Missbrauch

Vorstand der Odenwaldschule tritt zurück

Heppenheim. Es war eine "hoch emotionale Sitzung", in deren Folge fünf von sieben Mitgliedern des Vorstandes der Odenwaldschule (Hessen) zurücktraten. Und damit ist der Weg frei für einen Neuanfang für das von Missbrauchsfällen erschütterte private Elite-Internat.

Drei Wochen nach Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe musste bei einer Krisensitzung am Wochenende ein Großteil des Vorstandes seinen Hut nehmen. "Wir machen den Weg frei", begründete die ausgeschiedene Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann. "Der Druck der Öffentlichkeit war zu groß." Damit bleiben vom Vorstand der Schule nur Schulleiterin Margarita Kaufmann und der umstrittene Geschäftsführer Meto Salijevic im Amt. Voraussichtlich am 29. Mai soll ein neuer Vorstand gewählt werden.

"Das war kein freiwilliger Rücktritt", sagte der Sprecher des Trägervereins der Schule, Philipp Sturz, nach dem mehrstündigen nicht öffentlichen Treffen. Den Vorständen sei ihr Schritt schwergefallen. Von den Zurückgetretenen waren einige schon im Amt, als es 1999 erste Hinweise auf Missbrauch gab. "Die Rücktritte machen den Weg frei für einen Neuanfang", bekräftigte Marc Tügel von der Gruppe der Altschüler. Der Frankfurter Anwalt einiger Opfer, Thorsten Kahl, meinte hingegen, die Schule habe es "erneut versäumt, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen". Seine Kritik bezog sich auf Geschäftsführer Salijevic. "Dass er nicht zurücktrat, ist eine weitere schallende Ohrfeige für die Opfer."

Die Fälle wurden damals seitens der Schule nicht weiter verfolgt. Für die Staatsanwaltschaft waren die lange zurückliegenden Vorwürfe verjährt. Die Schule spricht von 33 Betroffenen aus den Jahren 1966 bis 1991. Acht Lehrer werden beschuldigt. Informationen des "Spiegels", wonach inzwischen 40 Missbrauchte und zehn beschuldigte Lehrer bekannt sind, wollte die Schulleitung nicht bestätigen. Als Haupttäter verdächtigt wird der frühere Schulleiter Gerold Becker, der von 1969 bis 1985 an der Privatschule arbeitete und mittlerweile sexuelle Übergriffe eingeräumt hat. Schulleiterin Kaufmann kündigte eine "vollständige und transparente Aufarbeitung" an.

Die Odenwaldschule wird im nächsten Monat 100 Jahre alt. Auf der Liste ihrer ehemaligen Schüler stehen bekannte Namen. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der Schriftsteller Klaus Mann und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der im "Spiegel" sein Schweigen zu den Vorgängen gebrochen hat. Sein 2008 gestorbener Sohn Andreas hatte Ende der 60er-Jahre in der Wohngruppe des Schulleiters Becker gelebt. Weder er noch seine Frau hätten von den Missbrauchsfällen "Kenntnisse gehabt, auch nicht durch Andreas", sagte Weizsäcker dem Nachrichtenmagazin.