Fünfjähriger Julian im Drogenrausch getötet

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André Jahnke

Lebensgefährte der Mutter gesteht die Tat. Familie war beim Jugendamt bekannt

Delligsen. Gedemütigt, geschlagen, misshandelt: Stunden dauerte das Martyrium des fünfjährigen Julian aus Delligsen (Niedersachsen) bis er an inneren Blutungen starb. Der Lebensgefährte der Mutter hat vor dem Haftrichter zugegeben, das Kind gequält und umgebracht zu haben. Während der Tat in der Nacht zum Dienstag habe er unter Drogen gestanden, sagte der 26-Jährige. Die Obduktion habe ergeben, dass das Kind zahlreiche Verletzungen erlitt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim, Bernd Seemann. Ein nachvollziehbares Motiv für das Verbrechen habe der arbeitslose Stiefvater nicht nennen können. Er habe lediglich erklärt, der Junge habe ihn provoziert und zur Weißglut getrieben. Er konsumiere schon länger Amphetamine (synthetische Droge), sagte der Stiefvater aus. Als Gewalttäter sei der Mann zuvor allerdings nicht aufgefallen, sagte Polizeisprecher Dirk Barnert.

Die Mutter war mit dem jüngeren Sohn im Krankenhaus, als die Tat geschah

Die Mutter war am Sonntag mit Julians drei Jahre altem Bruder ins Krankenhaus gefahren. Bei ihrer Rückkehr am Dienstag war der Fünfjährige nicht da. Ihr Freund sagte ihr, er habe ihn seit dem Nachmittag nicht mehr gesehen. Da war der Junge aber schon seit mehreren Stunden tot. Zwischen Abfallsäcken und Müll wurde die mit Wunden übersäte Leiche des Kleinen am Mittwochmorgen in einer benachbarten Garage gefunden.

In Delligsen ist der 26-Jährige, der inzwischen wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt, als leicht erregbar bekannt. Eine ehemalige Nachbarin erzählt, er sei aufbrausend und rabiat gewesen. "Wenn ich ihn auf seinen Müll an unserem Haus angesprochen habe, ist er immer gleich an die Decke gegangen und frech geworden", sagt Christa Voß. Schließlich habe er seine Wohnung räumen müssen. "Wir waren froh, als er endlich raus war", meint die 67-Jährige. Beim Jugendamt Holzminden sind Mutter und Kinder seit April bekannt. Nach der Trennung vom Vater der Kinder hatte ein Mitarbeiter Kontakt zu der alleinerziehenden Frau aufgenommen. Anlass zum Handeln gab es nicht. Auch bei einem Beratungsgespräch Ende Juni mit dem neuen Lebensgefährten wurden "keine Umstände, die auf eine Gefährdung der Kinder hindeuten, bekannt", heißt es in einer Mitteilung des Jugendamtes.

Am Tag nach dem schrecklichen Fund lastet eine seltsame Stille auf dem Ort. Die Menschen gehen ruhig an dem Wohnhaus der jungen Familie vorbei. Viele legen Blumen, Kerzen und Stofftiere an einen Baum und an die Garagentore, hinter denen Julians Leiche entdeckt wurde. Zwei Mütter verweilen einen Moment in einem stillen Gebet. "Mein Junge wollte unbedingt, dass ich seinen Stoffdinosaurier hier hinlege. Für Julian", sagt Ulrike Hoffmann, die die Mutter kennt. "Sie ist eine sehr nette Frau, hat auf der Straße immer gegrüßt." Ihre Begleiterin ist ebenfalls den Tränen nahe, gleichzeitig ist sie aber auch erleichtert darüber, dass der Täter so schnell gefasst wurde. "Ich habe eine solche innere Wut auf den Mann, der so etwas Schreckliches getan hat", sagt Ulrike Suijler. Ihr eigenes Kind hätte sie in den vergangenen Stunden am liebsten zu Hause eingesperrt - aus Angst vor einem unbekannten Täter.

"Er war ein ganz lieber Junge, zurückhaltend und etwas schüchtern"

Nur wenige Meter vom Wohnort der jungen Familie entfernt steht ein Kiosk, an dem Julian und seine Mutter manchmal Süßigkeiten oder eine Kinderzeitung kauften. "Er war ein ganz lieber Junge, zurückhaltend und etwas schüchtern, aber halt lieb", sagt die Besitzerin Gudrun Tute. Sie ist über Gerüchte in dem Ort verärgert. "Plötzlich glaubt jeder, die Familie zu kennen, und erzählt hinter vorgehaltener Hand etwas über Drogen und Überforderung." Der leibliche Vater des getöteten Kindes wird seelsorgerisch betreut. "Er ist fassungslos und will mit seiner Trauer alleine sein", sagt Pfarrer Bernhard Knoblauch. Noch am Mittwochabend war ein Trauerzug mit rund 100 Menschen in die Dorfkirche gezogen.