Deutscher Schüler in türkischer Haft: Eltern und Bundesregierung bitten um Gnade

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Seit mehr als zehn Wochen sitzt Marco W. aus dem niedersächsischen Uelzen nun schon in einem türkischen Gefängnis.

UELZEN. Seit mehr als zehn Wochen sitzt Marco W. aus dem niedersächsischen Uelzen nun schon in einem türkischen Gefängnis. Der 17 Jahre alte Schüler war wegen eines Urlaubsflirts mit einer 13 Jahre alten Britin in der Mittelmeerstadt Antalya in Haft genommen worden. Die Mutter des Mädchens hatte den Realschüler wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs angezeigt.

Marcos Eltern haben an die türkischen Behörden appelliert, ihren Sohn freizulassen. "Er ist noch ein Kind. Er befindet sich in körperlich und psychisch äußerst schlechtem Zustand", ließen die Eltern des Jungen gestern über ihren Anwalt erklären. Für die Eltern sei es nicht zu verkraften, ihren Sohn ohne Hilfe allein zu lassen - nach einem nur zehnminütigen Gespräch pro Woche hinter einer Glasscheibe. So habe der Vater mitansehen müssen, wie sein Junge nach dem Besuch von drei schwer bewaffneten Uniformierten abgeführt wurde, er habe geweint und seinen Vater hilfesuchend angesehen.

Die Bundesregierung forderte die Türkei auf, den Schüler bis zu seiner Verhandlung am 6. Juli auf freien Fuß zu setzen. Dies lehnt die türkische Justiz aber ab. Nun setzt sich auch SPD-Bundestagsfraktionschef Peter Struck für Marco ein, der aus seinem niedersächsischen Wahlkreis Celle-Uelzen stammt. Struck verlangt von den türkischen Behörden, den Jungen unverzüglich freizulassen. Das Verfahren müsse zum Abschluss gebracht werden.

Die türkische Zeitung "Hürriyet" kritisierte dagegen die Forderung der Bundesregierung nach einer Freilassung scharf. Sie bedeute eine "Beleidigung" des Justizsystems eines anderen Staates. "Stellen Sie sich vor, die türkische Regierung würde der deutschen Regierung für einen in Deutschland inhaftierten türkischen Staatsbürger eine solche Verbalnote überreichen - unvorstellbar." Die Berichterstattung in Deutschland bezeichnete das Blatt als "Medienkampagne". Mit keinem Wort gingen die Zeitungen auf die Vorwürfe ein, die gegen den 17-Jährigen erhoben würden.

Auch die Uelzener wollen Marco helfen. So sammelt das örtliche Technische Hilfswerk (THW), bei dem sich Marco in seiner Freizeit als Jugendgruppenleiter engagiert, Spenden, damit sein Vaters die häufigen Reisen nach Antalya und die Honorare des türkischen Anwalts bezahlen kann. Das berichtete die "Hamburger Morgenpost am Sonntag". Währenddessen muss Marco weiter unter den Haftbedingungen leiden. So teilt er sich mit 30 anderen ausländischen Gefangenen eine Zelle, eine Dusche und eine Toilette. Das Essen müssen sich die Gefangenen selber im Gefängnis kaufen und zubereiten - für viel Geld natürlich.

Dem 17-Jährigen droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren. Der Junge wollte ursprünglich in den vergangenen Wochen seinen Realschulabschluss machen und hatte sich bereits in einer Fachoberschule angemeldet.

Marco W. und das britische Mädchen waren sich bereits im Osterurlaub in der Mittelmeerstadt Antalya nähergekommen. Marco hatte beteuert, mit dem Mädchen lediglich geflirtet zu haben. Die Britin soll sich ihm gegenüber außerdem als 15-Jährige ausgegeben haben.

( dpa, HA )