Zeitumstellung

Der Stundenklau zur Sommerzeit

Bonn. Im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen hat man vor der Sommerzeit keine Angst: Wenn den Bundesbürgern in der Nacht zum Sonntag eine Stunde gestohlen wird, muss der Uhrmacher des einzigen staatlichen Uhrenmuseums der Bundesrepublik nur rund 80 der ausgestellten 1.200 und der weiteren 8.000 Uhren im Fundus auf die neue Zeit umstellen.

„Viele unserer Stücke sind zu kostbar, als dass sie dauernd ticken dürften“, erläutert die Pressesprecherin des 1852 gegründeten Museums, Eva Renz. Und außerdem: „Bei uns kommt’s nicht genau auf eine Stunde an“, sagt sie lachend und verweist auf die weitgesteckte Sammlung des Museums, das die Zeitrechnung von Stonehenge bis zur Atomuhr darstelle. „Zeit ist ja sowieso etwas von Menschen Gemachtes und Verabredetes, das jederzeit veränderbar ist.“

Millionen von Armband-, Bahnhofs- und Kirchturmuhren allerdings müssen sich umstellen – und die Menschen dazu. Dabei ist es noch gar nicht so lange, dass mechanische Uhren den Lebensrhythmus bestimmen und Tag und Nacht, Arbeitszeit und Freizeit definieren. Eine einheitliche Uhrzeit gibt es in Deutschland und Europa erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Mechanische Uhren verbreiteten sich seit 1350 von Italien aus auf dem gesamten Kontinent. Die Arbeiter und Handwerker des Mittelalters dagegen richteten sich bei ihrer Zeiteinteilung nach Sonnenstand, Klima, Wachstumsperioden der Natur oder der anfallenden Arbeit: Sie verrichteten ihr „Tagwerk“ oder bestellten ihren „Morgen“ Land. Auch für das tägliche Leben im Dorf hatten die Uhren nach Angaben des Uhrenmuseums noch bis weit in die Neuzeit nur wenig Bedeutung. Lediglich in Klöstern und an Adelshöfen wurden seit dem Mittelalter Sonnen- und Wasseruhren verwendet; sie regelten vor allem die Gebetszeiten.

Erfinder einer neuen „Zeitkultur“ wurde, so beschreibt es der Bielefelder Historiker Gerhard Dohrn-van-Rossum in seinem Buch „Geschichte der Stunde“, das städtische Bürgertum des Mittelalters: Die Kaufleute brauchten konkrete Zeitangaben für ihr überregionales Handelsnetz, die Handwerker berechneten die Dauer ihrer Arbeit, und die Geldverleiher entdeckten, dass Zeit Geld kostet. Bei der Kirche war der neue Umgang mit der Zeit nicht unumstritten: Jahre und Tage waren schließlich Gottesgabe, und die durfte nicht mit Geld berechnet werden. Ganz so groß dürfte der Widerstand jedoch nicht gewesen sein: Immerhin stellte sie ihre Glockentürme, mit deren Hilfe sie schon lange zu Gebet und Gottesdiensten gerufen hatte, auch für die Einführung des neuen Zeitsystems zur Verfügung.

Die Ausgestaltung der Uhren-Zifferblätter wurde – gerade im Vergleich zu städtischen oder universitären Glockentürmen – zur Prestigefrage. Die Uhr hing gut sichtbar am Turm, schlug weithin hörbar die Stunde und vereinheitlichte den Tagesrhythmus. Eine funktionierende Uhr wurde zum Symbol geordneten Lebens, Pünktlichkeit zur Tugend – besonders, seit Fabrikarbeit die Heimarbeit ersetzte und Eisenbahnen zu festgesetzten Zeitpunkten die Städte durchquerten.

Die Festlegung der Zeit bedeutete Macht: Kein Wunder, dass die Verfügungsgewalt über Glocken und Uhren zwischen Kirche und Stadt, zwischen Tagelöhnern und Gutsherren umstritten war. Waren es zunächst die Kirchenglocken, die auch politische Ereignisse wie einen Gerichtstag oder die Schließung der Stadttore ankündigten, so legten viele Stadträte oder Universitäten später Wert auf ein eigenes, von der Kirche unabhängiges Zeit- und Signalsystem. Andererseits aber war Zusammenarbeit nicht unüblich: Die Münstertürme von Straßburg und Freiburg sind die bekanntesten Beispiele dafür, dass Kirchtürme bis ins 19. Jahrhundert von der politischen Gemeinde unterhalten wurden. In manchen Städten und Gemeinden gibt es diese Regelung immer noch.