Erdbeben in Haiti

Deutsche spenden 10 Millionen - Lage weiter katastrophal

Foto: REUTERS

Weltweit rollt eine Welle der Solidarität für Haiti an. In dem zerstörten Land warten Hunderttausende weiter auf medizinische Hilfe.

Berlin. Schon mehr als 10 Millionen Euro haben die Bundesbürger in der ersten Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti gespendet. Und die Welle der Hilfsbereitschaft rollt weiter: Ein Großaufgebot von Stars und Prominenten sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützen ZDF und „Bild“ heute Abend bei der „Ein Herz für Kinder“-Spendengala. Nach der Show um 22.00 Uhr dürfte das deutsche Spendenaufkommen noch einmal deutlich in die Höhe geschnellt sein.

In der Sendung wollen die Band Silbermond, Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen und Sarah Connor für weitere Spenden werben. Unter anderem war ein Schaltgespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geplant.

Die Zuschaueranrufe sollten von einer großen Prominentenriege entgegengenommen werden, darunter die Boxer Arthur Abraham und Vitali Klitschko, die Sängerinnen Andrea Berg und Vicky Leandros, die Schauspieler Gaby Dohm und Andrea Sawatzki, Meistertrainer Felix Magath, die Designer Jette und Wolfgang Joop sowie die Ehefrau von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Stephanie zu Guttenberg.

Die beiden Moderatoren Thomas Gottschalk und Steffen Seibert wollten im Laufe der Sendung mehrfach den aktuellen Spendenstand bekanntgeben. RTL hat nach eigenen Angaben seit der vergangenen Woche 800.000 Euro für Haiti gesammelt.

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6 Millionen Euro sammelte das Bündnis „Entwicklung hilft“, wie Sprecherin Barbara Wiegard sagte. Die Gesamtsumme erhöhe sich derzeit sehr schnell, seit dem Tsunami 2004 habe es eine solche Hilfsbereitschaft nicht mehr gegeben. Rund 1,23 Millionen Euro stammen aus der „Anne Will“-Sondersendung am Sonntagabend: „Die Anrufzahlen waren derart hoch, dass 40.000 Anrufe nicht direkt entgegen genommen werden konnten und auf einen Anrufbeantworter umgeleitet wurden“, teilte das Bündnis mit. Mehr als 80.000 Anrufe seien eingegangen, 65.000 Anrufe müssten nach und nach abgearbeitet werden.

Sie sei „wirklich beeindruckt von der Großzügigkeit unserer Zuschauer“, sagte Anne Will. Beeindruckt habe sie auch die große Zahl kleinerer Einzelspenden: „Die Menschen spenden offenbar selbst dann, wenn sie selbst nicht viel haben, denn jeder Euro zählt“, erklärte Will. Auf das gemeinsame Konto des Aktionsbündnisses „Deutschland hilft“ flossen bislang 2,5 Millionen Euro an zweckgebundenen Spenden für Haiti. Hinzu kommen die Direktspenden an die zehn Mitgliedsorganisationen wie Care, die Malteser und World Vision. „Wir sind sehr froh“, sagte Sprecherin Maria Rüther. Die große Summe helfe den Organisationen dabei, sich nach der Nothilfe auch mittelfristig in Haiti zu engagieren.

Das Deutsche Rote Kreuz hat bislang eine Million Euro an direkten Spenden gesammelt. „Und ein Teil der traditionellen Überweisungen dürfte noch gar nicht gutgeschrieben worden sein“, sagte DRK-Sprecherin Svenja Koch der DAPD. Weitere 860.000 Euro gingen an das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe, dem neben dem Roten Kreuz auch Caritas International und die Diakonie angehören.

„Wir sind sehr dankbar für das Mitgefühl der Menschen in Deutschland und ihre Spendenbereitschaft“, betonte die DRK-Sprecherin. Verglichen mit dem Spendenaufkommen nach den verheerenden Wirbelstürmen auf Haiti im Jahr 2008 – damals gingen rund 30.000 Euro ein – sei die Summe diesmal riesig. Das Spendenaufkommen nach dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 von 124 Millionen habe allerdings eine andere Größenordnung gehabt.

