Die Armee des Papstes

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Bettina Gabbe

Schweizergarde: Mut, Verlässlichkeit und "Göttliche Eingebung": Warum es seit 500 Jahren Eidgenossen sein müssen. Sie sind im Nahkampf ausgebildet und tragen Schußwaffen. Frauen haben in der kleinen Truppe auch künftig keine Chance.

Vatikanstadt. Im Frühjahr 1505 erreichte die "Eidgenossen Oberalemanniens" eine ebenso bedeutsame wie überraschende Botschaft. Absender war kein Geringerer als der Papst: "Auf Gottes Eingebung hin" habe er die Absicht gefaßt, "200 Fußknechte aus euren Landen in Sold zu nehmen", damit sie den Apostolischen Palast schützen sollten, übermittelte Julius II. und schloß mit einer Mahnung an die Schweizer: Sie mögen doch seinem Wunsch "im Geist der Ehrerbietung" Folge leisten, "zumal es eurer ganzen Nation zum Lob gereicht".

In Luzern und Zürich wurden daraufhin die ersten 150 Mann rekrutiert. Sie zogen zu Fuß über den Gotthardpaß und marschierten am 22. Januar 1506 in Rom ein. Dort wurden sie neu eingekleidet, bekamen den päpstlichen Segen und zogen noch am Abend in ihre Kaserne ein - kurz und prosaisch war der Amtsantritt. Diesen Sonntag feiert die Schweizergarde ihren 500. Gründungstag.

Aber warum suchte Papst Julius II. damals seine Beschützer in der Schweiz?

Es waren bewegte Zeiten in Rom, und das Kirchenoberhaupt lag politisch mit Venedig, den Franzosen und Spaniern im Clinch. Militärischer Schutz mußte her, und da Julius angesichts der Ränkespiele im heimischen Rom eigenen Landsleuten nicht viel Vertrauen schenkte, schaute er sich im Ausland um. Schweizer Männer hatten sich seinerzeit in Europa als verläßliche Söldner einen Namen gemacht. Und Julius selbst war schon einmal auf ihren Schutz angewiesen gewesen, als er 1494 - damals noch Kardinal - im Gefolge des Königs auf dem Rückweg vom fehlgeschlagenen Feldzug gegen Neapel in Bedrängnis geriet.

"Kleinste Armee der Welt" wird die Garde auch heute, nach einem halben Jahrtausend ihrer Existenz, noch oft genannt. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit. 110 Gardisten auf 500 Staatsbürger des Vatikans, ein Soldat auf fünf Einwohner - nirgendwo sonst gibt es auch nur annähernd eine solch hohe Rate. Der Vatikan ein hochgerüsteter Staat? Auch nicht ganz richtig: Außer Pfefferspray, Karateausbildung und Handfeuerwaffen kann die Garde nur ihren Verteidigungswillen ins Feld führen.

Den zeigte sie heldenhaft vor allem bei der Plünderung Roms im Mai des Jahres 1527: Damals fielen schätzungsweise 20 000 deutsche und spanische Landsknechte in die Stadt ein. Papst Clemens VII. flüchtete in den Petersdom. Vor seinen Augen wurden seine Beschützer und Verteidiger niedergemetzelt, 147 fanden den Tod. Ein Zeitzeuge notierte: "Da er (der Papst) das gesehen, ist er bald von der mess geflohen und eilends durch ain haimliche thur und beschlossenen gang gestigen, und so schnell gelaufen dass ihm der schwaiss ausgegangen." Danach wurde eine deutsche Leibwache eingesetzt, die aber nicht sehr lange bestand. 1542 übernahmen wieder Schweizer den Job. Das traumatische Datum 6. Mai wird aber noch heute alljährlich begangen.

Heute begleiten Schweizergardisten das Kirchenoberhaupt auch auf Reisen, nehmen Ordnungs- und Ehrendienste wahr und - vor allem - kontrollieren die Eingänge zum Vatikanstaat, was für sie selbst nicht besonders spannend, jedoch für Touristen eine besondere Attraktion ist. Keine Miene verziehen die Männer mit den bunten Uniformen in den Medici-Farben Rot, Gelb und Blau, wenn Besucher aus aller Welt ihre Kameras und Foto-Handys zücken, um sie abzulichten, während sie höflich, aber bestimmt - und in bis zu acht Sprachen - den Zugang zum Papst verweigern.

"Der Schweizer ist vielleicht etwas stur am Eingang und läßt niemanden ohne weiteres durch", erklärt Gardekommandant Elmar Mäder. Italiener würden wohl eher mit sich reden lassen. "Ich glaube, daß man gerade das an den Schweizern schätzt", meint der Familienvater und frühere Unternehmensberater aus St. Gallen. Trotz Nachwuchsmangels nimmt die Garde weiterhin nur Schweizer auf. Frauen sind bei der Truppe nicht zugelassen. "Die Männer sind jung, sie wohnen in der Kaserne, da ist es ziemlich eng. Da will ich keine Probleme haben", stellt Mäder klar.

Doch die Garde als reine Staffage, als Operettenarmee zu bezeichnen, wäre ihm ein Dorn im Auge. Unter der Hand hieß es unlängst, der ehrgeizige Kommandant fordere mehr Kompetenzen für seine Mannen. Wenn der neue deutsche Papst Benedikt XVI. in Rom unter die Leute gehe oder in den Ferien in den Alpen flaniere, übernehme immer öfter die staatliche Polizei die Führung in Sicherheitsfragen, klagte er. Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus bringt den Gardekommandanten dabei allerdings nicht aus der Ruhe. "Ich kann nicht 365 Tage im Jahr auf Alarmismus machen, weil es dann nichts mehr nützt, wenn ich wirklich Alarm auslösen muß", erläutert er. Gegen Selbstmordattentäter sei im übrigen wohl sowieso "kein Kraut gewachsen".

Ab März soll eine Ausstellung im Vatikan die Funktion und Geschichte der Schweizergarde illustrieren. Im April werden sich ehemalige Gardisten auf den Spuren ihrer frühen Vorgänger zu Fuß von Bellinzona in der Schweiz nach Rom auf den Weg machen. Innerhalb von 27 Tagen wollen sie die rund 700 Kilometer zurücklegen, um pünktlich zur jährlichen Vereidigung neuer Rekruten in Rom zu sein. Die wird erstmals auf dem Petersplatz stattfinden. Voraussichtlich sogar in Anwesenheit des Papstes aus Deutschland.

( dpa, HA )