TARGET-Projekt

Experten analysieren Amokläufe im Forschungsprojekt

Was hatte der Schul-Amokläufer von Winnenden möglicherweise mit einem Anders Breivik gemeinsam? Welche Parallelen gibt es? Experten wollen diesen Fragen in einem ehrgeizigen Projekt nachgehen.

Berlin. Ein aufwendiges Forschungsprojekt soll Amokläufe und sogenannte Schoolshootings erstmals detailgenau und im Zusammenhang untersuchen. „Zwar kommen derartige Taten in unseren Schulen insgesamt sehr, sehr selten vor, aber dennoch liegen wir in Deutschland gleich nach den USA auf Platz zwei“, sagte Prof. Herbert Scheithauer (FU Berlin) bei der Vorstellung des TARGET-Projekts am Dienstag in Berlin.

Drei Jahre lang werden Kriminologen, Soziologen und Psychologen die in Deutschland vollendeten, abgewendeten und auch ein Teil der angedrohten Taten untersuchen. Je nach Definition gab es seit 1999 in Deutschland elf bis zwölf tödliche Schul-Amokläufe von jugendlichen Tätern.

Aber allein nach Winnenden 2009 gab es über 3000 Androhungen. Dennoch ist das Fachwissen über Täterprofile, ihren Lebensweg, ihr Umfeld ist immer noch mangelhaft und vereinzelt, kritisieren die Experten. „Die Hintergründe sind oft schlecht erarbeitet. Häufig fehlen Quellen, es gibt kaum Interviews mit überlebenden Tätern und auch Gerichtsakten werden selten erforscht“, fasste TARGET-Koordinator Scheithauer zusammen.

Von verschiedenen Seiten wollen die Experten deshalb herangehen. Die Kriminologin Prof. Britta Bannenberg (Uni Gießen) zieht dabei Vergleiche zu den Amokläufen Erwachsener. Sie sagt: „Wir haben kein funktionierendes Bedrohungsmanagement“. Das habe der Fall Breivik gezeigt, der durch Internet und Medienberichte zudem eine große Nachahmungswirkung auf potentielle – junge – Täter haben könne.

Auch der Psychologe Jens Hoffmann (Darmstadt) sieht enge Bezüge zwischen jugendlichen und erwachsenen Tätern. „Bei den Erwachsenen müssen wir damit rechnen, dass, ähnlich wie in den USA, künftig mehr derartige Taten auch am Arbeitsplatz oder in Gerichten passieren.“

Prof. Andreas Zick (Uni Bielefeld) setzt den Fokus auf das Lebensumfeld der Jugendlichen: „Wie radikalisiert sich Gewalt? Wird der jeweilige Jugendliche durch neue Communities, etwa von rechts, dazu gebracht? Oder ist es Lone-Wolf-Terrorismus?“

Ergänzend dazu werden sich die Kriminologen der Deutschen Polizeihochschule anderen Tötungsdelikten Jugendlicher zuwenden. So soll durch TARGET, das vom Bundesbildungsministerium mit drei Millionen Euro gefördert wird, ein vielfältiges Mosaik detaillierter Informationen entstehen. „Wir erhoffen uns davon weitere konkrete Ansätze für die Prävention“, sagte Scheithauer.

Ergebnisse des bundesweiten Schoolshooting-Präventionsprojekts NETWASS zeigten am Dienstag ein sehr positives Feedback von den über 100 Teilnehmerschulen in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg. An mehr als 80 Prozent dieser Schulen wurden im siebenmonatigen Testzeitraum insgesamt über 240 Vorfälle gemeldet – die meisten erwiesen sich als harmlos. „In gut zehn davon war aber es gut, dass mit den Schülern gearbeitet wurde“, sagte Scheithauer.