Urteil: RTL muss 173 000 Euro an Künstlerkasse zahlen

Im Namen des Volkes: Bohlen ist Kunst

Aus der Abteilung unsterbliche Worte: "Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten."

Hamburg. Als der Dramatiker Karl Kraus dies vor hundert Jahren schrieb, konnte er nicht ahnen, dass die westliche Kultur einmal von Zwergen dominiert werden würde.

Apropos: Einer der umtriebigsten Kulturschaffenden hierzulande ist zweifellos der meist bescheiden als "Pop-Titan" titulierte und medial allgegenwärtige Dieter Bohlen. Als Kind noch unverdächtig in Ostfriesland aufgewachsen, hat der Tötensener Titan, statistisch gesehen, inzwischen jeden der 82 Millionen Deutschen mit je zwei seiner Tonträger beglückt. Und wurde dafür 2003 unter die größten 30 Deutschen gewählt. Bohlen, der mit seiner Gruppe Modern Talking eine Art musikalisches Malen nach Zahlen betrieb, also Seit an Seit mit Maestro Beethoven. Der hätte damit sicher keine Probleme - er war bekanntlich stocktaub.

Als Juror des RTL-Casting-Spektakels "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), einer Mischung aus Dilettantenstadl und öffentlicher Hinrichtung, wollte Bohlen unbedingt den richtigen Ton treffen. Nun lasen sich selbst vernichtende Kritiken in Zeiten deutscher Hochkultur etwa so: "Das Stück wurde unter recht belastenden Umständen für das Publikum aufgeführt - der Vorhang war offen." Oder: "Der Beifall war enden wollend."

Als "Triumph der Empfindsamkeit" (Goethe, auch ein Titan, aber nicht aus Tötensen) fiel die Kunstkritik bei Juror Bohlen weniger aus. "Wenn ich meinem Hund eine Currywurst in den Hintern schiebe, dann macht der auch solche Geräusche", beschied er ein hoffnungsvolles Sangestalent. Das hat Stil, verletzt nicht und macht Mut.

Kein Wunder, dass sich das Sozialgericht Köln gestern beeilte, Juror Bohlen den Status eines Künstlers zuzuerkennen - ungeachtet des Niveaus seiner Beiträge, die "in Ansätzen schöpferische Gestaltung erkennen" ließen.

Das Urteil bedeutet, dass der Sender RTL für die DSDS-Juroren 173 000 Euro an die Künstlersozialkassse abführen muss. Das wollte RTL nicht, weil Bohlen ja keine künstlerische Tätigkeit ausübe. Doch - das tut er. Vermutlich für Leute, die beim Spitzentanz fragen: "Warum nehmen die denn nicht gleich größere Mädels?"

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