Deutscher Mythos Wald

Die letzten naturbelassenen Buchenwälder sollen unter den Schutz der Unesco gestellt werden

Hamburg. Wahrscheinlich hat keine andere Nation zum Wald ein so sprichwörtlich enges Verhältnis wie die Deutschen. Das beginnt beim Sagen- und Märchenschatz, schreibt sich in der Literaturgeschichte vor allem über die Brüder Grimm fort und endet spätestens in den pseudoromantischen Vergnügungs- und Freizeitparks mit mechanischen Märchenfiguren aus Plastik und Pappmaschee.

Seine wahre Kraft hatte der Mythos Wald allerdings erst im 19. Jahrhundert entfaltet, als die Legende von der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre neun nach Christus zum Fundament der Nation erklärt wurde. Hermann der Cherusker und sein tapferes Waldvolk wurden Geschichte, obwohl im Teutoburger Wald weder gekämpft noch aus den damaligen Germanen die spätere deutsche Bevölkerung wurde. Dennoch hält sich der Urglaube an unsere Herkunft aus den undurchdringlichen Wäldern bis heute. Auch Märchen wie Rotkäppchen oder Schneewittchen erzählen immer noch von wilden Tieren, dabei war der Wald bereits im Zeitalter der fortschreitenden Industrialisierung längst zum natürlichen Schutzraum gegen die nüchterne, von Geld und Maschinen beherrschte Welt avanciert. Als Weihnachtsbaum zog der romantisch verklärte Wald in die Wohnzimmer ein und mit ihm das Wunschbild einer harmonischen, bürgerlichen Familie.

In den herzigen Heimatfilmen der 1950er-Jahre spielte der Wald eine tragende Rolle in der Filmindustrie: "Der Förster vom Silberwald", "Die Försterchristel", "Die Köhlerliesel" und noch einige andere Vorläufer grün beseelter Baumschützer pirschten und hüpften voller liebenswerter Naivität und Lebensferne durchs Unterholz. Und heute ist es die Wanderlust der Deutschen, die wieder auf dem Vormarsch ist. Mit ihr steigt naturgemäß das Interesse an einem naturbelassenen Wald.

In der Rangfolge der deutschesten Bäume blättert derzeit die Buche mit der Linde um den zweiten Platz hinter der (noch) unangefochtenen Nummer eins, der Eiche. Ein US-Amerikaner könnte nun - im Auftrag der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) - dafür sorgen, dass die Rangfolge jetzt ein für alle Mal festgeschrieben wird: Vier Wochen lang war der IUCN-Gutachter David Mihalic in fünf ganz besonderen Waldgebieten mit einer Gesamtfläche von fast 4400 Hektar unterwegs gewesen, Buchen suchen. Dabei handelte es sich um die noch relativ wilden Kernzonen von Tiefland- und Mittelgebirgsbuchenwäldern in den Nationalparks Jasmund, Müritz, Hainich und Kellerwald-Edersee sowie um ein Totalreservat bei Schorfheide-Chorin im Norden Berlins. Die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen und Hessen haben bei der Unesco den Antrag gestellt, die Areale in die Weltnaturerbe-Liste aufzunehmen.

"Ich werde bis zum Herbst einem Expertengremium eine Empfehlung vorlegen", sagte Mihalic, der nach seinem vierwöchigen Waldspaziergang durchaus beeindruckt schien: Denn diese letzten mitteleuropäischen Rotbuchenwälder, die auf unterschiedlichen Standorten gedeihen, verfügen noch über mehr als 200 Jahre alte Buchen. Und weltweit einmalig sei, dass sich dort nur eine einzige Baumart durchgesetzt habe und große Flächen dominiere. Ohne den Eingriff des Menschen könnten sich diese Areale wieder zu echten naturbelassenen Wäldern zurückentwickeln. Ausschlaggebend für die Bewertung seien der Zustand und die Ausdehnung der Schutzgebiete und ihrer Pufferzonen, das Verwaltungsmanagement, konkrete Gefahren und die Unterstützung der Nominierung durch die ansässige Bevölkerung. Der IUCN-Experte hatte in der Vergangenheit bereits ein Gutachten über die noch älteren Karpaten-Buchenwälder der Ukraine und Slowakei erstellt, die bereits vor drei Jahren zum Weltnaturerbe erklärt worden waren. Die Entscheidung über die Anerkennung als Weltnaturerbe fällt voraussichtlich im Frühsommer 2011 auf einer Sitzung des Unesco-Welterbe-Komitees in Bahrain. Der "Buchenwald-Verbund" wäre die dritte deutsche Weltnaturerbestätte nach der Grube Messel und dem Wattenmeer.