen Erkenntnissen mindestens 373 Menschen. Premierministerin Sheikh Hasina hatte versprochen, die Verantwortlichen für das Unglück zur Rechenschaft zu ziehen. Das hatte die Opposition allerdings bezweifelt, weil Rana ein Lokalpolitiker der regierenden Awami League ist. Mit dem Unglück erlebt Bangladesch die wohl größte Industriekatastrophe seiner Geschichte.

Es werden immer noch 600 Menschen vermisst

An der Unglücksstelle bei Dhaka konnten Rettungskräfte auch fast 100 Stunden nach dem Einsturz des achtstöckigen Gebäudes am Sonntag noch vier Überlebende befreien. Weitere Menschen konnten unter den Überresten des Hauses geortet werden. Die Rettungskräfte fuhren große Kräne und Bagger auf. „Es gibt an diesem Punkt keine andere Alternative mehr, als schweres Gerät zu verwenden“, sagte Einsatzchef Syed Hassan Suhrawardy. Vier Tage und Nächte lang hatten sich die Helfer durch Betondecken und Wände des einst achtstöckigen Gebäudes geschnitten, das auf Sandwichformat zusammenklappte. Nach Augenzeugenberichten war der Leichengeruch im Gebäude für die Helfer mittlerweile unerträglich.

Aber ihr unermüdlicher Einsatz hat sich gelohnt: Fast 2500 Menschen wurden seit Mittwoch lebend aus den Trümmern des Gebäudes befreit. Die Behörden veröffentlichten außerdem eine Liste mit fast 600 Namen von Vermissten. Wie viele noch unter den Trümmern liegen könnten, blieb weiter unklar. Ministerpräsidentin Sheikh Hasina versprach bei einem Besuch im Krankenhaus, die Regierung werde die Kosten für die Behandlung der Verletzten übernehmen.

Mittlerweile wird immer deutlicher, wodurch das Unglück entstanden sein könnte: Der Eigentümer des Hauses, der jetzt festgenommen werden konnte, soll beim Bau minderwertiges Material verwendet haben. Drei Betreiber von Fabriken in den oberen Stockwerken des maroden Gebäudes stellten sich am Sonnabend. Sie sollen laut Polizei die Angestellten trotz Rissen im Gebäude zur Arbeit gezwungen haben. Auch zwei Baukontrolleure der Regierung wurden in Gewahrsam genommen.

In der Bevölkerung wächst unterdessen die Wut auf die Verantwortlichen für das Unglück. Wegen Protesten von Tausenden von Arbeitern blieben am Wochenende rund 4000 Textilfabriken geschlossen. Die Demonstranten forderten die Festnahme aller Verantwortlichen sowie sichere Arbeitsstandards. Sie blockierten Straßen, zerstörten Autos und beschädigten einige Unternehmen in Industrievierteln der Hauptstadt. Die Polizei setzte in und um Dhaka Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Ansammlungen aufzulösen. Mindestens 20 Arbeiter wurden dabei verletzt.

In dem zerstörten Gebäude wurde auch für Kunden in Europa und den USA genäht, darunter Mango aus Spanien und Primark aus Großbritannien. Laut dem Geschäftsführer Wolf-Rüdiger Baumann vom Gesamtverband Textil + Mode arbeiten solche Ketten mit Agenten, die die Aufträge weitergeben. Und zwar an „irgendwelche Zulieferbetriebe, die in der Tat zum Teil unter Bedingungen arbeiten, die einen erschauern lassen“. In dem Haus ließ auch die Firma Ether-Tex nähen, die früher unter anderem für C&A und Kik produzierte. Der IG-BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers sagte, die Arbeitgeber gingen aus Selbstsucht und Profitgier im Wortsinne über Leichen.

Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes

Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Niedriglohnlandes, sie macht 79 Prozent der Exporteinnahmen aus. Die wichtigsten Abnehmer sind Europa und die USA. In Deutschland stehen Kleidungsimporte aus Bangladesch an dritter Stelle hinter China und der Türkei. Kritik an den Sicherheitsstandards in dem südasiatischen Land wird immer wieder laut. So kamen gerade erst im November vergangenen Jahres 112 Arbeiter bei einem Feuer in einer Fabrik bei Dhaka ums Leben. 64 Menschen starben, als im Jahr 2005 eine Fabrik in Savar einstürzte. Mindestens 22 Menschen wurden getötet, als 2006 ein Haus in Dhaka zusammenbrach.