Außerdem gibt es weiter große Einzelspenden: Die Erzdiözese München und Freising stellte am Dienstag 100.000 Euro als Soforthilfe für Haiti bereit. Die Freigabe weiterer Mittel solle nach Rücksprachen mit Hilfskräften vor Ort geprüft werden. Das Erzbistum hat nach eigenen Angaben gute Verbindungen nach Haiti.

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Die Welle der Hilfsbereitschaft geht um die ganze Welt. In Schweden spendete ein Geschäftsmann 100 Millionen Kronen (knapp 10 Millionen Euro) für ein Kinderhilfswerk. In den Niederlanden wurden laufende Adoptionsverfahren beschleunigt. Eine Chartermaschine flog am Montag 109 Kinder aus Haiti nach Amsterdam, inzwischen sind die Kinder in ihren neuen Familien angekommen. Eine italienische Adoptionskommission teilte mit, die Telefone stünden nicht mehr still – viele Menschen wollten haitianischen Waisen ein neues Zuhause bieten.

Die Bundesregierung will möglichst rasch haitianische Kinder nach Deutschland holen, die von Deutschen adoptiert worden sind. Die ersten Kinder könnten in den kommenden Tagen das zerstörte Land verlassen, berichtet die „Saarbrücker Zeitung“ in ihrer Mittwochausgabe. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes habe diese Information bestätigt. Dabei handelt es sich um Kinder, die bereits vor dem Erdbeben in einem laufenden Adoptionsverfahren gewesen sind.

Die Zahl der Jungen und Mädchen liegt der „Saarbrücker Zeitung“ zufolge im oberen zweistelligen Bereich. Das Auswärtige Amt habe sich um eine unbürokratische und menschliche Lösung mit der haitianischen Regierung bemüht, sagte eine Sprecherin. Mitarbeiter der deutschen Botschaft hätten alle Heime aufgesucht, in denen sich die Adoptivkinder befänden. Ihr Gesundheitszustand und ihre Versorgung seien überprüft worden.

In allen katholischen Kirchen in Deutschland wird es am kommenden Sonntag eine Sonderkollekte für Haiti geben, und es wird ein Appell der Bischöfe verlesen. „Dieses unbeschreibliche Elend des haitianischen Volkes fordert die ganze internationale Gemeinschaft zu Mitgefühl und Solidarität auf“, heißt es in dem Aufruf an die Gläubigen.

Für Spenden per SMS nutzen alle Hilfsorganisationen die einheitliche Sondernummer 8 11 90. Darauf hat der Branchenverband Bitkom hingewiesen. Über das versendete Stichwort können Spender die gewünschte Hilfsorganisation und den Spendenzweck festlegen.

Bei Haiti-Spenden ist der Standardbetrag für SMS-Spenden auf fünf Euro festgelegt. Diese Summe wird auf die nächste Telefonrechnung aufgeschlagen. Von den fünf Euro leitet die Spendino GmbH mit Sitz in Berlin 4,83 Euro an die gewünschte Hilfsorganisation weiter, 17 Cent gehen an den Handy-Provider als Gebühr. Wie das Spenden per SMS genau funktioniert, kann man unter www.spendino.de nachlesen.

Einfach ist auch das Spenden per Online-Formular: Die großen Hilfsorganisationen haben solche Online-Spendenformulare auf ihren Websites platziert. Dahinter steht in der Regel ein elektronisches Lastschriftverfahren, bei dem der Spendenbetrag vom Konto abgebucht wird, wie Bitkom erklärt. Die Spender geben ihre persönlichen Daten, die Bankverbindung und den Spendenbetrag an. Nur mit einem Stichwort beziehungsweise Verwendungszweck kann die Spende eindeutig zugeordnet werden.

Laut Bitkom sollten Spender darauf achten, dass die Angaben im Online-Spendenformular in verschlüsselter Form übertragen werden: „Eine sichere Verbindung erkennt man an den Buchstaben ,https' in der Adresszeile und am Schloss-Symbol rechts unten im Browser“, informierte Bitkom. Das Risiko beim Lastschriftverfahren sei generell gering, da ungerechtfertigte Abbuchungen innerhalb von sechs Wochen widerrufen werden könnten.

Bieten Hilfsorganisationen das Spenden per Kreditkarte an, müssen die Spender neben persönlichen Angaben die Kreditkartendaten angeben. Auch hier sei das Missbrauchsrisiko gering, wenn die Daten mit einer sicheren Verbindung übertragen würden, erklärt Bitkom.

