Land unter in Sachsen

Heftige Überschwemmungen verwüsten die grenznahe Region zu Polen. Drei Menschen sterben

Zittau/Görlitz. Reißende Fluten, drei Tote und dramatische Rettungsaktionen: Teile Sachsens haben am Wochenende die schlimmste Naturkatastrophe seit der Jahrhundertflut im August 2002 erlebt. In letzter Minute wurden verzweifelte Menschen gerettet, die sich an Bäume und Brückenpfeiler geklammert hatten oder auf den Dächern ihrer Häuser ausharrten. Der Pegelstand der Neiße schoss in Görlitz binnen drei Stunden um vier Meter in die Höhe, nachdem in Polen eine Staumauer gebrochen war. Von Westen her rückte Tief "Wilhelmina" bereits mit weiterem Regen an. "Die Regenzeit ist noch nicht vorbei", so der Meteorologe Hans-Jürgen Langner zu den Aussichten für die kommenden Tage.

Heftiger Dauerregen hatte innerhalb kürzester Zeit Flüsse und Bäche zu reißenden Fluten anschwellen lassen. Sie hinterließen erhebliche Zerstörungen, das Ausmaß der Schäden ist noch unbekannt. "Das schlimmste Szenario wurde übertroffen", sagte Sachsens Umweltminister Frank Kupfer zum Ausmaß des Hochwassers.

Im Erzgebirgsort Neukirchen ertranken drei Menschen, 72, 74 und 63 Jahre alt, bei dem Versuch, Waschmaschinen aus dem Keller ihres Mehrfamilienhauses zu retten. 15 000 Haushalte im Erzgebirge, im nahen Chemnitz und in Görlitz waren ohne Strom, da überflutete Umspannwerke und Trafostationen in unter Wasser stehenden Kellern abgeschaltet werden mussten. Retter bargen in Ostritz vom Hubschrauber aus einen völlig erschöpften Mann, der sich verzweifelt an einen Brückenpfeiler geklammert hatte.

An der Neiße wurde die Trinkwasserversorgung abgestellt, die Menschen sollten über Notbrunnen und Wasserwagen versorgt werden. In mehreren Regionen wurde Katastrophenalarm ausgerufen. Es gab massive Behinderungen im Straßen- und Bahnverkehr. Große Flächen entlang der Neiße standen unter Wasser, darunter das Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal in Ostritz. In Bad Muskau war schon vor Eintreffen der Neiße-Flutwelle "Land unter". Das Unesco-Welterbe Fürst-Pückler-Park und die Altstadt werden wohl überflutet. Die besonders tief liegenden Häuser wurden geräumt, etwa 40 Menschen in Sicherheit gebracht. Die Helfer mussten aufgeben, der mit Sandsäcken verstärkte Damm wurde überspült. "Das Wasser steigt schneller, als sie stapeln können."

Rasend schnell war das Wasser auch ins rund 40 Kilometer von Görlitz entfernte Zittau geflutet, ein Wohnviertel musste evakuiert werden. "Hier herrscht absolutes Chaos, das übertrifft alles bisher Dagewesene", sagte ein Polizeisprecher. Mehrere Menschen wurden verletzt oder vom Wasser eingeschlossen. Helfer waren in Schlauchbooten unterwegs. Entlang der Neiße und der Mandau wurden insgesamt fast 1500 Menschen in Sicherheit gebracht, 1700 Helfer waren im Einsatz.

Gestern floss das Wasser langsam wieder ab, in Görlitz konnten zahlreiche Menschen in ihre Häuser zurückkehren. Auch aus anderen Ortschaften wurden sinkende Pegelstände gemeldet. In Chemnitz und dem Erzgebirge begannen ebenso wie in der Sächsischen Schweiz Aufräumarbeiten. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich lobt das Krisenmanagement: "Es läuft geordnet und ruhig, ohne Hektik."