Erdbeben in L’Aquila

Italienische Seismologen zu Haftstrafen verurteilt

Drei Jahre nach dem Beben in L’Aquila müssen sieben Erdbebenforscher je sechs Jahre ins Gefängnis: Sie hätten die Bevölkerung nicht gewarnt.

L’Aquila. Drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen L’Aquila hat ein Gericht gegen sieben Wissenschaftler langjährige Haftstrafen verhängt. Ein Richter in der zentralitalienischen Stadt verurteilte die Experten am Montag zu je sechs Jahren Gefängnis. Ihnen wurde vorgeworfen, die Bevölkerung nicht vor dem Beben 2009 gewarnt zu haben, bei dem mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen waren.

Unter den Verurteilten befinden sich einige von Italiens bekanntesten Seismologen und Geologen. Sie sind allesamt Mitglieder der italienischen Kommission zur Vorhersage großer Risiken. Enzo Boschi, der frühere Chef des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie, sagte, er habe mit einem Freispruch gerechnet. „Ich verstehe immer noch nicht, wofür ich verurteilt worden bin. Ich bin deprimiert, verzweifelt“, sagte Boschi. Bernardo De Bernardinis, ein ehemaliger Vertreter des Katastrophenschutzes sagte, er halte sich selbst „vor Gott und den Menschen“ für unschuldig.

In der Anklageschrift wurde den Experten vorgeworfen, „ungenaue, unvollständige und widersprüchliche Informationen“ gegeben zu haben. Im Vorfeld der schweren Bebens hatte es mehrere kleine Erschütterungen gegeben, auf deren Grundlage demnach eine Warnung hätte ausgegeben werden müssen.

Wissenschaftler hatten den Prozess gegen ihre Kollegen als lächerlich kritisiert. Die präzise Vorhersage von Erdbeben sei unmöglich, hatten sie argumentiert. Beobachter rechnen indes nicht mit einem umgehenden Strafvollzug, da Urteile in Italien in der Regel erst nach einem Berufungsprozess wirksam werden.

Ein Erdbeben der Stärke 6,3 hatte am 6. April 2009 L’Aquila erschüttert. Dabei kamen 308 Menschen ums Leben, weite Teile des Stadtzentrums wurden zerstört. Noch heute sind weite Teile der Altstadt unbewohnt.