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Eine Woche nach dem vernichtenden Erdbeben wird das ganze Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Tausende Verletzte warten in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince und anderen zerstörten Regionen weiter verzweifelt auf erste medizinische Versorgung. Hilfs- und Ärzteteams arbeiten bis zur völligen Erschöpfung rund um die Uhr. Oft werden Patienten auf offener Straße behandelt. Viele haben lebensbedrohliche Wundinfektionen. Die Tausenden internationalen Helfer und Soldaten kommen in der Trümmerstadt Port-au-Prince nur langsam und schwer voran. Leichen werden in Massengräbern beigesetzt.

Viele Verletzte schleppen sich mit letzter Kraft in die inzwischen eingerichteten, aber völlig überfüllten Notfallzentren. „Es sind überwiegend Knochenbrüche, zerquetschte Gliedmaßen, offene Wunden. Und eine Woche nach dem Beben sehen die Wunden auch entsprechend aus; die sind verschmutzt, die sind groß, die sind infiziert – das sind keine glatten Schnitt- oder Bruchwunden. Das kann nicht mehr genäht werden. Wir reinigen und desinfizieren“, sagte die aus Mosbach bei Heidelberg stammende Krankenschwester Elke Felleisen.

mmer wieder gibt es aber auch Lichtblicke im Chaos: So meldeten israelische Helfer, dass sie nach sechs Tagen eine Studentin lebend bergen konnten. Die junge Frau wurde aus den Trümmern der Universität in Port-au-Prince befreit. Mit Spezialgeräten sei es gelungen, eingestürzte Gebäudeteile anzuheben und so eine Öffnung zu schaffen. Das Rettungsteam habe sie dann zur Behandlung in ein israelisches Feldlazarett gebracht. Allerdings sind dies Einzelfälle. Viele Haitianer wissen auch eine Woche nach dem Unglück nicht, wo ihre Familien und Freunde sind.

Unter den Vermissten sind auch acht Deutsche. Bisher wurde ein Deutscher tot unter den Trümmern gefunden. Berichte über ein zweites deutsches Opfer wurden in Regierungskreisen nicht bestätigt. Eine geborgene Frau aus München sei keine Deutsche gewesen, hieß es.

Bis Dienstag hatten 52 Rettungsteams mit 1820 Helfern und 175 Hunden nach UN-Angaben insgesamt rund 90 Menschen lebend gerettet. Vereinzelt gab es weiter Meldungen über Plünderungen und gewalttätige Übergriffe mit Schießereien. Doch beschrieb die Sprecherin des UN- Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe (OCHA), Elisabeth Byrs, die Lage insgesamt als „angespannt, aber ruhig“. „Die Bevölkerung kooperiert. Die Lage ist unter Kontrolle“, sagte sie. Die Vereinten Nationen entsenden 3500 weitere Soldaten und Polizisten in das Erdbebengebiet, beschloss der Sicherheitsrat am Dienstag einmütig. „Dieses Kontingent setzt sich aus 1500 Polizisten und 2000 Soldaten zusammen. Sie sollen für Frieden und Sicherheit sorgen und beim Aufbau helfen“, erklärte Chinas UN-Botschafter Zhang Yesui als derzeitiger Präsident des Gremiums in New York.

Die Zahl der Toten nach dem Beben der Stärke 7,0 könnte nach Schätzungen der haitianischen Regierung auf 200.000 steigen. Nach Angaben von EU-Katastrophenhelfern wurden bis Montag 70.000 Tote bestattet. 250.000 Menschen seien verletzt, rund 1,5 Millionen obdachlos geworden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, das Beben werfe das bitterarme Haiti in seiner Entwicklung um viele Jahre zurück. „Die Menschen in Haiti brauchen unsere und Ihre weitere Unterstützung. Sie brauchen unsere Solidarität“, schrieb sie in einem Gastkommentar für die „Bild“-Zeitung. Die deutsche Bundesregierung stellte bisher 7,5 Millionen Euro an Soforthilfe für Haiti zur Verfügung.

1. SO KÖNNEN SIE SPENDEN

2. ERDBEBENKARTE DES DEUTSCHEN GEOFORSCHUNGSZENTRUMS IN POTSDAM