Wie ansteckend ist die Regel?

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Sabine Kurz

Forscher versuchen zu erklären, warum Frauen, die zusammenwohnen, zur gleichen Zeit die Menstruation haben

Chicago. Die Menstruation, die weibliche Monatsblutung, ist so alt wie die Menschheit, und doch gibt es noch Dinge, die weitgehend unerforscht sind. Die US-Wissenschaftlerin Martha McClintock aus Chicago beschäftigt sich mit der Frage, ob Frauen ihre Periode synchronisieren können. Vor mehr als 40 Jahren machte sie als Studentin eine Beobachtung, die zu ihrer persönlichen Leidenschaft werden sollte. Sie bemerkte, dass sich die Monatszyklen ihrer Mitbewohnerinnen im Wohnheim einander anglichen. 1971 veröffentlichte sie dann als Abschlussarbeit die Studie, die sie bekannt machen sollte. Der Ausdruck "menstruelle Synchronisation" war geboren. Jetzt haben Wissenschaftler womöglich eine Erklärung für das Phänomen.

Die Thesen von Martha McClintock sind seit Jahrzehnten umstritten

In späteren Studien gab es vielfach Kritik an den Thesen von Martha McClintock. Die einen schienen ihre Ergebnisse zu belegen, andere fanden Beweise für das Gegenteil. Kritiker sagten, es sei nur natürlich, dass sich die Menstruation von Frauen überlappt, vor allem wenn die eine sie drei Tage hat und die andere sechs. "Wir haben in den letzten vier Jahrzehnten so viele Fortschritte gemacht, aber die Leute scheinen das nicht sehen zu wollen", beklagt Marta McClintock. "Viele Studien wurden von Anthropologen und Soziologen durchgeführt - und die wollen sich keine Ratten und Lemuren anschauen."

Der israelische Sozialforscher Leonard Weller, der sich ebenfalls seit Jahren mit dem Phänomen befasst, hat nun eine neue Theorie entwickelt. "Vielleicht muss man das Ganze von hinten aufrollen, um das Rätsel zu lösen", sagt Weller. Denn wenn die menstruelle Synchronisation wirklich existiert, dann wird sie wohl nur mithilfe von Pheromonen ablaufen können.

Pheromone sind chemische Botenstoffe, ähnlich den Hormonen, die das Verhalten oder die Physiologie eines Artgenossen beeinflussen können. Im Gegensatz zu Hormonen bewegen sie sich nicht mithilfe des Blutkreislaufs fort, sondern werden über die Luft übertragen - sie sind sozusagen "soziale" Hormone.

In der Tierwelt findet man sie in den unterschiedlichsten Formen; die Weibchen einer Mottenart benutzen Pheromone, um Männchen anzulocken, während Ameisen ihre Routen damit markieren. Auch die Angleichung des Eisprungs lässt sich bei Tieren beobachten. Vögel etwa, die in Kolonien leben, legen etwa zur gleichen Zeit ihre Eier. So kann sichergestellt werden, dass Beutegreifer nicht ständig Nachschub an Jungvögeln bekommen und die besten Brutzeiten genutzt werden.

Seit 1959 ist die Existenz von Pheromonen in der Tierwelt bewiesen, warum also sollten sie im Menschen keine Rolle spielen?, fragte Weller. Auch McClintock beschäftigt sich mittlerweile mit der Angleichung des Eisprungs (Ovulation). "Die Synchronisation betrifft nicht - wie wir anfangs dachten - die Menstruation, sondern die Ovulation." Denn wenn der Zeitpunkt des Eisprungs synchronisiert ist, gilt das mehr oder weniger auch für die Menstruation. Auch hier gibt es Tierbeispiele: "Mäuse ovulieren gemeinsam, aber sie bekommen nicht ihre Tage", sagt die Expertin. Daher sei es wohl so, dass bei Frauen der Eisprung und nur deshalb die Monatsblutung parallel läuft.

Martha McClintock gibt ein Beispiel: Eine Frau war in den Wechseljahren; sie hatte ihre Periode nur noch in unregelmäßigen Abständen. Ihre 17-jährige Tochter begann, die Pille zu nehmen, hatte also keinen Eisprung mehr. Fast sofort hatte auch die Mutter, die in den Wechseljahren war, keine Periode mehr, also auch keinen Eisprung. Auch hier war die Synchronisation die der Ovulation und nicht der Menstruation. Zwar ist dies nur ein Einzelbeispiel, jedoch wurde das Phänomen im Labor bei Ratten beobachtet.

Pheromone könnten das neue Verhütungsmittel werden

In einer weiteren Studie zeigt McClintock, dass Pheromone im Achselschweiß von Frauen kurz vor dem Eisprung die Dauer der Regelblutung bei Frauen verkürzen können. "Wenn wir die chemische Zusammensetzung dieser Pheromone identifizieren könnten, hätten wir ein Verhütungsmittel, das sich eines natürlich entwickelten Reaktionsweges bedient und weniger ungewollte Nebeneffekte hat", prophezeit McClintock. Vor 40 Jahren stellte sie als Studentin eine Theorie auf, heute ist sie fasziniert von der Bandbreite der pheromonalen Kommunikation, die das Phänomen "Synchronie des Eisprungs" impliziert: "Synchronisation findet statt, aber das ist nur ein kleiner Teil des zwischenmenschlichen Pheromon-Austauschs."