Turbulentes Weinjahr mit Happy End

Erst Frost, dann Hagel, schließlich doch noch Wärme: Deutsche Winzer erwarten einen großen Jahrgang, vor allem bei Riesling, Silvaner und den Roten

Berlin. Es war ein deutsches Weinjahr mit Höhen und Tiefen - und nun mit einem Happy End. Dank des sonnigen und trockenen Wetters zur Lese konnten viele Winzer einen Jahrgang in die Keller fahren, um den sie in einigen Regionen lange bangen mussten. Spätfrost in der Nacht vom 3. auf den 4. Mai hatte in vielen Weinbergen unter anderem in der Pfalz, in Rheinhessen, Franken und Württemberg die Blüten erfrieren lassen. In Württemberg wurden die Pflanzen auf 30 Prozent der Flächen geschädigt, in Franken waren es sogar 50 Prozent. Die Kälte hatte vor allem Tallagen zugesetzt.

Im August sorgten dann heftige Hagelschauer in manchen Rebzeilen für Totalverluste. Schließlich kam die Wende: Perfektes Lesewetter rettet die Ernte, viele Weingüter rechnen mit einem Spitzenjahrgang 2011.

Die "Elfer" haben eine große Tradition, das wusste schon Goethe

Die Winzer waren zu einem der frühesten Termine seit Beginn der Aufzeichnungen in die Lese gestartet, sagte der Sprecher des Deutschen Weininstituts, Ernst Büscher, in Mainz. Die Erntemenge liege etwa im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. "Der 2011er hat die Chance, zu einem großen Jahrgang zu werden", sagt der Präsident des Verbandes der Deutschen Prädikatsweingüter (VDP), Steffen Christmann, in Neustadt in der Pfalz.

Ob es ein Jahrhundertjahrgang in der Tradition der "Elfer" wird, entscheidet sich nun im Keller. So gilt der 1811er-Jahrgang als legendär und wurde sogar von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) gepriesen. "Viele Winzer haben dieses Jahr ein Wechselbad der Gefühle erlebt", berichtet Christmann. Mit dem idealen Lesewetter sei nun eine Reife erreicht, "die man so dem Jahrgang nicht mehr zugetraut hätte". Büscher: "Besonders der Silvaner ist der Gewinner des Jahres. Er ist perfekt gereift und hat von dem Wetter profitiert. Ähnliches gilt für den Riesling. Hier gibt es viele edelsüße Spezialitäten." Bei den Rotweinen hätten alle Rebsorten durch die lange Reifezeit eine tiefdunkle Farbe bekommen und seien besonders samtig. "Ich freue mich auf den Jahrgang", sagt Büscher.

Mit rund 140 Millionen Liter Wein rechnen die badischen Weinbaubetriebe nach Angaben Kilian Schneiders vom Weinbauverband seines Bundeslandes. "Das liegt mit rund 9000 Litern pro Hektar Anbaufläche im guten Normalbereich." Der Verband erwartet für die genossenschaftlich organisierten Betriebe Badens 100 Millionen Liter. Deutlich mehr als in den beiden Vorjahren, als nur 79 Millionen beziehungsweise 86 Millionen Liter in die Keller kamen. Württembergs Winzergenossenschaften kämen in diesem Jahr auf nur 59 Millionen Liter. Dort hatte bereits das Vorjahr nur 58 Millionen Liter gebracht, die geringste Menge seit 1985. In beiden Bundesländern hat die Wärme den Zuckergehalt der Trauben noch einmal kräftig in die Höhe getrieben, was teilweise für überdurchschnittliche Öchslewerte im Spätlesebereich sorgte. Öchsle ist eine Maßeinheit für das Mostgewicht, beschreibt den Anteil der gelösten Stoffe (vor allem des Zuckers) im Traubensaft. Sie gilt als wichtiges Qualitätskriterium.

In Baden wird auf 15 906 Hektar Wein angebaut. Damit hat die Region einen deutschlandweiten Marktanteil von zwölf Prozent. Württembergs Weinbauern kultivieren 11 511 Hektar und bedienen elf Prozent des deutschen Marktes. Bundesweit erwartet das Deutsche Weininstitut (DWI) in Mainz in diesem Jahr "einen tollen Jahrgang". Die Gesamtlese in den 13 Anbaugebieten habe 9,1 Millionen Hektoliter Most eingebracht, die Qualität der Trauben sei "sehr gut", sagte die DWI-Geschäftsführerin Monika Reule. Die Preise würden in Zukunft stabil bleiben.

Dem Präsidenten des Deutschen Weinbauverbands, Norbert Weber, zufolge, schmecken die jungen Weißweine bereits jetzt ausgesprochen fruchtig, harmonisch, gut ausbalanciert und voller Aroma. Die Rotweine würden dicht und farbintensiv und geschmacksstark. Viele Winzer warteten nun noch gespannt auf die Eisweinlese.

Am Donnerstagabend wurden in Berlin schon mal die besten Weinerzeuger Deutschlands gekürt. Zwei pfälzische Betriebe führen die Rangliste des Jahres an. Das Weingut August Ziegler aus Maikammer und die Bad Dürkheimer Genossenschaft Vier Jahreszeiten Winzer haben unter den Top 100 die Nase vorn, wie die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Frankfurt mitteilte. Die Position der Weingüter auf der Rangliste errechnet sich aus den Platzierungen der vergangenen Jahre und ihrem Abschneiden in der aktuellen Bundesweinprämierung. Diese gewannen die Brüder Günter, Jürgen und Holger Willy von der Privatkellerei Rolf Willy aus Nordheim (Württemberg). Sie dürfen sich "Winzer des Jahres 2011" nennen. Die Württemberger hatten sich unter 350 Winzerbetrieben mit 4700 Weinen und Sekten aus allen 13 deutschen Anbaugebieten durchgesetzt. Platz zwei belegt die Durbacher Winzergenossenschaft (Baden).

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