Prozess um Nadja Benaissa

No-Angels-Sängerin Nadja bereut: Ich war feige

Der Popstar infizierte einen Freund mit HIV: "Es tut mir von Herzen Leid." Im Prozess heute kann Benaissa auf eine Bewährungsstrafe hoffen.

Darmstadt. Die schwarzen Augen blicken ernst. Die Angeklagte gibt sich reuig, den Kopf leicht gesenkt. Im Prozess gegen die No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa, 28, wegen der Ansteckung eines Mannes mit HIV, haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung eine Bewährungsstrafe gefordert. Zuvor hatte sich die Mutter einer Tochter im "letzten Wort" entschuldigt: "Es tut mir von Herzen leid." Sie habe während des Prozesses gesehen, wie ihr Ex-Freund leide. "Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen", fügte die Angeklagte hinzu. Sie habe ihre Infektion verschwiegen, weil sie Angst vor den Konsequenzen gehabt habe. Das sei feige gewesen, meinte die Sängerin. "Fakt ist: Ich habe einen großen Fehler gemacht."

Staatsanwalt Peter Liesenfeld plädierte danach vor dem Jugendschöffengericht Darmstadt auf zwei Jahre Haft zur Bewährung. Das Geständnis zu Prozessbeginn und die Reue waren für ihn "wesentliche Gesichtspunkte", die entlastend seien. Die Angeklagte habe einen Mann angesteckt und ungeschützten Sex mit einem anderen Freund gehabt, obwohl sie seit 1999 von ihrer HIV-Infektion wusste. Benaissa sei aber nicht vorbestraft und habe wegen ihrer Infektion eine geringere Lebenserwartung. Schließlich hätten auch die Männer beim Sex mit der Sängerin an ein Kondom denken können.

Der Staatsanwalt sieht die Anklagevorwürfe der gefährlichen und versuchten gefährlichen Körperverletzung trotzdem als bewiesen an. Da Benaissa zum Tatzeitpunkt 22 Jahre alt war, soll sie nach seiner Meinung nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Das Urteil wird heute um 13 Uhr vom Amtsgericht Darmstadt verkündet.

Der Anwalt des HIV-infizierten 34 Jahre alten Künstlerbetreuers, der als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, stellte zwar keinen konkreten Strafantrag. Er betonte aber, dass die Aussage der Angeklagten nicht als strafmilderndes Geständnis zu werten sei. Zuvor hatte der Gutachter Josef Eberle von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erklärt, dass die Sängerin mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" für die HIV-Infektion ihres Ex-Freundes verantwortlich sei. Beide hätten einen sehr seltenen Virustyp, der erstmals in Westafrika nachgewiesen worden sei. Auch der Subtyp des Aids-Erregers stimme bei der Angeklagten und dem Nebenkläger überein. Dieser hatte 2007 von seiner Infektion erfahren, Benaissa 2008 angezeigt und das Verfahren ins Rollen gebracht.

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Benaissas Verteidiger Oliver Ballasch nannte kein konkretes Strafmaß, sprach sich aber ebenfalls für eine Bewährungsstrafe aus. Benaissa habe durch die Umstände ihrer öffentlichen Festnahme und die zehntägige Untersuchungshaft im vergangenen Jahr schon genug gelitten.

Aids-Hilfe-Organisationen haben unterdessen einen Freispruch für die No-Angels-Sängerin gefordert. "Auch die Strafjustiz muss der Eigenverantwortung des Einzelnen für seine Gesundheit Rechnung tragen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Aids-Hilfe-Initiativen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die HIV-Prävention dürfe nicht nur einseitig den infizierten Menschen aufgebürdet werden. Zahlreiche Selbsthilfegruppen aus den drei Ländern wollen heute in Bielefeld zu einer fünftägigen Konferenz zusammenkommen.

Für die Schweizer Organisation LHIVE erklärte Präsidentin Michèle Meyer: "Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, dass Menschen mit HIV/Aids ihre Infektion offenbaren müssen." Trotzdem würden die Gesetze so angewandt, dass bestraft werde, wer seine HIV-Infektion bei sexuellen Kontakten verschweige, kritisierte sie. Nicht der eigene falsche Umgang mit der Infektion, sondern der falsche Umgang mit den Infizierten sei der Grund für das Schweigen im entscheidenden Moment. "Nadja Benaissa wurde medienwirksam inhaftiert, fremdgeoutet und vorverurteilt." Für die Deutsche Aids-Hilfe sagte Sprecher Jörg Litwinschuh: "Die Verantwortung gilt selbstverständlich auch für den HIV-Positiven, aber nicht ausschließlich. Beide Partner sollten sich um Safer Sex bemühen."

Benaissa war vor zehn Jahren mit den in einer TV-Show gecasteten No Angels berühmt geworden. Die Popband feierte große Erfolge, trennte sich 2003 und verkündete Anfang 2007 ihr Comeback.