Inderin addiert schneller als ein Taschenrechner

Elfjährige gewinnt WM-Titel im Kopfrechnen. Mathe-Experte sagt: Das kann jeder lernen

Magdeburg. Damit hatten selbst die altgedienten Mathe-Strategen nicht gerechnet: Eine Elfjährige aus Indien ist neue Weltmeisterin im Kopfrechnen. Fast ungläubig hielt Priyanshi Somani als jüngste Teilnehmerin dieser vierten Titlkämpfe in Magdeburg den Pokal der Gesamtsiegerin in die Höhe.

Seit ihrem sechsten Lebensjahr belegt Priyanshi zusätzlich zum Schulunterricht Kurse im Abakusrechnen, also dem Rechnen an einer Tafel mit beweglichen Perlen. Mittlerweile braucht sie dieses Hilfsmittel nicht mehr. Sie muss sich die Perlen lediglich in der Fantasie vorstellen. Aber auch dann bewegen sich ihre Finger so, als schiebe sie noch immer die kleinen Kugeln hin und her. Addieren, Multiplizieren, Kalenderrechnen - alles kein Problem für das junge Mathe-Ass.

Sie multiplizierte achtstellige Zahlen und addierte zehn zehnstellige

Die flinke Rechnerin addierte zum Beispiel zehn zehnstellige Zahlen schneller als ein Taschenrechner. Und ebenso mühelos multiplizierte sie achtstellige Zahlen im Kopf, ohne jedes Hilfsmittel (siehe die WM-Aufgaben im Text unten). Nur eine Disziplin hatte ihr vor dem Wettbewerb Probleme bereitet: Wurzelziehen. Aber die hat sie offenbar auch rechtzeitig lösen können. "Priyanshis Mutter hatte mich in einem Brief gebeten, ihr Literaturtipps zu geben", sagt Ralf Laue, Mathematiker an der Universität Leipzig und Erfinder der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen. Diese Tipps müssen sehr gut gewesen sein, denn das Kind gewann ausgerechnet in dieser Kategorie. "Das hätte ich nicht erwartet", sagt Laue. Die Quadratwurzeln aus zehn sechsstelligen Zahlen hatte die Collegeschülerin nach nur 411 Sekunden heraus. So setzte sie sich in der Gesamtwertung gegen 37 Teilnehmer aus 16 Ländern durch; der älteste war 61 Jahre alt.

Erfolgreich waren bei der WM in Magdeburg auch zwei Deutsche. Beim Kalenderrechnen schaffte es Robin Wersig aus dem brandenburgischen Finsterwalde, in nur einer Minute insgesamt 47 Daten aus mehreren Jahrhunderten die richtigen Wochentage zuzuordnen. Er wurde Vizeweltmeister in dieser Disziplin. Jan van Koningsveld aus dem niedersächsischen Emden landete auf Platz drei.

Aber wie bringt man es zu solchen Leistungen im Kopfrechnen? Dazu müsse man kein Genie sein, versichert Mathematiker Ralf Laue. "Es gibt Techniken, die helfen. So ist zum Beispiel die Kreuzmultiplikation eine einfache Methode zur Multiplikation mehrstelliger Zahlen." Damit könnten bereits interessierte Viertklässler mehrstellige Beträge ohne die Hilfe von Computern multiplizieren. "Man muss nur verstehen, was bei dieser Rechenart geschieht", sagt der Experte - während der Laie nur ratlos den Kopf schüttelt.

Auch die Fähigkeit, einem wahllos herausgegriffenen Datum einen Wochentag zuzuordnen, grenzt für den Normalbürger an Zauberei. Aber der Experte winkt einmal mehr ab. Das sei lediglich Mathematik, erklärt Laue: "Der Kalender ist sehr strukturiert aufgebaut. Am besten beginnt man mit 2010. Man merkt sich, auf welchen Wochentag jeweils der Erste des Monats fällt. Wenn das ein Sonntag war, muss der achte wieder ein Sonntag sein." Wenn man sich die zwölf Wochentage gemerkt habe, könne man den Kalendertag für ein Jahr ausrechnen. Im nächsten Jahr rücke alles einen Tag vor. Dieses Weiterrücken von Jahr zu Jahr müsse man dann nur noch in einen Algorithmus packen, dann komme man ganz fix von einem Jahr auf ein Jahrhundert. Noch Fragen ...?

Nach Ansicht von Laue gibt es keine von Natur aus guten oder schlechten Rechner, nur trainierte und untrainierte. "Im Hundertmeter-Lauf können sie auch nur schnell werden, wenn sie fleißig trainieren. Genauso ist es mit dem Rechnen", sagt Laue. Sein Tipp: Im Alltag häufiger den Taschenrechner ruhen lassen und an der Kasse im Supermarkt zum Beispiel einfach mal mitrechnen. Eine andere Parallele sieht er im Musizieren. "Das ist wie bei einem Klavierspieler, der sich am Anfang große Mühe gibt, um die Noten in den richtigen Anschlag einer Taste zu übersetzten. Wenn er das oft genug gemacht hat, spielen die Finger praktisch allein", sagt Laue. Ebenso wie die Musik könne auch das Rechnen ins Unterbewusste dringen. Allerdings macht der Mathematiker ein überraschendes Eingeständnis: Er selbst könne nicht bei der WM mitmischen: "Die Leute glauben immer, ich könnte gut rechnen, weil ich der Schiedsrichter bin. Aber ich lasse lieber rechnen", sagt er.

Interessierte können sich im Internet einen Test herunterladen

Wer seine Fitness im Kopfrechnen überprüfen und feststellen will, ob sie für eine Teilnahme an der nächsten Weltmeisterschaft in zwei Jahren ausreicht, kann sich im Internet unter www.recordholders.org/en/events/worldcup einen Test herunterladen. Unter derselben Adresse findet sich dann auch ein Bewerbungsbogen für das Jahr 2012.