Der Fall Marwa El-Sherbini

Angeklagter im Dresdner Mordprozess reagiert aggressiv

Ein Interview seiner Mutter brachte den zunächst ruhig wirkenden Alex W. in Rage und sorgte für eine einstündige Verhandlungspause.

Dresden. Aggressiv und nicht zu beruhigen: Der mutmaßliche Mörder der Ägypterin Marwa El-Sherbini hat schon vor der tödlichen Messerattacke auf die 31-Jährige ungewöhnlich heftig auf die Kopftuch tragende Frau reagiert. Als die Frau ihn im August 2008 auf einem Spielplatz gebeten habe, die Schaukel für ihren Sohn freizumachen, sei er „sofort aggressiv“ geworden, berichtete eine Augenzeugin am Montag im Prozess gegen den 28-Jährigen im Dresdner Landgericht. Ein anderer Augenzeuge sagte aus, Alex W. habe sich weder von ihm noch von seiner eigenen Mutter beruhigen lassen.

Der Russlanddeutsche ist angeklagt, die Ägypterin in einer Verhandlung wegen Beleidigung am 1. Juli im Landgericht Dresden aus Fremdenhass brutal erstochen zu haben. Am fünften Verhandlungstag des Mordprozesses sorgte ein Interview der Mutter des Angeklagten in der „Bild am Sonntag“ für eine einstündige Verzögerung. Der Text habe seinen Mandanten „betroffen gemacht“, sagte Pflichtverteidiger Michael Sturm.

Alex W. habe sich so sehr darüber erregt, dass die Anwälte Zweifel an seiner Verhandlungsfähigkeit äußerten, berichtete die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand. Er empfinde das Interview quasi als Verrat seiner Mutter, da wohl vereinbart gewesen sei, nicht mit den Medien zu sprechen. Eine Ärztin erklärte den Angeklagten dennoch für verhandlungsfähig. Die Kammer gestattete dem 28-Jährigen, nach dem Ende des Verhandlungstages mit seiner Mutter über das Interview zu sprechen. „Vom Inhalt ist es eher beschützend gemeint, wie Mütter das so machen“, versuchte die Richterin Alex W. zu beruhigen.

In der „BamS“ hatte die Architektin öffentlich um Verzeihung gebeten. „Ich leide mit der Familie“, wird sie zitiert. Es tue ihr leid um die getötete Frau, um deren ungeborenes Kind und den Sohn, der alles mit ansehen musste. Ihr eigener Sohn sei verzweifelt. „Er will nicht mehr leben.“ Marwa El-Sherbini habe Alex W. auf dem Spielplatz abgesprochen, Deutscher zu sein. Das habe ihn tief verletzt, sagte sie der Zeitung. „Das traf sein Selbstwertgefühl.“ Sie erzählte, dass die Familie in Russland als Faschisten beschimpft und Alex W. in der Schule wegen seiner Abstammung gehänselt und geschlagen worden sei.

Über den Zwischenfall auf dem Spielplatz hatten Zeugen ausgesagt, dass sich Alex W. selbst von seiner Mutter und einer anderen aus Russland stammenden Frau nicht habe beschwichtigen lassen. Ein Deutscher habe daraufhin die Polizei gerufen, es kam zum Prozess. In der Verhandlung wegen Beleidigung wurde Alex W. zu einer Geldstrafe verurteilt. Da er gegen die Entscheidung in Berufung ging, kam es am 1. Juli zu einer Neuauflage des Verfahrens.

Die Anklage wirft ihm vor, Marwa El-Sherbini mitten in dieser Verhandlung mit mindestens 16 Messerstichen getötet zu haben. Ihr Ehemann wurde lebensgefährlich verletzt, als er seine Frau schützen wollte. Die Tat geschah vor den Augen des dreijährigen Kindes der Familie und löste vor allem in der islamischen Welt Entsetzen aus.

Hatte Alex W. am Vormittag noch den Eindruck hinterlassen, langsam aufzutauen, saß er nach der Verhandlungspause wieder mit Kapuze auf der Anklagebank und legte den Kopf auf seine Arme. Zuvor hatte er ungewohnt oft mit seinen Anwälten gesprochen und Papiere studiert. Mit der Kapuze deckte er nur die zum Publikum gewandte Seite des Gesichts ab.

Da Alex W. in dem Verfahren bisher schweigt, würde die Kammer gern seine Mutter und seine Schwester hören, die bisher aber von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machten, sagte Richterin Wiegand. Alex W. muss sich seit dem 26. Oktober wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der Prozess steht auch international im Fokus der Öffentlichkeit. Mehrere Medien aus dem arabischen Raum berichten von der Verhandlung. Nach bisheriger Planung soll das Urteil am 11. November gesprochen werden. (dpa/abendblatt.de)