Deutschland sucht den Superstar

„DSDS wird um Dieter Bohlen herumgebaut"

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Abschied von Schmusesänger Sebastian Wurth, neue Töne von Marco Schreyl und der ewige Bohlen. Ein Medienexperte über die Trends bei DSDS.

Hamburg. Für die einen ist es eine Kult-Veranstaltung, für die anderen eine peinliche Show, die neuerdings durch die Sprüche des Moderators Marco Schreyl und vor allem wegen der Unflätigkeit von Dieter Bohlen kritikwürdig ist: Die RTL-Talentshow „Deutschland sucht den Superstar“ spaltet Publikum und Kritiker. Das Hamburger Abendblatt sprach über DSDS mit dem Medienwissenschaftler Stephan Weichert, 37, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule in Hamburg.

Hamburger Abendblatt: Die künstlerischen Leistungen der DSDS-Teilnehmer scheinen sich nach dem Eindruck vieler Zuschauer immer weiter nach unten zu bewegen. Ist das von den Machern gewollt, oder gibt es keine besseren Sänger, die sich durch die Vorauswahl quälen?

Prof. Stephan Weichert: Auch Erfolgsformate wie DSDS laufen sich irgendwann tot. Man muss sich nur einmal vorstellen: DSDS gibt es inzwischen seit fast neun Jahren, in Großbritannien, wo das Format herkommt, schon seit über zehn. Ich glaube, dass sich die Zuschauer an derlei Casting-Shows schon jetzt sattgesehen haben, sie warten auf neue Ideen. Dass die Macher die Qualtätsschraube der Teilnehmer absichtlich nach unten drehen, um für mehr „Totalausfälle“" zu sorgen, halte ich für eine Mutmaßung. Allerdings gibt es vermutlich auch immer weniger Anwärter, die sich der Tortur und den Folgen eines solchen Castings überhaupt stellen wollen. Die Zuschauer sind nicht dumm, sie verfolgen die Schicksale der Verlierer und wissen, worauf sie sich einlassen.

Hamburger Abendblatt: Was fasziniert junge, was möglicherweise alte Zuschauer an DSDS?

Weichert: Mit Sicherheit gibt es bei solchen Gesangstalentwettbewerben einen Fremdschäm-Effekt, der immer noch etliche Zuschauer vor die Schirme lockt, die sich an den Peinlichkeiten der Vorsänger, aber auch an den häufig selbstgerechten Kommentaren oder Beleidigungen der Jury ergötzen – so ein Voyeurismus-Gen haben wir alle, da fällt das Wegsehen schwer. Das Publikum ist auch weiterhin fasziniert von dem Traum, dass normale Menschen mit Talent über Nacht zum Star werden können. Bei einigen Siegern wie Mark Medlock hat das ja auch ganz gut funktioniert. Letztlich verkauft die Sendung auch den Zuschauern das Versprechen, irgendwann berühmt sein zu können - und sei es für die Warhol’schen 15 Minuten bei RTL.

Hamburger Abendblatt: Die Zuschauerzahlen sind mit sechs Millionen noch gut, aber tendenziell sinken sie. Hat sich DSDS schon überlebt?

Weichert: Es ist schon erstaunlich, über welchen langen Zeitraum sich die Quoten von DSDS steigern konnten und dann auch stabil blieben. Auch die Show vom Sonnabend konnte wieder einmal bei den 14- bis 49-Jährigen mit über 30 Prozent Marktanteil punkten, das schaffen heutzutage nur noch ganz wenige Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, „Wetten, dass...?“ oder der „Tatort“. Die sechs Millionen Zuschauer können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass in letzter Zeit immer Weniger eingeschaltet haben. Der Trend wird anhalten.

Hamburger Abendblatt: Mit dem 16 Jahre alten Sebastian Wurth wurde eine Art Softie als Charakter aus der Sendung herausgewählt. Ist DSDS damit wieder dort angekommen, wo man offenbar die Endrundenteilnehmer haben will, kantige, derbe Typen und keine Schmuseinterpreten?

Weichert: Ich gehöre zwar altersmäßig längst nicht mehr zur Zielgruppe dieser Art von Musik, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass auch durch den weltweiten Hype um den 17-jährigen Justin Bieber inzwischen schon wieder nach neuen Gesichtern gesucht wird. Die Musikszene ist ebensowenig ein Streichelzoo, wie es heute bei Casting-Shows um reines Talent geht. Man muss immer auch einen bestimmten Typen verkörpern, um sich von der Musikindustrie erfolgreich vermarkten zu lassen. Das gilt für Lena genauso wie für Lady Gaga.

Hamburger Abendblatt: Sind die beiden Juroren neben dem eigentlichen Protagonisten der Sendung nur Statisten für Dieter Bohlen?

Weichert: Mein Eindruck ist, dass die komplette Sendung schon länger um Dieter Bohlen herumgebaut wird. Dass die Sender ihre Quoten-Zugpferde immer häufiger dramaturgisch und strategisch in den Mittelpunkt stellen, ist verständlich und schon länger ein Trend, der sich auch an Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ oder Stefan Raabs TV-Event-Maschinerie zeigt. Dort sind Leute wie Elton oder die Juroren Thomas Hayo und Thomas Rath allenfalls noch Sidekicks, die spätestens nach zwei Staffeln entsorgt werden. So erging es Manuel Andrack und Bruce Darnell, so wird es irgendwann auch dem DSDS-Duo Brandao/Nuo ergehen.

Hamburger Abendblatt: Lässt sich an der Inszenierung oder am Konzept von DSDS etwas ändern oder verbessern, damit es zukunftsfähig wäre?

Weichert. Es liegt nahe zu empfehlen, auch Dieter Bohlen irgendwann zu entsorgen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man eingestehen, dass DSDS nicht ohne ihn funktioniert, zumindest nicht auf diesem Niveau – ich meine das im Guten wie im Schlechten. Nach diesem Jahrzehnt mit Trash-Formaten wie „Big Brother“, „Frauentausch“ und „Dschungelcamp“ wäre es allerdings endlich mal an der Zeit, eine große Samstagabend-Show für junge Menschen zu entwickeln, die sowohl intellektuell als auch emotional in die Fußstapfen von „Wetten, dass...?“ tritt. Ich maße mir an zu behaupten, dass so schwer nicht sein kann und dass die Leute nur darauf warten.